Kolbermoor – Dramatische Entwicklungen bei den Kolbermoorer Störchen: Aufgrund des anhaltenden Regens und der niedrigen Temperaturen Anfang Juni hat das Storchenpaar Kaira und Felix seine komplette Brut verloren. Für Nest-Initiatorin Cindy Kock (43) eine „emotional belastende“ Entwicklung. Hinzu kommt, dass die Kolbermoorerin zusätzlich noch mit Anfeindungen im Internet zu kämpfen hat. Mittlerweile hat die 43-Jährige den Live-Stream zum Nestgeschehen vorübergehend eingestellt.
Dauerregen und zu
kalte Temperaturen
Ende Mai mussten sich die Fans der Kolbermoorer Storchenfamilie, die seit der erfolgreichen Brut im vergangenen Jahr das Geschehen im Kolbermoorer Nest gespannt mitverfolgen, bereits von Nachzügler Xaverl verabschieden. Das letzte der vier Küken war erst vier Tage nach seinen drei Geschwistern Skadi, Calimero und Henri aus dem Ei geschlüpft. In den Folgetagen setzte dann das Wetter den Jungtieren so zu, dass letztlich keines der drei verbliebenen überlebte.
„Drei Tage Dauerregen, Temperaturen um acht Grad sowie das eingeschränkte Hudern, also das Wärmen und Abdecken der Küken durch die Altstörche mit dem eigenen Körper und Gefieder, führten dazu, dass die Küken auskühlten und zunehmend erschöpften“, beschreibt Kock gegenüber dem OVB die dramatischen Entwicklungen zwischen Anfang und Mitte Juni. „In diesem Zustand stellen sie oft auch die Nahrungsaufnahme ein, um ihre letzten Energiereserven zu schonen.“ Für ein wasserabweisendes Gefieder seien sie nach Einschätzung von Kock noch zu jung gewesen, gleichzeitig aber bereits zu groß, um von den Eltern dauerhaft vollständig gewärmt zu werden. „Letztlich führte die Kombination aus Kälte, Nässe und Erschöpfung sehr wahrscheinlich zum Tod der Küken“, so die Einschätzung der Kolbermoorerin.
Und das, obwohl sich aus Sicht der 43-Jährigen Storchen-Mama Kaira und Storchen-Papa Felix offensichtlich für das Wohlergehen ihres Nachwuchses eingesetzt hatten. „Zu beobachten waren geordnete Brut- und Fütterungswechsel sowie wiederholte Versuche, die Küken zu schützen, zu wärmen und vor der Nässe zu bewahren“, berichtet die Kolbermoorerin. „Durch die Kombination aus Körpergröße der Küken und durchnässtem Gefieder wurde das Hudern zunehmend erschwert und schließlich kaum noch möglich.“
Auch wenn Cindy Kock der Tod der Jungtiere natürlich mitgenommen hat – für die 43-Jährige handelt es sich beim Verlust der Brut dennoch um „natürliche Abläufe, die unter den gegebenen Wetterbedingungen eintreten können“. „Mir ist dabei wichtig zu betonen, dass der Betrieb eines solchen Nestprojekts mit erheblichen fachlichen, rechtlichen und organisatorischen Rahmenbedingungen verbunden ist“, stellt die 43-Jährige gegenüber dem OVB klar.
Daher stehe sie auch im Austausch mit Fachstellen und Experten wie Oda Wieding vom Landesbund für Vogelschutz (LBV) in Bayern, die für ihr Engagement 2023 mit der Bayerischen Staatsmedaille für herausragende Verdienste um die Umwelt ausgezeichnet worden ist. Auch der Storchenhof beziehungsweise die Vogelschutzwarte Loburg sei eine Anlaufstelle, „die diese Einschätzungen fachlich begleiten“. „Ein Unterschied besteht klar zwischen solchen wetterbedingten Naturereignissen und akuten Verletzungssituationen eines Altstorchs, etwa durch Frakturen oder Fremdkörper“, klärt Kock auf. „Für solche Fälle gibt es definierte Vorgehensweisen, auf die ich vorbereitet bin.“
Rechtliche Vorgaben und Experten-Einschätzungen, die scheinbar für einige Internetnutzer, die die Geschehnisse rund ums Kolbermoorer Storchennest verfolgt haben, keine Rolle spielen. Zwar gibt es laut Kock „eine sehr große Zahl an wertschätzenden und verständnisvollen Rückmeldungen“, für die sie sich „ausdrücklich bedanken“ möchte und die ihr „sehr viel bedeuten“. Ein Teil der Kommentare sei aber „deutlich über sachliche Kritik“ hinausgegangen und habe auch „persönliche Angriffe sowie vereinzelt auch rechtsradikale und pietätlose Inhalte“ enthalten. „Unter anderem wurde mir vorgeworfen, mich am Leid der Tiere zu ergötzen, etwa mit Aussagen wie ,Die Küken mit voller Absicht da oben verrecken lassen und den Kindern erzählen, wie tierlieb man doch ist‘“, gibt die 43-Jährige Einblick in Zuschriften, die sie erreicht haben.
