Stephanskirchen – Als Fabian Orsetti 2011 in den Pfarrverband Stephanskirchen und Haidholzen kam, war vieles neu. Heute, 15 Jahre später, kennt ihn die Gemeinde als engagierten Seelsorger und Prediger. Seit zwei Jahren ist er zudem stellvertretender Dekan des Dekanats Rosenheim. Bevor er im Herbst als Stadtpfarrer nach Moosburg wechselt, blickt er auf seine Zeit in Stephanskirchen, spricht über Aufbrüche und Herausforderungen in der Kirche und verrät, warum ihn der Neuanfang reizt.
Sie waren 15 Jahre hier in Stephanskirchen. Was waren Höhepunkte, an die Sie gerne zurückdenken?
Also wenn ich so die Zeit überblicke, dann kommt eine ganze Menge an Höhepunkten zusammen. Was am meisten bei mir hängen bleibt, ist dieses Miteinander auf dem Weg zu sein. Am Anfang kennt man sich noch nicht und ist ein bisschen skeptisch: Was ist das für ein neuer Pfarrer? Im Laufe der Zeit wachsen dann das Vertrauen und das persönliche Miteinander. Die Begegnungen im Alltag, die sind für mich kostbarer als einzelne Höhepunkte.
Zu Ihrem Antritt haben Sie gesagt, es ist Ihnen wichtig, den Glauben weiterzugeben. Ist das schwieriger geworden in den vergangenen Jahren?
Der Gegenwind ist schon groß, überhaupt gegen die Kirche. Aber ich erfahre beides. Dieses kritische Auseinandersetzen mit der Kirche und Ablehnung, aber auch ein großes Vertrauen und eine Sehnsucht nach dem Mehr im Leben. Den Glauben weitergeben – das ist für mich immer noch das Zentrum. Der Mensch steht im Mittelpunkt und wir haben ihm etwas anzubieten. Durch die Botschaft unseres Glaubens kann dein Leben noch reicher werden. Und da gilt es natürlich immer wieder zu überlegen: Wie kann ich den Menschen heute das Evangelium und den Glauben verkünden, sodass sie es als Geschenk, als Bereicherung wahrnehmen?
Das unterscheidet sich von Mensch zu Mensch, oder?
Da muss man an der Wirklichkeit ansetzen. Wenn jemand mit einem Trauerfall kommt, überlege ich: Welche Rolle spiele ich als Seelsorger? Vielleicht nicht unbedingt der, der gleich mit der Botschaft des Evangeliums kommt. Aber einer, der da ist in einer solchen Situation. Der zuhört. Bei dem die Leute spüren, der lebt aus dem Glauben. Und dann selbst spüren, der Glaube gibt in so einer Situation Halt.
Welche Entwicklungen in der Kirche machen Ihnen Hoffnung für die Zukunft?
In diesen 15 Jahren habe ich ganz viele Aufbrüche erlebt – aus der Gemeinde heraus. Da ist in Baierbach der Besinnungsweg entstanden – eine Initiative der Ehrenamtlichen. Oder auch das Netzwerk „leben.miteinander“, ein Sozialkreis, der das soziale Leben im ganzen Ort im Blick hat. Die Älteren, die Notleidenden, die Einsamen. Darauf bin ich stolz. Das sind Aufbrüche, wo ich merke: Da ist Leben. Der Glaube gibt den Menschen Motivation, etwas anzupacken. Und das ist ein absolutes Hoffnungszeichen.
Zeitweise haben Sie als Pfarradministrator in Rosenheim auch die Stadtteilkirche Rosenheim-Am Wasen übernommen und seit gut zwei Jahren sind Sie auch stellvertretender Dekan des Dekanats Rosenheim. Wie wichtig ist in solchen Zeiten der Rückhalt in der Gemeinde?
Diese Übergangszeit habe ich vertreten und das ging deswegen auch sehr gut, weil sowohl hier als auch dort in der Stadtteilkirche die Ehrenamtlichen wahnsinnig aktiv sind. Ohne sie würde es hinten und vorne nicht gehen. Und wenn das funktioniert, dann kann man auch mal eine Doppelbelastung gut überbrücken.
Ehrenamtliche sind auch sonst ein wichtiger Bestandteil einer Pfarrei.
Ja, die Pfarrseelsorge baut heute ganz wesentlich auf Ehrenamtliche auf. Und das ist auch gut so. Der Pfarrer steht zwar vorne, aber es ist ein Miteinander. Klar, ein paar Gottesdienste zu feiern, das würde mit dem Pfarrer allein gehen. Aber Gemeinde ist ja viel mehr als nur das.
