Kolbermoor – „Verstecken Sie Ihre Narben nicht. Sie machen dich zu dem, der du bist.“ Diese Worte, die US-Entertainer Frank Sinatra zugeschrieben werden, könnten auch von Kathi Kohnle aus Kolbermoor stammen. Denn die 39-Jährige hat zwei markante Narben – und keine Angst, sie zu zeigen. Schließlich sind diese Narben ein Teil ihrer Geschichte. Eine Geschichte von zwei Krebserkrankungen, die ihr zwar Gebärmutter, Eierstöcke und die Brüste genommen haben, nicht aber ihre Lebensfreude. Und auch nicht das Bedürfnis, anderen Menschen mit ähnlichen Schicksalen durch ihre Geschichte Mut zu machen.
Diagnose am
Telefon mitgeteilt
Elf Jahre ist es her, dass Kathi Kohnle, aufgewachsen in Bruckmühl, das erste Mal mit der Diagnose Krebs konfrontiert worden ist. Abstriche bei der Vorsorgeuntersuchung beim Frauenarzt hatten besorgniserregende Ergebnisse geliefert, ein sogenannter HPV-Test bestätigte dann den Verdacht auf Gebärmutterhalskrebs. Eine Diagnose, die für die damals 28-Jährige „völlig überraschend“ gekommen war: „Ich komme zwar aus einer sehr krebsgeprägten Familie“, sagt die heute 39-Jährige im Gespräch mit dem OVB. „Aber damit rechnet man ja trotzdem nicht.“
Die Folgen für die junge Frau: Eine sogenannte Hysterektomie, also eine Operation, in der der damals 28-Jährigen die Gebärmutter entfernt worden ist. „Ich hatte damals sehr großes Glück, dass der Tumor noch nicht gestreut hatte und keine weitere Therapie nötig war“, erinnert sich Kohnle, die heute mit ihrer Patchwork-Familie in Kolbermoor lebt. Allerdings musste Kohnle, die im Alter von 16 Jahren Mutter einer Tochter geworden war und mittlerweile zweifache Oma ist, den Wunsch nach weiteren Kindern aufgeben.
„Gesundheitlich hatte ich damals aber das Gefühl, dass nach der Operation alles okay ist“, schildert sie ihre damalige Gefühlslage. Ein Gefühl, das sich schon bald als trügerisch erweisen sollte. Denn im Jahr 2021 ertastete die damals 33-Jährige unter der Dusche einen Knoten in ihrer Brust. Ein Arzt versicherte ihr zwar, dass es – unter anderem aufgrund ihres Alters – „bestimmt kein Krebs“ sei, was bei der Kolbermoorerin heute noch für Kopfschütteln sorgt. Auf dessen Einschätzung wollte sie sich dann glücklicherweise aber nicht verlassen und holte eine Zweitmeinung ein.
„Einen Tag vor meinem Geburtstag und fünf Tage vor dem 18. Geburtstag meiner Tochter ist mir dann an einem Freitagnachmittag telefonisch mitgeteilt worden, dass ich Brustkrebs habe“, erinnert sich Kohnle an den niederschmetternden Telefonanruf zurück. „Das hat mir zunächst vollkommen den Boden unter den Füßen weggezogen.“ Doch Kohnle gelang es, unterstützt durch ihre Tochter, ihren Mann und dessen zwei Kinder, wieder aufzustehen und den Kampf gegen die tückische Krankheit aufzunehmen.
Nach weiteren Untersuchungen eröffneten die Ärzte der jungen Frau, dass die vom Tumor betroffene Brust entfernt werden muss, um nicht Gefahr zu laufen, dass der Krebs erneut auftritt. So ließ sich die damals 33-Jährige zunächst die eine Brust abnehmen, später, „unter anderem aus symmetrischen Gründen und aus Angst, auf der zweiten Seite auch zu erkranken“, die zweite. Eine Maßnahme, für die sie hart kämpfen musste, denn: „In der Regel zahlen die Krankenkassen zwar einen Brustaufbau oder das Einsetzen von Silikonimplantaten, nicht aber die Entfernung eines eigentlich gesunden Körperteils.“
Dass für sie aber eine Wiederherstellung der Brust nicht infrage kommt, war für Kathi Kohnle schnell klar. „Ich wollte kein Silikon in mir haben“, so Kohnle, die sich auch einen Brustaufbau durch Eigengewebe nicht vorstellen konnte. „Dass mir jemand eine große Narbe am Oberschenkel zufügt, um dort Gewebe zu entnehmen, das dann an anderer Stelle wieder eingesetzt wird, war für mich undenkbar.“ Dennoch ist sie froh darüber, welche Möglichkeiten die Medizin heute bietet, sodass Frauen die Wahl haben, welcher Weg für sie letztlich der richtige ist.
