Aschau – Der Eiskeller: Wo sonst Bässe wummern, geht es an einem Montagabend im Juni ruhiger zu. Verantwortlich dafür ist Josef Lausch, Landtagsabgeordneter der Freien Wähler. Dort, wo sich junge Leute zum Tanzen und Feiern treffen, will er an diesem Abend darüber sprechen, welche Perspektive junge Menschen in der Region haben. Dafür hat er diejenigen eingeladen, die Bescheid wissen: Jugendbeauftragte von Gemeinden und Vereinen, junge Politiker und natürlich die Jugendlichen selbst.
Von denen lassen sich allerdings nicht so viele blicken, wie Lausch schon bei der Begrüßung feststellt. „Aber das ist okay, ich wäre bei dem Wetter auch eher in den Biergarten gegangen“, sagt er und schmunzelt. Das Treffen sei ohnehin ein Experiment. So etwas habe er zuvor noch nie veranstaltet.
Was treibt die Jugend
der Region um?
Auf den heißen Stühlen – heute an der Bar im Eiskeller – nehmen vier junge Politiker und eine Politikerin Platz. Sie stellen sich den Fragen, die Lausch vorbereitet hat. Was die Jugend umtreibt, das will er von den Gästen wissen. Philipp Seitz weiß das ziemlich gut. Er ist Präsident des Bayerischen Jugendrings. „Jeder Fünfte denkt darüber nach, Deutschland zu verlassen“, erzählt er. Das habe eine Studie aus diesem Jahr gezeigt. Krieg, Inflation, fehlender Wohnraum, Mobilität – all das beschäftige junge Menschen.
Den Wunsch, eines Tages auszuwandern, kann Jacob Buys gut verstehen. Der 21-jährige Landwirtschaftsstudent hat sich dieses Jahr in Raubling als Kreistags- und Gemeinderatskandidat aufstellen lassen. „Die Rente ist nicht sicher, die Sicherheit im Land lässt nach“, sagt er. Da könne er nachvollziehen, dass junge Menschen überlegen, ob sie das „sinkende Schiff“ verlassen.
In der Politik „nicht so
handlungsunfähig“
„Bildung ist auch ein großes Thema. Genau wie die Jobwahl: Welche Berufe sind überhaupt noch zukunftsfähig?“, fügt Maria Hörtrich hinzu. Sie erzählt, dass sie eine Ausbildung zur Erzieherin gemacht hat. Das System habe allerdings überhaupt nicht gepasst, mit 16 Jahren habe sie deshalb schon „eine Revolte anzünden“ wollen, wie sie schmunzelnd erzählt. Ganz so leicht sei das aber dann doch nicht gewesen. Schlussendlich sei sie deshalb in die Politik gegangen. „Man fühlt sich einfach nicht so handlungsunfähig.“
Engagieren können sich junge Menschen aber nicht nur in der Politik, sondern auch in Sportvereinen oder bei der Feuerwehr. „Aber was motiviert die Jugend heute noch, sich in Vereinen zu engagieren?“, fragt Josef Lausch in die Runde. „Gemeinschaft und Selbstwirksamkeit“, sagt Philipp Seitz. „Ehrenamt und Vereine kommen gut an“, betont Luis Sanktjohanser (FDP). Der 26-Jährige ist Dritter Bürgermeister der Gemeinde Neuried bei München. Er fügt aber hinzu, dass immer weniger junge Menschen wirklich Verantwortung im Verein tragen wollen. „Zum Beispiel für Feste.“
Diskussion über
Social-Media-Verbot
Auch das Thema Social Media kommt auf – und damit die Frage, ob es ein Social-Media-Verbot geben sollte. „Social Media ist Teil der Lebensrealität von jungen Menschen“, betont Philipp Seitz. Außerdem seien nicht nur junge Menschen für Fake News anfällig, sondern auch ältere. Das kann Maria Hörtrich bestätigen. „Auch ich bin vor Kurzem auf einen Deepfake hereingefallen“, erzählt sie. Die Lösung laute deshalb Medienkompetenz.