Sie haben sich aktiv für Moosburg entschieden. Was hat Sie daran gereizt, dort neu anzufangen?
Ich habe mich ins Spiel gebracht für die Stelle, das gebe ich zu. Unser priesterlicher Dienst ist auch ein Dienst des Aufbruchs, finde ich. Der Neuanfang gehört zu jedem Christenleben dazu. Ich habe nach 15 Jahren einfach gespürt, dass es Zeit dafür wird. Die Gemeinde in Moosburg ist, was ich im Vorfeld mitbekommen habe, sehr lebendig. Viele Ehrenamtliche, die anpacken. Eine starke Kirchenmusik. Viele Chöre. Eine gute Jugendarbeit. Das sind alles Faktoren, bei denen ich gesagt habe: Das reizt mich.
Anfang des Jahres haben Sie Ihren Abschied verkündet. Ist es Ihnen schwergefallen, es der Gemeinde zu sagen?
Mir ist es wahnsinnig schwergefallen, das so lange zu verheimlichen. (lacht) Ich war direkt erleichtert, als es raus war. Das Bedauern war schon groß, aber das hat mich dann gefreut. Besser so, als wenn sie sagen: ,Gut, dass er weiter ist.‘ Andererseits habe ich in der Gemeinde immer wieder offen gesagt, dass ich nicht mein ganzes priesterliches Leben hier bin. Dass irgendwann ein Wechsel ansteht.
Stephanskirchen war Ihre erste Pfarrstelle. Was haben Sie gelernt, was Sie mit nach Moosburg nehmen?
Dass ich Geduld brauche. Als junger Pfarrer war ich sehr ungeduldig. Wollte vieles sofort anpacken. Und habe dann gemerkt, manches muss einfach wachsen. Manches geht nur, wenn man Vertrauen aufgebaut hat. An meine nächste Stelle gehe ich also viel gelassener.
Ihr Nachfolger in Stephanskirchen wird Tobias Pastötter. Tauschen Sie sich untereinander aus? Welche Tipps geben Sie ihm?
Wenn ich einen Tipp geben würde, dann das, was ich gerade gesagt habe. Gelassen an die Sache rangehen, nichts überstürzen. Das Wichtigste ist das Kennenlernen der Gemeinde vor Ort und der Menschen. Tobias Pastötter und ich sind schon relativ lange im Austausch. Im Vorfeld vor einem Wechsel gibt es einfach viele Dinge abzusprechen. Aber ich glaube, Stephanskirchen kann sich absolut freuen.
Er ist auch ein recht junger Pfarrer, oder?
Er ist 36 Jahre. Also fast so alt wie ich damals, als ich hergekommen bin. Und es ist auch seine erste Pfarrstelle. Ich glaube, er bringt Schwung mit.
Sie werden mit dem Gottesdienst am Sonntag, 28. Juni, verabschiedet. Los geht es in Moosburg im Oktober. Wie verbringen Sie Ihren Sommer?
Wenn man längere Zeit an einer Stelle war, darf man vom Bistum aus eine kleine Auszeit nehmen. Um das, was gewesen ist, zu verarbeiten und sich aufs Neue einzustimmen. Zuerst gehe ich ins Kloster Münsterschwarzach für einen zweiwöchigen Reflexionskurs. Danach geht es ins Kloster Scheyern. Ein bisschen Stille, Natur, ins Gebet kommen. Und dann habe ich noch Urlaub. Da geht es nach Italien.
Sie legen viel Wert auf gute Predigten. Haben Sie schon eine für den Abschiedsgottesdienst geschrieben?
Nein, noch nicht. Das liegt mir noch ein bisschen im Magen. Was will ich als letzte Botschaft transportieren? Was hinterlässt man in einer Gemeinde? Das ist gar nicht so einfach.
Was würden Sie Ihrer Gemeinde in Stephanskirchen noch gerne mit auf den Weg geben?
Immer wieder Wege zu suchen, wie man den Menschen Jesus nahebringt. Nicht so sehr um Probleme kreisen, sondern Menschen mit Gott in Berührung bringen. Das ist nicht nur Sache der Priester, sondern unser aller Anliegen als Christen. In die Welt zu gehen und den Menschen anzubieten, dass sie diesen Wert für ihr Leben entdecken. Dass es mit Gott besser ist als ohne ihn.
jASMIN eIGLMEIER