Raubling – Bayerns Umweltminister Thorsten Glauber hat Wort gehalten. Im Wahlkampf für die Raublinger Bürgermeisterin Franziska Pfaffenhuber hatte er im März „klare Aussagen zu einem Verschlechterungsverbot“ versprochen und Daten in Aussicht gestellt, die garantieren, dass „Hochwasser- und Grundwasserschutz auch dann funktionieren“, wenn „die Filze voll ist“.
Am 30. April erklärte auch der Ausschuss für Umwelt- und Verbraucherschutz des Bayerischen Landtags die Petition von Johannes Neiderhell aus Kleinholzhausen zur Renaturierung der Raublinger Filzen für erledigt. Schon zu dem Zeitpunkt war klar, dass ein Gutachten klären soll, wie sich renaturierte und nicht renaturierte Moore bei Starkregen verhalten.
Neues Gutachten soll
mehr Klarheit bringen
Nun ist es amtlich: „Im Einvernehmen mit dem Bayerischen Wirtschaftsministerium und zusammen mit den Bayerischen Staatsforsten als Grundstückseigentümer wird das Umweltministerium die Renaturierungsmaßnahmen im Kontext ihrer Auswirkungen auf das Abflussverhalten auf Basis der vorhandenen ausführlichen Daten nochmals zusätzlich begutachten lassen“, informierte eine Sprecherin des Umweltministeriums auf OVB-Anfrage. So würden die Belange der Bürger, insbesondere hinsichtlich des Hochwasserschutzes, noch stärker berücksichtigt.
„Bayern hat bereits vielfältige Maßnahmen ergriffen, um den Schutz der Moore zu stärken“, betont die Ministeriumssprecherin. Damit durch die Wiedervernässungsmaßnahmen vor Ort keine nachteiligen Folgen auftreten, seien das Abflussverhalten des Wassers und mögliche Auswirkungen auf den Grundwasserspiegel bereits im Rahmen der wasserrechtlichen Genehmigungsverfahren intensiv geprüft worden. Nun soll ein weiteres Gutachten mit Abflussmodell erstellt werden. „Derzeit wird das Leistungsbild für das Gutachten erarbeitet“, informiert das Ministerium.
Wie Bürgermeisterin Franziska Pfaffenhuber auf die gute Nachricht reagiert, konnte das OVB leider nicht in Erfahrung bringen. Sie war nicht zu erreichen.
„Wir haben die Vorbereitungen der Renaturierungsmaßnahme gestoppt, bis die Ergebnisse des Gutachtens vorliegen“, erklärt Lasse Weicht, der Leiter des Forstbetriebs Schliersee. Grenzgräben werden nicht weiter ertüchtigt. Der Hieb wurde eingestellt. Standortfremde und instabile Fichtenbestände werden nicht mehr entnommen.
Das Wetter wartet nicht auf neue Gutachten. Am 10. Juni standen nach tagelangem Regen ein etwa 3.200 Quadratmeter großes Waldstück sowie der Geh- und Radweg an der Panger Straße in Nicklheim, im Bereich des Parkplatzes der Moorstation, unter Wasser. Die Gemeinde handelte sofort und holte die Bayerischen Staatsforsten ins Boot.
„Wir haben eine schnelle Lösung gefunden“, erläutert Lasse Weicht, der Leiter des Forstbetriebs Schliersee. „Der gemeindliche Bauhof hat am Rotkehlchenweg einen Durchlass geschaffen, sodass das Wasser in den Moorbereich abfließen konnte.“
Die Ursache für die Überflutung liegt im betroffenen Bereich der Kollerfilze zwischen Panger Straße und dem Forstweg zur Moorstation. Dieser Bereich ist noch nicht renaturiert, die Rückhaltefunktion von Regenwasser ist stark eingeschränkt.
„Hinzu kommt, dass sich hier ein etwa 5.000 Quadratmeter großer ehemaliger Abbaubereich befindet, in dem nur noch eine 20 Zentimeter hohe Torfschicht vorhanden ist, das Geländeniveau also die Tonschicht schon fast erreicht hat“, erklärt Hydrogeologin Sharon Rakowski vom Moor-Team der Bayerischen Staatsforsten.
