Bad Endorf – Mit dem Vortrag „Enteignung, Vertreibung, neue Heimat – eine sudetendeutsche Familiengeschichte“ setzte der Heimat- und Geschichtsverein Bad Endorf seine Veranstaltungsreihe zum Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 80 Jahren fort. Nach dem Thema „Nationalsozialismus im Dorf“ im vergangenen Jahr stand diesmal das Schicksal der Heimatvertriebenen und ihre Bedeutung für Bad Endorf und die Region im Mittelpunkt.
In Viehwaggons
Richtung Westen
Vor zahlreichen Besuchern berichtete Gerold Schwarzer aus Rimsting über die Geschichte seiner Familie. Als 18 Monate altes Kind wurde er 1946 gemeinsam mit seiner Mutter aus dem Sudetenland vertrieben. Anhand persönlicher Erinnerungen und historischer Dokumente schilderte er die Folgen der Beneš-Dekrete: Die Familien mussten ihre Heimat innerhalb kürzester Zeit verlassen, durften nur das Nötigste mitnehmen und verloren Haus, Hof und Besitz. Nach Aufenthalten in Lagern wurden viele Menschen in Viehwaggons nach Deutschland transportiert – ohne zu wissen, was sie dort erwartete.
Schwarzer berichtete auch vom Neuanfang seiner Familie im Rosenheimer Land. Trotz großer Not gelang es den Eltern mit Fleiß und Ausdauer, sich eine neue Existenz aufzubauen. Neben Ablehnung habe es auch viel Hilfsbereitschaft gegeben. Seine Familienchronik, die auf Briefen, Fotos und Erinnerungen basiert, dokumentiert persönliche Schicksale ebenso wie die historischen Zusammenhänge.
Die Vorsitzende des Heimat- und Geschichtsvereins, Gudrun Unverdorben, stellte anschließend den Bezug zu Bad Endorf her. Nach der Ankunft wurden die Vertriebenen zunächst in Notunterkünften untergebracht, unter anderem in einem Stall gegenüber dem Bahnhof. Viele stammten aus Wallern im Böhmerwald.
Zeitzeugenberichte
zum Zusammenwachsen
Zeitzeugenberichte schildern Hunger, Entbehrungen und den Wunsch, möglichst schnell wieder ein selbstständiges Leben aufzubauen. Zugleich wurde deutlich, wie wichtig Schule, Vereine und das gesellschaftliche Leben für das Zusammenwachsen von Einheimischen und Vertriebenen waren. Viele Vertriebene gründeten später eigene Betriebe und trugen so zum wirtschaftlichen Aufschwung der Nachkriegszeit bei.
Persönliches macht
Geschichte greifbar
Die gut besuchte Veranstaltung im Pfarrsaal fand in Kooperation mit dem Bildungswerk Rosenheim statt und zeigte, wie eindrucksvoll persönliche Lebensgeschichten Geschichte greifbar machen können. Zum Abschluss kündigte der Heimat- und Geschichtsverein für den 10. Oktober eine Bahnfahrt mit Führung zum Sudetendeutschen Museum an. Interessenten können sich bereits vormerken lassen.