Bad Aibling – Mit 13 Jahren ist Jonas Sick als Jugendlicher zum Klettern gekommen. Zwischen Fußball und Tischtennis wurde ihm der ständige Konkurrenzkampf beim Sport zu viel. Außerdem befand er sich damals in einer psychisch nicht besonders einfachen Lebensphase: „Es war eine Depression“, weiß Sick heute. Damals fühlte er sich schlicht innerlich wie gelähmt.
„Ich habe mich da rausgeklettert“, erklärt Sick rückblickend. „Da oben gibt es nur mich und den Fels, sonst nichts“, so der heute 33-Jährige weiter. „Beim Klettern messe ich mich daran, was ich selbst schaffe und an nichts anderem.“ Als Kletterbetreuer bei der DAV-Sektion Stützpunkt Inntal will er Jugendliche und Erwachsene motivieren, genau wie er selbst, beim Klettern über sich hinauszuwachsen.
Kein
ungefährlicher Sport
Es hängen immer zwei Kletterpartner an einem Seil: Der eine muss sich überwinden, dem anderen am Boden blind zu vertrauen. Seine Mission ist der Fels, den er vor sich sieht und erklimmt. Der andere trägt die Verantwortung, seinen Kumpanen nicht fallen zu lassen – und diese Verantwortung ist groß: Dass das Klettern längst kein ungefährlicher Sport ist, wissen wir wohl alle. Nicht selten machen Kletterunfälle große Schlagzeilen – ob auf dem Dach der Welt oder hier im bayerischen Alpenvorland: Stein und Fels sind unnachgiebig, egal, auf welchem Kontinent sie emporragen.
Respekt vor Höhe, Gestein und Natur sind deshalb ebenso wichtig im Klettersport, wie eine gesunde Selbsteinschätzung, weiß Kletterbetreuer Sick. Die Gefühle, die ihn überkommen, wenn er in den Seilen am Felsen hängt, überwältigen ihn immer wieder aufs Neue: Unabhängigkeit, Selbstbestimmtheit und Selbstermächtigung herrschen hier vor.
Zugleich umgibt den Kletterer in der Höhe eine Stille, die sich in tiefer innerer Ruhe und Konzentration niederschlägt, wenn er sie nur zulässt. Sick sieht im Fels „einen unnachgiebigen Mentor“. Niemand macht ihm dort Konkurrenz, er hat die Zeit, die er benötigt, um sich hochzuhangeln – und wenn er es geschafft hat, weiß er, dass er es alleine war, der dieses Stück Gestein bezwungen hat.
Seit diesem Frühjahr geht Sick einmal im Monat zusammen mit einer Gruppe begeisterter Kletterer der Inntal-Sektion in Bad Aibling Felsklettern. Mit dabei sind Jugendliche und Erwachsene mit und ohne Beeinträchtigung, die sich dem Klettersport verschrieben haben. Spielt das Wetter nicht mit, wie bei unserem Besuch bei der Klettergruppe, treffen sich die Kraxler in der Bad Aiblinger Kletterhalle.
Klettern als Therapie, wie Klettertrainer Sick es für sich entdeckt hat, ist keineswegs eine neue, flüchtige Modeerscheinung. Studien zur Wirksamkeit von Klettern bei psychischen Beeinträchtigungen unterschiedlichster Formen gibt es bereits seit den 1980er-Jahren. Damals glaubte die Wissenschaft vor allem an die Wirksamkeit der Therapieform bei psychischen Erkrankungen wie Depressionen, aber auch Suchterkrankungen oder Verhaltensauffälligkeiten – wie ADS oder ADHS. So entstand auch unter der Leitung von Natascha Haug die erste Klettergruppe für Jugendliche mit ADHS in den 1990er-Jahren in Rosenheim. Sie und ihr Mann Achim Haug haben sich schließlich dem Klettern als Chance für Inklusion verschrieben, die DAV-Sektion Stützpunkt Inntal gegründet und vor einigen Jahren Deutschlands erste inklusive Kletterhalle eröffnet.
Seit einigen Jahren findet das Klettern auch seinen Platz als Therapieform in der orthopädischen oder neurologischen Rehabilitation, weiß Pascal Bsdurek: Er ist als Sport- und Bewegungstherapeut an der Schön-Klinik Roseneck beschäftigt und betreibt nebenher das therapeutische Kletterzentrum Rock & Soul in Rosenheim.
