Vogtareuth – „Aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen“ – diese Lebensweisheit hat sich auch Jennifer Kunze aus Vogtareuth zu eigen gemacht. 2023 erlebte sie einen Wendepunkt in ihrem Leben. „Ich habe damals in einer Metzgerei gearbeitet“, sagt die 45-jährige Vogtareutherin. Plötzlich ging aber gar nichts mehr. Starke Schmerzen im Rücken machten einen normalen Arbeitsalltag unmöglich. Die Diagnose: zwei Bandscheibenvorfälle und der ärztliche Ratschlag, sich nach einer anderen beruflichen Tätigkeit umzusehen.
Neustart auf dem Sattel
und Umschulung
Für die dreifache Mutter ein Schock. Aber kein Grund, sich unterkriegen zu lassen. Sie begann mit Krankengymnastik, startete noch im selben Jahr eine Umschulung – und schwang sich in den Sattel. Zunächst war sie mit dem Mountainbike unterwegs, dann auf dem Rennrad. „Mein Mann Falko war mein Motivator“, sagt die Dreifachmama. Der sei dem Radsport schon länger verfallen und nehme seit 2022 auch an Ultra-Rennen teil. Ihre Erfolge und Erfahrungen halten beide auf ihren Instagram-Accounts bike.racing.mum und bike.racing.dad fest.
Da sie aufgrund ihrer Diagnose ohnehin mehr Sport machen musste, wurde aus der Pflicht Routine, aus der Routine wurde eine Leidenschaft. Aus zwei- bis dreimal Krafttraining pro Woche wurden fünf bis sechs Tage pro Woche Sport – Radfahren und Laufen für die Kondition inklusive. Unter der Woche meist früh morgens, wenn die Kinder noch schlafen. Ehemann Falko unterstützt sie, indem er ihr Trainingspläne erstellt und ihr den Rücken im Alltag freihält. „Das war überhaupt kein Thema. Da kann ich mich auf ihn verlassen.“
Das Paar achtet zudem verstärkt auf eine passende Ernährung: „Wenig Fleisch, mehr regionale Produkte – und vor allem genug Proteine für den Muskelaufbau beziehungsweise -erhalt“, so Kunze. Inzwischen trainiert sie regelmäßig, etwa am Sudelfeld-Pass. „Hier hat man ja alles vor der Tür.“
Ihre Teilnahme an Rennen gehe auf ein Gewinnspiel zurück, bei dem die Vogtareutherin einen Startplatz bei der „Alpentour Trophy“ gewann, einem Mountainbike-Etappenrennen in den steirischen Alpen. „Wenn ich das schon gewinne, dann muss ich etwas dafür tun“, hat sie sich damals gesagt und sich mit einem Personal Trainer gründlich vorbereitet, „um das Rennen konditionell zu schaffen“.
Beflügelt von der Teilnahme habe sie sich von ihrem Mann breitschlagen lassen, die 200 Kilometer zu den Schwiegereltern mit dem Rad zu fahren. Damit standen Tür und Tor offen für die nächste Herausforderung. „Beim Race Across Austria kann man verschiedene Distanzen fahren“, sagt Falko Kunze.
Und so habe er sie zu der Teilnahme an ihrem ersten Ultra-Rennen über 300 Kilometer und 4.000 Höhenmeter im Juni 2025 überreden können. „Auch wenn du langsam bist, einfach weiterfahren.“ So habe sie sich ohne Druck langsam und konstant steigern können. Ein Erfolgsrezept, das für sie zu funktionieren scheint. Denn bei ihrem ersten Ultra-Rennen holte sie mit einer Zeit von 20 Stunden und 41 Minuten gleich den dritten Platz bei den Damen.
„Sobald du das Ziel siehst, kommt die geballte Ladung an Gefühlen“, sagt Jennifer Kunze. Erleichterung, Stolz, Entspannung, Überwältigung – „unbeschreiblich“. Auch die entstandenen Freundschaften seien bereichernd. „Wir haben so viele coole Leute kennengelernt, die das Gleiche machen und ähnlich denken.“
Im Frühjahr dieses Jahres ging Jennifer Kunze bei dem 300-Kilometer-Rennen „Rund um den Harz“ an den Start und holte den zweiten Platz. Ehemann Falko war auch dabei an ihrer Seite und unterstützte sie. „Wenn möglich begleite ich ihn auch immer bei seinen Rennen.“ Der Radsport habe sie noch näher zusammengebracht, das Verständnis füreinander sei gewachsen und tiefer geworden. „Es verbindet“, so die 45-Jährige.
Falcos Traum: Mit Jennifer
am Nordkap radeln
„Mein Traum wäre es, dass wir gemeinsam am Ultra Race am Nordcap teilnehmen“, hofft Falko Kunze. Das lässt seine Frau aber offen: „Das ist mir aktuell noch zu viel. Aber wer weiß.“
In diesem Jahr will sie es noch einmal wissen. Am 18. Juni geht sie erneut beim Race Across Austria (RACA) an den Start. Dieses Mal aber die 500 Kilometer. 48 Stunden hat sie dafür Zeit. „Mein Ziel wären 40 Stunden“, sagt sie. Im August geht sie dann aufs Ganze und plant den größten Streckenabschnitt von 1.000 Kilometern im Duo. Ihre Teampartnerin hat sie durch den Radsport kennengelernt.