Wenn sich Torf ungehindert zersetze, könne das Regenwasser nicht mehr im Moor gespeichert werden. Gleichzeitig senke sich das Gelände weiter, bis schließlich nur noch ein toniger oder lehmiger Boden übrigbleibe, der das Wasser staut und Niederschlagswasser kaum in den Boden versickern lasse.
In den Kollerfilzen nördlich des Parkplatzes der Moorstation Nicklheim befinden sich zwei Messpegel: P 15 und P 5. Bei der Auswertung der Messdaten für das Jahr 2025 wurde deutlich, dass das Moor hier bei starken Niederschlägen deutlich reagiert. Nach den Regentagen Mitte Februar 2026 wurde am Pegel 15 mitten im Wald – hier stehen noch 40 Zentimeter Torf an – der höchste Wasserstand mit 13 Zentimetern unter Flur gemessen. Am 10. Juni 2026 stand der Pegel hier bei 65 Zentimetern unter der Geländeoberkante.
Pegel P5 befindet sich in direkter Umgebung des ehemaligen Abbaubereichs, der jetzt unter Wasser stand. Der Moorwasserpegel lag bei P 5 am 10. Juni bei fünf Zentimetern unter Flur. Im ehemaligen Abbaubereich staut sich das Oberflächenwasser. Zudem laufen in diesem Bereich die Entwässerungsgräben aus dem nicht renaturierten Waldstück zusammen.
Seit der Trockenlegung der Moore für den Torfabbau führen sie das Wasser aus dem Moor ab. Aus der Kollerfilze fließt es über den Bahngraben in den Oberen Tännelbach und weiter in den Ammerbach Richtung Raubling und Kirchdorf. Das Problem dabei: Der Bahngraben entwässert nicht nur eine große, noch nicht renaturierte Moorfläche. Er steht auch in Verbindung mit den großen Seen der bereits renaturierten Kollerfilze, die infolge des Frästorfabbaus entstanden sind.
Um das Ökosystem Moor mit seiner Rückhaltefunktion für Regenwasser wiederherzustellen, soll es renaturiert werden. „Die Renaturierung könnte den Abfluss aus dem Moor deutlich verlangsamen“, sagt Sharon Rakowski. Geplant ist, auf einer Fläche von rund 135 Hektar in der nordöstlichen Hochrunst- und in der Kollerfilze bei Nicklheim etwa 340 Torfdämme in die Entwässerungsgräben einzubauen, damit das Wasser auf der Fläche gehalten und der Abfluss verlangsamt wird.
Ursprünglich sollte die erste Bauphase im Herbst 2026 in den bebauungsferneren Bereichen im Nordosten und Südwesten der Panger Straße sowie im Süden von Nicklheim beginnen. Im Frühjahr 2028 sollte die zweite Bauphase folgen. Dann wären bebauungsnahe Moorbereiche im Nordosten und Süden der Nicklheimer Siedlung an der Panger Straße an der Reihe gewesen. Diese Planungen wurden auf Eis gelegt.
Jetzt wird ein neues Gutachten erstellt, um das Abflussverhalten des Moores genau zu berechnen und mögliche Hochwasserszenarien simulieren zu können. Dadurch wird nun auch ein mehrjähriges Monitoring der Wasserstände möglich. Schon seit einem Jahr wird mit 14 Messpegeln in der nordöstlichen Hochrunstfilze und der Kollerfilze das Verhalten des Moores beobachtet. Die Messdaten, die Erfahrungen der Anwohner und Hochwasserereignisse wie das vom 10. Juni fließen in das neue Gutachten ein.
Einige Hundert
Hektar wiedervernässt
Der Landkreis Rosenheim ist mit 17.845 Hektar Moorfläche einer der moorreichsten Landkreise in Oberbayern. Schon seit 2005 werden großflächig Renaturierungen durchgeführt. So wurden allein in den Rosenheimer Stammbeckenmooren einige Hundert Hektar wiedervernässt – darunter auch die Kollerfilze an der Moorstation in Nicklheim. Vom aktuellen Stopp der Renaturierungsmaßnahme ist das Landratsamt Rosenheim nicht betroffen.
„Das Landratsamt plant derzeit keine Renaturierungsmaßnahmen in den Rosenheimer Stammbeckenmooren“, heißt es auf OVB-Anfrage. Dafür werde derzeit ein Gutachten erstellt, ob künftig noch mehr Wasser in den Kollerfilzen zurückgehalten werden kann. Mit den Ergebnissen wird Anfang 2027 gerechnet.