Klare Rückendeckung für Kocks Verhalten und Vorgehen gibt es seitens Storchen-Expertin Wieding vom LBV. „Wer das Brutgeschehen über eine Webcam aus nächster Nähe verfolgt, erlebt nicht nur schöne und faszinierende Naturmomente, sondern manchmal auch belastende Bilder“, stellt das Mitglied des LBV-Weißstorch-Teams klar. „Genau darin liegt aber auch ein wichtiger Teil von Umweltbildung.“ Natur sei „nicht immer idyllisch“. Wieding: „Wetter, Nahrungsknappheit, Konkurrenz unter Jungvögeln oder Brutausfälle gehören zum natürlichen Geschehen dazu.“
Der LBV werbe daher dafür, solche Situationen „mit fachlicher Ruhe“ einzuordnen. So seien Kritik und Betroffenheit selbstverständlich erlaubt, Beleidigungen oder persönliche Angriffe aber „nicht akzeptabel“. „Webcams können einen wichtigen Beitrag leisten, um Verständnis für Wildtiere und ihre Lebensweise zu schaffen“, findet Wieding, die ergänzt: „Dazu gehört auch, auszuhalten, dass Natur nicht immer unseren menschlichen Erwartungen entspricht.“
So stehen Wiedings Hinweise, wie sich der Mensch verhalten soll, komplett mit Kocks Vorgehen im Einklang. „Für Menschen gilt: Nicht vorschnell eingreifen. Solange Altvögel anwesend sind und ihre Jungen versorgen, ist ein Eingriff in das Nest in der Regel weder fachlich sinnvoll noch rechtlich zulässig.“ So würden die Altvögel ihre Jungen „nach ihren Möglichkeiten“ wärmen, schützen und füttern.
„Bei Nahrungsknappheit oder anhaltender Nässe kann es leider auch zu Verlusten kommen“, erklärt die Expertin. „Das ist für Beobachtende schwer auszuhalten, gehört aber zum natürlichen Brutgeschehen.“ Anders verhalte es sich, wenn ein verletzter Storch gefunden werde oder eine konkrete, akute Gefahr bestehe. Dann sei es ratsam, sich an einen Storchenbetreuer, eine fachkundige Pflegestelle oder die Naturschutzbehörde zu wenden. „Eingriffe am Nest selbst dürfen nur nach fachlicher Prüfung und mit entsprechender behördlicher Genehmigung erfolgen“, stellt Wieding klar, die zudem deutlich macht: „Ein Eingriff kann manchmal auch mehr schaden als helfen.“
Ende Februar soll die
Webcam wieder senden
Um „belastende Bilder nicht weiter öffentlich zu zeigen und auch Rücksicht auf sensiblere Zuschauer zu nehmen“, hat Cindy Kock die Webcam an Nest vorübergehend gekappt. Auf ihrer Homepage www.storchennest-kolbermoor.de informiert sie ihre Nutzer dennoch über aktuelle Entwicklungen auf dem Areal. Beispielsweise darüber, dass die Altstörche in den ersten Tagen nach dem Tod ihrer Küken „noch regelmäßig am Nest aktiv“ waren, zudem ein weiterer Storch dort „sporadisch“ vorbeigeschaut habe.
Trotz der schmerzlichen Entwicklungen der Storchenbrut in diesem Jahr und der unschönen Erfahrungen mit einigen Online-Pöblern wird Cindy Kock das Projekt „Kolbermoorer Storchennest“ weiterverfolgen. „Es wird weitergehen“, macht die 43-Jährige gegenüber dem OVB deutlich. „Ein Wiederhochfahren ist spätestens Ende Februar vorgesehen, wenn die neue Saison beginnt.“