Brannenburg – Wie beginnt eine Reise in die Dunkelheit? Peter Hofmann beginnt sie nicht mit Gesteinsschichten, Jahreszahlen oder langen Vorträgen, sondern mit einer Frage. Rund zwanzig Besucher stehen am Drehkreuz nahe dem Höhleneingang hinter dem Bergbahnhof der Zahnradbahn, als der Brannenburger Höhlenforscher wissen will, was sie mit einer Höhle verbinden. Die Antworten kommen schnell: Dunkelheit. Kälte. Enge. Neugier. Hofmann hört zu, lächelt und sagt dann einen Satz, der die Stimmung sofort löst: „Ich wette jedes Mal mit mir selbst, ob von meinen Gästen zuerst etwas Positives oder etwas Negatives genannt wird.“
Behutsame
Annäherung
So beginnt am Wendelstein keine bloße Führung, sondern eine behutsame Annäherung an einen Ort, der sich nicht auf den ersten Blick erschließt. Hofmann spricht zunächst nicht über Zahlen, sondern über Menschen. Höhlen, sagt er, seien seit Urzeiten Schutzräume, Zufluchtsorte und Lebensräume gewesen. Sie galten nie nur als Orte der Furcht, sondern auch als Orte der Erfahrung und der Vorstellungskraft. Dann ordnet er die Welt unter Tage in vier Felder: Geologie, Biologie, technische Erschließung und die Frage, was Höhlen mit Menschen machen. Es ist eine knappe Einführung, aber sie reicht, um den Blick der Gruppe zu verändern. Wer hier hinuntergeht, soll nicht nur schauen, sondern verstehen.
Wenig später kippt die Welt. Hinter dem Eingang verschwindet das Tageslicht, die Temperatur fällt auf rund drei Grad, und die Stimmen klingen gedämpfter. Die Gruppe rückt enger zusammen. Hofmann hebt die Lampe und führt sie Schritt für Schritt weiter hinein.
Der heutige Zugang, erklärt er, sei nicht der ursprüngliche. Er wurde in den 1960er-Jahren künstlich geschaffen, um Besuchern den Einstieg zu erleichtern. Der natürliche Eingang liege oberhalb, enger und schwerer zugänglich – ein Rest aus einer Zeit, in der Höhlenforschung noch deutlich mehr Abenteuer bedeutete.
Was Wasser und
Zeit hinterlassen
Unter Tage lenkt Hofmann den Blick auf das, was der Berg in seinem Inneren preisgibt. Nach heutigem geologischen Verständnis, erklärt er, habe Wasser den Wettersteinkalk über sehr lange Zeiträume bearbeitet, Klüfte erweitert und Hohlräume geschaffen.
Die Wendelsteinhöhle gilt unter Fachleuten gerade wegen ihrer Höhenlage als besondere Erscheinung. Hofmann spricht vorsichtig von einer geologischen Besonderheit: Spuren im Gestein deuteten darauf hin, dass hier einst Wasser in ganz anderer Menge unterwegs gewesen sei als heute. Für Besucher werden solche Prozesse oft erst dann greifbar, wenn sie direkt auf die ausgewaschenen Formen im Fels schauen.
Entlang des Rundgangs greift Hofmann immer wieder auf die vier interaktiven Stationen zurück, die im Rahmen des Konzepts „Inntaler Unterwelten“ eingerichtet wurden. Sie liefern zusätzliche Informationen zu Geologie, Biologie, Psychologie und Kulturgeschichte der Höhlen. Doch die Führung lebt weniger von Tafeln als von der Art, wie Hofmann den Ort erklärt.
Er spricht über Luftströmungen, über winzige Tiere, die an das Leben in der Dunkelheit angepasst sind, und über die eigentümliche Ruhe unter Tage. Dabei bleibt er stets bei der Gruppe, wartet an engeren Stellen, drängt niemanden und macht aus der Führung keine Prüfung des Mutes.
Je weiter der Weg führt, desto stärker verändert sich die Wahrnehmung. Schritte hallen stumpf, die Kälte sitzt fester, und selbst kleine Bewegungen wirken bewusster. Dann weitet sich der Raum. Im sogenannten Höhlendom steigt die Decke an, und die Gruppe bleibt atemlos stehen.
Hofmann lässt einen Moment Stille zu, bevor er weiterspricht. Hier unten, sagt er, bekomme man eine Ahnung davon, in welchen Zeiträumen ein Berg überhaupt zu denken sei. Der Satz ist nicht groß, aber er sitzt. Gerade weil Hofmann seine Führung so ruhig hält, wirkt sie nach. Er erzählt nicht effekthungrig, sondern genau. Er macht aus der Höhle keinen Schaudersaal, sondern einen Erfahrungsraum.
Hofmann verfügt über ein beeindruckendes Detailwissen, das er den Besuchern auf bemerkenswert verständliche Weise vermittelt. Die Wendelsteinhöhle erscheint so weder als bloße Sehenswürdigkeit noch als Kulisse für schnelle Sensationen, sondern als Teil eines Berges, der unter seiner Oberfläche noch einmal ganz anders beschaffen ist als oben am Gipfelweg oder auf der Sonnenterrasse.
Als die Gruppe wieder ins Freie tritt, wirkt das Tageslicht beinahe hart. Einige bleiben noch einen Augenblick stehen, blinzeln und schauen hinüber in die Helligkeit über dem Bergbahnhof. Hofmann spricht jetzt auch über das Praktische: Die Führungen werden an ausgewählten Terminen angeboten und über die Wendelsteinbahn organisiert. Viel mehr muss er in diesem Moment nicht sagen. Die Gesichter der Besucher zeigen ohnehin, dass sie etwas mitnehmen, das sich nicht in Eintrittspreisen oder Uhrzeiten ausdrücken lässt.
Oben zeigt sich
die Aussicht
Vielleicht ist das die eigentliche Qualität dieser Führung. Sie bestätigt am Ende nicht einfach die Erwartungen von Dunkelheit, Enge und Kälte. Sie verschiebt sie. Wer mit Peter Hofmann in die Wendelsteinhöhle geht, verlässt sie nicht nur mit mehr Wissen, sondern auch mit einem veränderten Blick auf den Berg. Oben zeigt der Wendelstein seine Aussicht. Unten zeigt er sein Inneres.