Obing/Großkarolinenfeld/ Oberaudorf – Die Kirche im Dorf lassen: Was einst eine Redewendung für Augenmaß war, wird für viele Gemeinden zur Herausforderung. Immer weniger Gläubige und knappe Kassen setzen die Kirchen unter Druck. Um ihre Gebäude zu erhalten, müssen neue Wege gefunden werden.
Rund 1.000 evangelische und katholische Kirchen sind in Deutschland seit 2015 umgenutzt, verkauft oder abgerissen worden, teilt der Evangelische Pressedienst mit. Derzeit gibt es bundesweit noch etwa 44.000 Gotteshäuser, ihre Zahl wird sich in den nächsten Jahren weiter reduzieren.
50 Prozent der Gebäude brauchen andere Nutzung
Die Kirchen arbeiten an Immobilienkonzepten. Bis Ende 2025 musste jedes Dekanat der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche in Bayern eine Gebäudekonzeption beschließen. „Im Dekanat Rosenheim wurden alle Gebäude, sowohl die 27 Sakralbauten, als auch Gemeindehäuser und Pfarrhäuser kategorisiert“, erläutert Dekanin Dagmar Häfner-Becker. Nur die in der „Kategorie A“ werden langfristig erhalten und mit Kirchensteuermitteln unterstützt. Alle anderen sollen mittel- oder kurzfristig transformiert werden. „Dabei geht es um Umnutzungen, Mitnutzungen und – falls das nicht möglich ist – gegebenenfalls auch um einen Verkauf“, erklärt Dagmar Häfner-Becker. Landeskirchenweit müssten etwa 50 Prozent aller Gebäude aus der kirchlichen Nutzung genommen und transformiert werden. „Das ist auch der ungefähre Richtwert für unser Dekanat.“
Damit die Kirche im Dorf bleiben kann, sind die Kommunen oft die ersten Ansprechpartner der Kirchgemeinden. In Obing laufen schon seit etwa einem Jahr Gespräche zwischen der evangelischen Kirchgemeinde Bad Endorf und der politischen Gemeinde. Die Kirchgemeinde, zu der auch Amerang, Eggstätt, Halfing, Höslwang, Obing, Pittenhart und Söchtenau gehören, möchte die Johanneskirche in Obing für neue Ideen öffnen. „Unser Wunsch wäre es, die Kirche über Erbbaurecht zu verpachten“, informiert Pfarrerin Solveig Umbreit. Beispielsweise, so erste Gedanken, könnte die Gemeinde Obing das Gebäude für soziale Zwecke, etwa für Kinder- und Jugendarbeit, nutzen. „Wir führen offene Gespräche, beschäftigen uns im Gemeinderat mit diesem Thema, aber es ist ein langwieriger Prozess“, betont Bürgermeister Josef Huber. Eine vernünftige Nachnutzung müsse mit Bedacht geplant werden.
Die Kirchgemeinde Oberaudorf-Kiefersfelden teilt ihre „Kirchen(t)räume“ schon seit zwei Jahren mit kreativen Menschen. So wurde die Erlöserkirche in Kiefersfelden mit viel Eigeninitiative renoviert und der Kirchenraum so gestaltet, dass er nicht nur für Gottesdienste, sondern auch für Konzerte, Meditation, Ausstellungen und Kultur einen attraktiven Raum bietet. „Die Erlöserkirche ist durch das Engagement vieler Ehrenamtlicher zu einer Veranstaltungskirche geworden“, beschreibt Pfarrer Günter Nun.
Denkmalschutz bremst „Kirchen(t)räume“
In Oberaudorf ist das schwieriger. Die Auferstehungskirche ist nach der Gebäudekonzeption nicht mehr förderfähig, also gibt es von der Landeskirche keine finanziellen Mittel mehr. Die kleine Kirchgemeinde mit 1.200 Gläubigen kann es sich nicht leisten, neben der Kiefersfeldener Kirche auch noch die denkmalgeschützte Kirche in Oberaudorf zu erhalten. Allein die Sanierung des Holzschindeldaches würde mehr als 100.000 Euro kosten. Also sucht die Gemeinde nach kreativen Köpfen, die „mit Respekt vor der Vergangenheit und einer Vision für die Zukunft diesen besonderen Ort neu interpretieren wollen“.
Künstler Hannes Seebacher war der Erste, der das Projekt „Kunstkirche Oberaudorf“ umsetzen wollte. Am Konzept hatte er fast ein Jahr gemeinsam mit der Kirchgemeinde gefeilt. Geplant waren Kunstinstallationen, Musikveranstaltungen, Kunst-Workshops und Begegnungen. Doch nach wenigen Monaten scheiterte die Idee am Denkmalschutz. „Im Innenraum der Kirche dürfen keine Veränderungen erfolgen“, erläutert Pfarrer Günter Nun.
