Für eine Stunde Fachärztin

von Redaktion

Brannenburger Jugendliche führen Theaterstück über Depression auf – Publikum diagnostiziert mit

Brannenburg – In der Aula der Dientzenhofer-Realschule bereiten neun Schülerinnen und Schüler aus sieben Klassen der achten und neunten Jahrgangsstufe die Bühne für ein ungewöhnliches Theaterprojekt vor. Sie bauen gemeinsam die Bühne auf, richten Scheinwerfer aus, testen Mikrofone und stellen Requisiten bereit. Seit Beginn der Projektwoche arbeiten sie an einem Stück, das schwerer wiegt als vieles, was sonst auf Schultheaterbühnen landet: Es geht um Depression – und darum, wie man sie erkennt, bevor sie sich festsetzt.

Wenn der Alltag aus
dem Gleichgewicht gerät

Zu Beginn wurden die Rollen verteilt, danach folgten intensive Proben. Die Theaterpädagogin und Regisseurin Annika Schweizer begleitet sie durch die Szenen und fordert sie dazu auf, nicht eine Vorstellung von Krankheit zu spielen, sondern die Unsicherheit, die entsteht, wenn im Alltag etwas aus dem Gleichgewicht gerät.

Das Stück heißt „Icebreaker“. Es ist kein klassisches Theater, sondern ein Versuchslabor. Die Zuschauer werden zu einer Art Facharztkollektiv, das entscheiden soll, welche der Figuren tatsächlich Anzeichen einer Depression zeigt – und wer einfach nur einen schlechten Tag hat. Während der Aufführung dürfen Lehrkräfte, Eltern und Mitschüler Fragen stellen, Vermutungen äußern oder Szenen neu ansetzen. Das Publikum wird Teil des Stücks, nicht als Störung, sondern als Methode.

Die Realschule Brannenburg ist nicht die erste Schule, die das Projekt umsetzt. Doch die Dringlichkeit ist überall dieselbe. Schulpsychologen berichten von steigenden Fallzahlen, Lehrkräfte von Jugendlichen, die sich zurückziehen, erschöpft wirken oder plötzlich abfallen. Studien zeigen, dass depressive Symptome bei Jugendlichen seit der Pandemie häufiger auftreten – ein Trend, der sich bislang nicht vollständig zurückgebildet hat.

Begleitet wird das Projekt von der Mediathek kulturdesign.org, die Materialien zur Depression im Jugendalter bereitstellt: Wie die Krankheit beginnt, warum sie oft übersehen wird, welche Rolle Geschwister spielen, wie Familien reagieren. Vieles davon fließt in die Proben ein. Die Jugendlichen greifen dabei auch Erfahrungen aus ihrem schulischen Umfeld auf.

Vor der Premiere zeigen die Jugendlichen ihr Stück zunächst den Lehrkräften. Daran schließt sich eine Fortbildung zum Thema Depression an. Die Bühne steht, die Jugendlichen wirken konzentrierter als zu Beginn der Woche. Eine Schülerin spielt ein Mädchen, das sich immer weiter zurückzieht, ein anderer einen Buben, der seine Wut nicht mehr kontrollieren kann. Die Szenen sind kurz, aber sie treffen.

Am Abend folgt eine Aufführung für die Eltern. Viele bleiben nach dem Schlussapplaus noch sitzen, manche stellen Fragen, andere wirken nachdenklich. Die Atmosphäre zeigt, wie sehr das Thema berührt.

Nachdenkliches
Publikum

Zum Abschluss der Projektwoche spielen die Jugendlichen zweimal vor acht Klassen der achten und neunten Jahrgangsstufe. Die Aula ist voll, die Stimmung zunächst erwartungsvoll, später deutlich ernster. Die Jugendlichen spielen präziser als zu Beginn der Woche, sicherer, mutiger. Sie haben gelernt, was man nicht erklären kann, sondern zeigen muss. Nach den Aufführungen bleiben viele Schüler noch im Raum, manche sprechen leise miteinander, andere wirken nachdenklich. Einige beziehen das Gesehene auf Situationen in ihrem eigenen Umfeld – ein Hinweis darauf, dass das Projekt genau dort wirkt, wo es soll.

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