Gibt es etwas, was die ältere Generation für die jungen Leute tun könnte? Auch diese Frage warf Josef Lausch in den Raum. „Zuhören“, antwortet Philipp Seitz. Viel zu oft werde über junge Menschen statt mit ihnen gesprochen. Zudem sollte seiner Meinung nach das Wahlalter abgesenkt werden.
Jacob Buys sieht das ganz anders. „Ich bin gegen das Wählen ab 16“, sagt der 21-Jährige. Ein großer Teil der 16-Jährigen zahle noch keine Steuern und befinde sich zudem durch die Pubertät in einer Zeit des Umbruchs. „Das ist also schwierig, wenn nicht sogar gefährlich“, betont er. Luis Sanktjohanser dagegen erzählt: „Eine Freundin von mir hat sich mit 17 bei der Bundeswehr verpflichtet. Sie könnte also für das Land sterben, aber wählen darf sie nicht.“
„Anfangs dachte ich immer, wählen ab 16 wäre Unsinn“, sagt Maria Hörtrich. Aber dann habe sie darüber nachgedacht und festgestellt, dass sie in ihrer Ausbildung zur Erzieherin mit 16 Jahren schon alleine auf 30 Kinder aufgepasst habe. Warum also sollten Jugendliche in diesem Alter dann nicht auch wählen dürfen? „Wichtig ist, dass Jung und Alt gemeinsame Sache machen und auf Augenhöhe miteinander sprechen“, sagt Julian Preidl. Der 31-Jährige ist der jüngste Landtagsabgeordnete der Freien Wähler. Die Jugend sei nämlich nicht „verkorkst“ und erst recht nicht „verloren“.
Wie das Podium zum Wehrdienst steht, will schließlich Christoph Sigl-reitmaier aus dem Publikum wissen. „Ich bin strikt dagegen“, sagt Philipp Seitz. Die Jugend hätte viel durchgemacht, etwa die Corona-Pandemie. Stattdessen sollte seiner Meinung nach das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ) attraktiver gemacht werden. „Junge Leute sollte man in die Pflicht nehmen“, sagt hingegen Julian Preidl. Sie würden bei der Bundeswehr auch etwas fürs Leben lernen.
Im Publikum sitzt auch Kirsten Hieble-Fritz, neue Bürgermeisterin in Bad Aibling und Freie Wählerin. „Um für die Jugend etwas zu tun, braucht es Finanzmittel“, sagt sie. Das größte Problem liege in der Finanzverteilung. Für ihre Gemeinde könne sie fast nichts finanzieren. „Im Lehrplan steht Schwimmunterricht, aber wir können uns kein Schwimmbad leisten“, erklärt Hieble-Fritz. „Manchmal reicht es, wenn die Gemeinde zusammenhilft“, betont Luis Sanktjohanser. „Jugendarbeit muss nicht immer viel Geld kosten“, sagt auch Julian Preidl. Mit etwas Unterstützung könnten Jugendliche Projekte wie eine Dirtbike-Strecke sogar selbst umsetzen.
Beim Thema Wohnen
muss sich etwas ändern
Wie schätzt Landtagsabgeordneter Josef Lausch die Perspektive der Jugend in der Region ein? „Stadt und Landkreis sind eine Erfolgsregion, die absolut beliebt ist“, sagt er gegenüber dem OVB. Die Einwohnerzahl sei stetig angewachsen. „Das erzeugt wiederum Wohnungs- und Verkehrsengpässe“, so Lausch – nicht unbedingt positiv für die Jugend.
Vor allem was das Thema Wohnen und Wohneigentum betrifft, muss sich in seinen Augen dringend etwas ändern. „In 50 Jahren braucht man Wohneigentum“, sagt er. Als soziale Absicherung. Denn wer 70 Jahre alt sei, wenig Rente bekomme und dann auch noch für die Miete aufkommen müsse, der habe es schwer.
Lausch hat die Veranstaltung im Eiskeller organisiert, weil er selbst drei Söhne im entsprechenden Alter hat. „Ich sehe die Ängste, Nöte, Bedürfnisse und Probleme der jungen Generation“, betont er. Wie vielfältig diese sind, das hat die Diskussion an diesem Abend gezeigt.