Die Bänke müssen stehen bleiben. Wärmeisolation und Heizung fehlen. Und so wurde auch der neue Gedanke, die Kirche zu einer Aussegnungshalle zu machen, verworfen. „Momentan haben wir keine Interessenten für die Erlöserkirche“, bilanziert Nun. Die Transformation eines denkmalgeschützten Gotteshauses ist hürdenreich. Doch die Gemeinde gibt nicht auf: „Nur fehlt uns momentan noch eine zündende Idee.“ Im Kirchennebenraum indes ist mit Klavierkonzerten des Münchner Pianisten Jürgen Plich Leben eingezogen.
Die Kirche der Zukunft braucht viele Partner
Kirchen stiften Identität für ihre Gemeinden. In Großkarolinenfeld ist es gelungen, die älteste evangelische Kirche in Oberbayern durch eine umfassende Generalsanierung wieder zu einem lebendigen Ort religiösen und kulturellen Lebens zu machen. Die Sanierungskosten von rund zwei Millionen Euro konnten dank eines engagierten Fundraisings von Pfarrer Dr.Richard Graupner, dem Förderverein und der Kirchgemeinde sowie durch die finanzielle Unterstützung der Landeskirche, des Bundes-Denkmalschutz-Sonderprogramms, der Gemeinde Großkarolinenfeld, der Nachbargemeinde Tuntenhausen, der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und des Leader-Programms aufgebracht werden.
In der katholischen Kirche hat der Transformationsprozess gerade erst begonnen. Die Erzdiözese München-Freising hat das Leitprojekt „Immobilien und Pastoral“ gestartet, in dem die künftige Nutzung von Kirchen, Pfarrheimen und Pfarrhäusern betrachtet wird. „Der pastoral genutzte Immobilienbestand soll an die jeweiligen Bedürfnisse und die pastoralen Schwerpunkte angepasst werden“, informiert ein Sprecher des Erzbischöflichen Ordinariats München. Angesichts begrenzter Ressourcen müsse für ein ausgewogenes Verhältnis aus angemessener Nutzung und tragfähigen Unterhalts- und Sanierungskosten gesorgt werden.
Kirchen sind ein „Schatz, aber auch eine Last“
„Wo kein Bedarf mehr gesehen wird, muss die Immobilienlast reduziert werden“, betont Dr. Stephanie Herrmann, die Amtschefin des Ordinariats. Die vielen Gebäude seien ein „Schatz, aber auch eine Last“. In der Erzdiözese werden rund 3.000 kirchliche Gebäude für die Seelsorge und pastorale Aufgaben genutzt, vor allem Kirchen und Kapellen, Pfarrheime und Pfarrhäuser. Die Gebäude sind meist Eigentum der Kirchen- und Pfründestiftungen vor Ort. Für Bau- und Instandhaltungsmaßnahmen stehen den Kirchenstiftungen pro Jahr 50 Millionen Euro an Zuschüssen der Erzdiözese zur Verfügung.
Mit der Kirche St. Benedikt in Ebenhausen wurde bislang nur ein Kirchengebäude einer Kirchenstiftung profaniert. Bis 2031 sollen nun alle 18 Dekanate der Erzdiözese München-Freising ein Gebäudeportfolio erarbeiten, informiert ein Sprecher. „Die dazu notwendigen Entscheidungen werden in den Kirchenstiftungen vor Ort gefällt.“ Im Landkreis Rosenheim gebe es aktuell noch keine konkreten Planungen für den Verkauf oder die Umnutzung von Sakralbauten.
Eine Aufgabe
der Gesamtgesellschaft
Kirchentransformation müsse als gesamtgesellschaftliche Aufgabe verstanden werden, an der sich der Freistaat mit Fördermitteln beteiligen müsse, fordern die Grünen im Bayerischen Landtag. Nur so könnten auch Kommunen zum Verkauf stehende Sakralbauten erwerben und umnutzen – und je nach dem Bedarf vor Ort zu Treffpunkten für Gemeinde und Vereine, zu Kulturräumen, Bibliotheken, Kitas oder Wohnprojekten transformieren.
„Wir konnten einen Teilerfolg erzielen“, informiert Landtagsabgeordnete Claudia Köhler. Am Runden Tisch soll das Thema nun gemeinsam vorangebracht werden.