Eine Entscheidung, die sie bis heute nicht bereut hat: „Ich definiere mich ja nicht über meine Brüste“, sagt die gelernte Industriekauffrau, die betont: „Ich fühle mich auch ohne Brüste, Eierstöcke und Gebärmutter nicht weniger als Frau als vorher.“ Zumal den wenigsten Menschen das Fehlen ihrer Brüste auffalle. „Das lässt sich bei den meisten Kleidungsstücken super kaschieren“, sagt die 39-Jährige. Einzige Ausnahme: die Tracht. „Beim Dirndl ist es etwas schwierig, da fehlen sie mir dann doch.“ Sie habe die Hoffnung aber noch nicht aufgegeben, dass auch dafür noch eine Lösung gefunden werden könne.
Mittlerweile gilt sie seit fünf Jahren als krebsfrei, hat aber, aufgrund einer Langzeittherapie gegen ihre spezielle Brustkrebsvariante, noch fünf Jahre Behandlung vor sich. Die Angst, erneut an Krebs zu erkranken, sei zwar „wie ein Dämon unter dem Bett“ immer wieder präsent, lasse aber mit der Zeit nach. Und wenn die Angst doch mal wieder lauert? Dann helfen ihr positive Beispiele von Menschen, die ihre Krebserkrankung besiegt haben. „Ich habe mittlerweile so viele Menschen kennengelernt, die beispielsweise vor 20 Jahren Krebs hatten und denen es heute gut geht“, schilderte die junge Oma. „Das sind alles Beispiele, die anderen Erkrankten Mut machen können.“
So, wie sie es mittlerweile auch selbst durch ihr Engagement im Verein „dasBuusenkollektiv“ tut. Dort hatten sich 2020 an Brustkrebs erkrankte Frauen zusammengefunden, um sich gegenseitig zu stützen. Mittlerweile ist aus dem Verein aber noch viel mehr als ein reiner Mutmacher geworden. So trommeln die Mitglieder beispielsweise laut für die Themen Vorsorgeuntersuchungen und Früherkennung, was Kohnle extrem wichtig findet, denn: „Das ist der entscheidende Schritt, um einen Tumor frühestmöglich zu erkennen und bestmöglich aus der Erkrankung herauszukommen.“ Um dem Thema Brustkrebs in der Öffentlichkeit mehr Präsenz und Aufmerksamkeit zu verleihen, hat Kathi Kohnle auch kein Problem, die Hüllen fallen zu lassen und ihren Oberkörper samt OP-Narben zu zeigen – beispielsweise im Rahmen der „dasBuusenkollektiv“-Kampagne „Let Your Scars Shine“ („Lass‘ deine Narben scheinen“). Eine mutige Aktion, die laut der Kolbermoorerin bei vielen Menschen „gut angekommen“ ist. Wenngleich die 39-Jährige auch mit vereinzelten unsäglichen Kommentaren wie „Du bist keine Frau mehr“ oder „Du solltest lieber zum Sterben gehen“ leben musste.
Wobei die 39-Jährige ein Erlebnis in der Umkleidekabine einer Kletterhalle in der Region deutlich mehr schockiert hat. Denn dort hatte sie sich vor einer Mutter und deren Kind im Vorschulalter umgezogen, was der Frau sichtlich missfallen hatte. „Sie hat mir zu verstehen gegeben, dass sie das unmöglich findet, dass ich meine Brust mit den Narben zeige“, erzählt Kohnle. „Als ob ich mir diese Narben ausgesucht habe.“
Unschönes Erlebnis
in einer Kletterhalle
Aussuchen kann sich die mutige und starke Frau auch nicht, wie es mit ihr zukünftig in puncto Gesundheit weitergehen wird. Eine Unwägbarkeit, die zum einen dazu geführt hat, dass sie das Leben mehr und mehr zu schätzen weiß. „Ich lebe sicherlich bewusster und nehme Dinge und Erlebnisse intensiver wahr“, berichtet die 39-Jährige und denkt dabei beispielsweise an „unvergessliche Erlebnisse“ auf einer Reise vor wenigen Jahren in die Arktis. Mittlerweile sei sie auch wieder so weit, um zumindest die nähere Zukunft zu planen. Denn kurz nach der zweiten Krebsdiagnose habe sie durchaus mit Flugbuchungen gewartet, „da ich ja nicht wusste, wie und ob es überhaupt weitergeht“. Kohnle: „Heute ist es so, dass wir den Flug für die nächsten Osterferien einfach buchen.“
Bescheidene Wünsche
der 39-Jährigen
Ihre Wünsche und Hoffnungen für die Zukunft formuliert sie dennoch eher defensiv: „Es ist jetzt nicht so, dass ich die Hoffnung habe, 90 Jahre alt zu werden“, sagt die 39-Jährige. „Aber ich würde schon super gerne 70 werden.“ Wie sie ihre verbleibende Zeit nutzen will, ist für Kohnle auch schon klar: „Diese Zeit möchte ich mit viel Lachen, Leben und tollen Erinnerungen füllen.“ Da gehört für sie auch dazu, ihre Tochter zu unterstützen und die beiden Enkelkinder aufwachsen zu sehen. Und natürlich auch, anderen Krebserkrankten Mut zu machen und vielleicht auch Frank Sinatras Worte mit auf den Weg zu geben: „Verstecken Sie Ihre Narben nicht. Sie machen dich zu dem, der du bist.“