Auf den Spuren eines Geschichtenerzählers

von Redaktion

Tilman Spreckelsen liest in Stephanskirchen aus seiner Preußler-Biografie

Stephanskirchen – Mit einer Lesung über Leben und Werk von Otfried Preußler setzte die Gemeinde Stephanskirchen einen weiteren Höhepunkt im Jubiläumsjahr zum 100-jährigen Bestehen der Gemeindebücherei. Rund 70 Besucher fanden sich in der Aula der Otfried-Preußler-Schule ein, um den Journalisten und Preußler-Biografen Tilman Spreckelsen zu erleben.

Spreckelsen gilt als ausgewiesener Kenner des weltberühmten Kinder- und Jugendbuchautors. In seiner 2023 erschienenen Biografie „Otfried Preußler: Ein Leben in Geschichten“ zeichnet er das Leben des Schriftstellers nach, dessen Name untrennbar mit Stephanskirchen verbunden ist.

Unterschiedliche
Facetten beleuchtet

Zu den Gästen der Veranstaltung zählten neben zahlreichen Literaturinteressierten auch Zeitzeugen sowie drei ehemalige Schüler Preußlers. Sie erlebten einen Abend, der weit über eine klassische Autorenlesung hinausging und die verschiedenen Facetten eines außergewöhnlichen Lebens beleuchtete.

Spreckelsen begann seine Ausführungen mit Preußlers Kindheit im böhmischen Reichenberg, dem heutigen Liberec in Tschechien. Der 1923 geborene Schriftsteller wuchs in einem Lehrerhaushalt auf, der von Literatur, Erzähltraditionen und Heimatkunde geprägt war. Sein Vater, selbst Lehrer und leidenschaftlicher Heimatforscher, sammelte Sagen und Mythen des Isergebirges. Regelmäßige Besuche im Heimatmuseum weckten beim jungen Preußler früh die Begeisterung für Geschichten, Märchen und Theater – Motive, die später zahlreiche seiner Werke prägen sollten.

Ausführlich widmete sich Spreckelsen auch den weniger bekannten und schwierigen Kapiteln von Preußlers Biografie. Nach dem Anschluss des Sudetenlandes an das Deutsche Reich 1938 gehörte der Jugendliche der Hitlerjugend an. Als 17-Jähriger stellte er einen Antrag auf Aufnahme in die NSDAP. Zwischen 1940 und 1942 entstand zudem das Jugendbuch „Erntelager Geyer“, das deutlich von den Idealen der damaligen Zeit beeinflusst war.

1942 meldete sich Preußler freiwillig zum Kriegsdienst. Zwei Jahre später geriet er in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Erst 1949 kehrte er nach Deutschland zurück. Besonders eindrucksvoll schilderte Spreckelsen die Ankunft des mittellosen Heimkehrers am 23. Juni 1949 am Rosenheimer Bahnhof. Dort wurde er von seiner Verlobten Annelies Kind empfangen, die zur besseren Wiedererkennung ein Dirndl trug.

In Oberbayern begann für Preußler ein neuer Lebensabschnitt. Zunächst arbeitete er als Werbetexter bei der Firma Pitt in Stephanskirchen und anschließend als freier Journalist. Um seiner Familie eine sichere Existenz zu ermöglichen, absolvierte er die Ausbildung zum Volksschullehrer. Bis 1970 unterrichtete er an der Volksschule Stephanskirchen und war zuletzt auch als Rektor tätig.

Wie rasch Preußler in seiner neuen Heimat Fuß fasste, verdeutlichte Spreckelsen anhand zahlreicher Anekdoten. Schon sein erster Bergausflug führte ihn auf die Kampenwand. Auch die Seen des Voralpenlandes wurden zu beliebten Ausflugszielen.

In seinem Haus am Rübezahlweg in Haidholzen, dessen Bau mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden war, empfing er später zahlreiche Gäste. Dort traf er sich unter anderem mit dem Schriftsteller Michael Ende.

Zeitzeugen kommen
zu Wort

Zum Abschluss der Lesung kamen mehrere Zeitzeugen zu Wort und erinnerten sich an persönliche Begegnungen mit dem Autor. Dabei entstand ein lebendiges Bild eines Menschen, der trotz seines weltweiten Erfolgs seinen Mitmenschen stets zugewandt geblieben war.

Den emotionalen Schlusspunkt setzte schließlich eine ehemalige Schülerin. Sie zitierte einen Eintrag, den Otfried Preußler einst in ihr Poesiealbum geschrieben hatte: „Bücher sind Freunde, die für uns Zeit haben.“ Ein Satz, der an diesem Abend nicht nur als Erinnerung an den großen Geschichtenerzähler verstanden wurde, sondern auch als Vermächtnis seines Lebenswerks.

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