Bad Endorf – Mit den eigenen Kindern Fußball spielen oder auf dem Boden herumtollen – für viele Menschen sind das Selbstverständlichkeiten. Für einen jungen Familienvater aus der Region waren sie es nicht mehr. Denn er war so adipös, dass dies nicht mehr möglich war, erzählt Jennifer Guderitz. Sie ist Allgemeinärztin und Diabetologin in der hausärztlichen Praxis Bad Endorf. Erst nachdem der Mann Gewicht verloren hatte, sei das wieder möglich gewesen.
Nachhaltig
Gewicht verlieren
Geschichten wie diese sind für die Medizinerin und ihre Kollegen ein Antrieb. Mit „Adimax“ haben sie nun ein neues, multimodales Programm entwickelt, das Menschen mit Adipositas dabei unterstützen soll, langfristig und nachhaltig Gewicht zu verlieren.
Adipositas, umgangssprachlich Fettleibigkeit, ist eine chronische Erkrankung, bei der sich übermäßig viel Körperfett ansammelt. Gemessen wird sie mithilfe des Body-Mass-Index (BMI). Liegt dieser über 30, sprechen Ärzte von Adipositas. „Dann fängt es an, dass das Leben einfach schwerer wird“, sagt Dr. Ulla Thomas-Cuntz, Allgemeinärztin, Diabetologin und Ernährungsmedizinerin. Sie und Jennifer Guderitz haben das Programm mitentwickelt.
Auch wenn der BMI bei sehr muskulösen oder sehr schlanken Menschen an seine Grenzen stößt, ist er für die meisten Menschen ein brauchbarer Maßstab. Das Problem betrifft mittlerweile einen großen Teil der Bevölkerung: Mehr als die Hälfte der Deutschen ist übergewichtig. Rund ein Viertel ist adipös, zählt Thomas-Cuntz auf.
Dabei ist die Krankheit nicht nur eine Frage der Ästhetik. Starkes Übergewicht habe „ganz vielschichtige Folgeerkrankungen“, sagt Guderitz. Das Risiko für Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Nierenschäden, orthopädische Beschwerden und Krebs steigt deutlich an. Langfristig leiden auch Beweglichkeit und Selbstständigkeit. „Im schlimmsten Fall wird man früher pflegebedürftig“, sagt Thomas-Cuntz.
Um Kilos zu verlieren, setzen viele auf Diäten. Doch der Erfolg bleibt oft aus. Für Thomas-Cuntz ist das kein Zeichen mangelnder Disziplin. „Man spricht da auch von der Adipositas-Pandemie“, erklärt sie. Das Problem ist nicht mehr nur individuell, sondern gesellschaftlich. Bewegungsmangel, versteckter Zucker, Fett und Salz in Fertiggerichten sowie ein hektischer Alltag begünstigten die Gewichtszunahme.
Hinzu kommen psychologische Faktoren. Essen dient als Trost, Belohnung oder Stressbewältigung. „Es passiert nicht von heute auf morgen, sondern ist meist ein schleichender Prozess über Jahre“, sagt Guderitz über die Gewichtszunahme. Diäten verschärfen das Problem häufig sogar.
Denn beim schnellen Gewichtsverlust geht neben Fett- auch Muskelmasse verloren. Dadurch sinkt der Grundumsatz. Wer anschließend wieder wie zuvor esse, nehme oft erneut zu. „Die Leute, die immer wieder Diäten machen, landen bei einem höheren Gewicht als die Leute, die keine Diät machen“, sagt Thomas-Cuntz.
Hier soll das Programm Adimax der hausärztlichen Praxis Bad Endorf ansetzen. Es läuft über sechs Monate und kombiniert Ernährungs-, Bewegungs- und Verhaltenstherapie in Kleingruppen mit maximal zehn Teilnehmern. „Unsere vierte Säule ist die ärztliche Betreuung“, erklärt Guderitz. Zu Beginn, nach etwa drei Monaten und zum Abschluss finden ärztliche Untersuchungen statt. So können Fortschritte dokumentiert und mögliche Risiken erkannt werden.
Besonders wichtig ist den Ärztinnen die Verhaltenstherapie. Sie komme in der Adipositasbehandlung bislang häufig zu kurz. „Viele sagen, dass sie das mit der Ernährung schon kennen, es aber trotzdem nicht schaffen“, berichtet Ulla Thomas-Cuntz. In den Kleingruppen wird deshalb analysiert, wann und warum gegessen wird, welche Rolle Stress spielt und wie Essen mit Emotionen zusammenhängt. Ziel ist es, Gewohnheiten dauerhaft zu verändern.
Auch die Bewegungstherapie mit Sporttherapeuten verfolgt einen anderen Ansatz als klassische Fitnessprogramme. Viele Betroffene schämen sich für ihren Körper und haben Hemmungen, Sport zu treiben, erzählt Jennifer Guderitz aus Erfahrung in der Praxis. Deshalb lernen die Teilnehmer verschiedene Bewegungsangebote in der Region kennen – vom Krafttraining in der Fitnessalm bis zum Bewegungsbecken im ambulanten Rehazentrum. „Wir wollen die Menschen zur Bewegung befähigen“, sagt Thomas-Cuntz. Entscheidend sei, eine Aktivität zu finden, die Freude macht und in den Alltag passt.
Ab der Hälfte des Programms kann eine medikamentöse Therapie mit der Abnehmspritze ergänzt werden. Die Medikamente unterdrücken Hunger und erleichtern dadurch die Gewichtsabnahme.
Für Thomas-Cuntz ist jedoch klar, dass sie allein keine dauerhafte Lösung darstellt. „Wenn ich sie absetze, geht das Gewicht wieder hoch“, weiß sie. Deshalb könne die Zeit während der Medikation mit der Abnehmspritze genutzt werden, um neue Gewohnheiten aufzubauen.
Multimodales
Konzept in der Region
Das Angebot richtet sich grundsätzlich an Menschen mit einem BMI von mindestens 30 oder ab 27, wenn bereits Begleiterkrankungen wie Diabetes oder Schlafapnoe bestehen. Da Adimax eine Selbstzahlerleistung ist, können aber auch Übergewichtige mit etwas geringerem BMI teilnehmen, die nachhaltig abnehmen möchten.
Die Kosten liegen laut Ulla Thomas-Cuntz bei rund 1.600 Euro für sechs Monate. Zum Vergleich: Eine Behandlung allein mit der Abnehmspritze koste etwa 5.000 Euro pro Jahr, so die Ärztinnen. Ulla Thomas-Cuntz kennt ähnliche multimodale Konzepte bislang nur aus München.
Ein Infoabend soll im Juli stattfinden. Der Besuch ist Voraussetzung für die Teilnahme am Programm.