Burn-out-Patienten spüren beispielsweise vor der Kletterwand einen unbändigen Leistungsdruck, gepaart mit großer Versagensangst. Am liebsten wollen sie sofort die schwierigste Route klettern – egal, ob sie überhaupt schon einmal in ihrem Leben an der Kletterwand gestanden sind, weiß der Therapeut.
So manifestiert sich der Leistungsdruck des Kletterers ganz konkret an seinem Verhalten vor der Wand. „Zusammen analysieren wir Vorgehen und Verhalten der Patienten“, weiß Bsdurek. „Wovor habe ich gerade Angst?“ Oder: „Warum mache ich mir so viel Druck?“, sind Fragen, die oft aufgeworfen werden.
Klettern als interaktive
Konfrontationstherapie
Menschen, die an einer Essstörung leiden, haben häufig große Probleme damit, die Kontrolle abzugeben. Doch an der Wand muss der Kletterer sein Gewicht in die Seile fallen lassen und darauf vertrauen, dass sein Partner dieses trägt.
Ängstlich vermeidende Personen würden sich selbst wohl nie in die Situation bringen, an einer Wand oder gar einem Felsen hängend zu versuchen, hinaufzuklettern, während der Abstand zum Boden größer und größer wird: Denn korrelativ zum Abstand steigt auch die Angst – vor der Höhe, davor, abzustürzen oder einen falschen Schritt zu machen. Beim Klettern unterziehen sich Betroffene einer Art interaktiver Konfrontationstherapie. Zugleich ist das Gefühl, es nach oben geschafft zu haben, ein mächtiges, wie auch Kletterbetreuer Sick weiß.
„Nicht, dass Gesprächstherapie nicht wichtig wäre“, ergänzt Bsdurek. Er sei überzeugt, dass es für Patienten wichtig sei, sich auch im Gespräch mit seinen inneren Dämonen auseinanderzusetzen. „Aber das Klettern ist so viel interaktiver als bloßes Reden“, findet er auch. Viele Patienten in der Klinik, aber auch bei „Rock & Soul“ freuen sich deshalb auf die gemeinsamen Therapiestunden: Sie sehen sie als Freizeitgestaltung mit Mehrwert und schätzen die Erfolgserlebnisse, die sie an der Kletterwand erfahren dürfen. Gerade diese direkten Erfolgserlebnisse seien beispielsweise für Menschen mit Depressionen besonders wertvoll, weiß der Bewegungstherapeut.
Bsdurek hat Sportwissenschaften studiert. Dabei begleitete ihn ein großes Interesse an der Psychologie. So verband er in seinem Beruf schließlich beides miteinander. In der Klinik ist die Klettertherapie direkter Bestandteil der stationären Reha-Behandlung der Patienten und kann dort auch über die Ärzte abgerechnet werden.
Kleine Lobby,
aber großes Potenzial
Die ambulante Klettertherapie wird bislang jedoch nicht als Kassenleistung anerkannt. „Aber wir sind hier gerade dran”, weiß der Therapeut, der gemeinsam mit einem Team begeisterter Kletterer und Experten einen Dachverband für therapeutisches Klettern in Bayern gründen möchte: Eine ähnliche Vereinigung existiert etwa bereits in der Schweiz. Bsdurek hofft, dadurch mehr Aufmerksamkeit auf den Mehrwert zu lenken, den Klettern für das psychische Wohlbefinden der Patienten bietet. „Unsere Lobby ist aktuell noch viel zu klein“, weiß der Sport- und Bewegungstherapeut auch. Ziel ist es, mithilfe des Dachverbands therapeutisches Klettern zur Kassenleistung zu erheben.
Nicht nur Klettern, sondern Sport allgemein wirkt sich positiv auf körperliche wie psychische Gesundheit aus. Zu diesem Ergebnis kommen Studien, wie die des „British Journal of Sports Medicine“ seit Jahrzehnten. „Bewegung setzt Botenstoffe frei, die eine antidepressive Wirkung besitzen“, so Bsdurek weiter. Wer viel Sport treibt, dessen Kortisolspiegel sinkt erheblich – das bedeutet, das Stresslevel des Sportlers sinkt. Gleichzeitig werden umso mehr Serotonin und Dopamin ausgeschüttet: Aufgrund ihrer Wirkung gelten beide im Volksmund auch als Glückshormone. Konkret verbessern Sport und die damit einhergehenden chemischen Prozesse die Schlafqualität, hemmen Entzündungsprozesse, strukturieren den Alltag und können einen psychisch Erkrankten von negativen Gedankenspiralen ablenken.
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