Zugang legen und Medikamente geben ist tabu

von Redaktion

Nadja Lehner und Bernd Klemmer aus Rott teilen ein gemeinsames Engagement: den Dienst am Menschen. Sie sind „First Responder“. Was sie antreibt, welche Herausforderungen im Einsatz auf sie warten und in welchen Momenten sie an ihre Grenzen stoßen.

Rott – In Notsituationen einen kühlen Kopf bewahren, ruhig und routiniert Patienten und Angehörige unterstützen: „First Responder“ sind Ersthelfer im Ernstfall.

Nadja Lehner musste nach ihrer Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin im Jahr 2014 nicht lange überlegen, ob sie der an die örtliche Feuerwehr Rott angegliederten Einheit beitreten möchte. Menschen in lebensbedrohlichen Situationen beizustehen – für sie eine Selbstverständlichkeit.

Hilfe des
Rettungsdiensts benötigt

Bernd Klemmer ist seit 2019 dabei. Er ist hauptberuflich Fotograf und kümmert sich um den redaktionellen Teil des Rotter Gemeindeblatts. Anders als bei seiner Kollegin, die hauptberuflich einer sozialen Tätigkeit nachgeht, waren die Gründe bei ihm, „First Responder“ zu werden, persönlicher Natur: „Nach wiederholten Stürzen der Schwiegermama benötigten wir immer wieder Hilfe des Rettungsdienstes. Da habe ich gemerkt, wie lange eine Minute sein kann, bis Hilfe eintrifft.“ Als in Rott ein Kurs zur „First-Responder“-Ausbildung angeboten wurde, machte der 59-Jährige Nägel mit Köpfen.

Die Ausbildung wird in der Regel vom BRK angeboten, besteht aus einem Kurs mit vorgeschriebenen Inhalten und umfasst bis zu 80 Unterrichtseinheiten. Sie baut auf einem Erste-Hilfe-Kurs auf und beinhaltet eine Sanitätsausbildung sowie spezielle Module zur Reanimation, Herz-Lungen-Wiederbelebung, Defibrillation und Beatmung. Am Ende wird das erlernte Wissen in Theorie und Praxis geprüft, ehe ein Zertifikat den Weg zum „First Responder“ freigibt. Empfehlenswert sei über die Ausbildung hinaus, als „passiver Zuschauer“ eine Schicht beim BRK-Rettungswagen mitzufahren. Bernd habe gerade zu Beginn von der professionellen Arbeit der Rettungsdienstler profitiert. Einmal im Jahr muss außerdem das Wissen um Notfall-Defibrillation und Reanimation nachgewiesen werden. Mindestens einmal im Monat werden bei der Feuerwehr auch Übungen durchgeführt – zu Schwerpunkteinsätzen, Reanimation sowie verschiedenen Gesichtspunkten, die potenziell auf die Ersthelfer vor Ort warten könnten. Dazu zählen etwa die jüngste Hitzewelle oder der Umgang mit einer einsetzenden Geburt. „First Responder“ sind immer im Zweier-Team unterwegs. Im Falle eines Einsatzes holt der eine den anderen an einem vereinbarten Treffpunkt in der Gemeinde mit dem roten „First Responder“-Dienstwagen der Feuerwehr mit Blaulicht ab. „Vor Ort angekommen, sondieren wir die Lage, beruhigen und leisten Erste Hilfe. Danach sammeln wir Hintergrundinformationen rund um den Patienten und was genau passiert ist. Das geben wir dann dem Rettungsdienst weiter“, erklärt Bernd Klemmer.

Strikt untersagt sind den „First Respondern“ Medikamentengabe sowie das Legen eines peripheren Venenzugangs als invasiver Eingriff mit der Nadel. Diese Aufgaben unterliegen dem Notarzt und den Rettungsteams.

Außergewöhnliche
Situationen entschärfen

„Maßnahmen wie Sauerstoffzufuhr, Wundversorgung und Reanimation waren damals ausschlaggebend dafür, dass sich die Einheit überhaupt gegründet hat. Unser Ziel: Feuerwehrkräfte zu entlasten“, bekräftigt Nadja Lehner den Ehrenamtseinsatz. Gleichzeitig, so betont sie, seien Fürsorge und psychische Betreuung für Patienten und Angehörige eine wichtige Stütze: „Wir versuchen, diese außergewöhnliche Situation zu entschärfen und sind für die Leute da.“

Nach Überprüfung der Grundausstattung wie der Sauerstoffflasche oder des Notfallrucksacks sowie des Dienstwagens selbst in puncto Tank und Fahrtüchtigkeit schalten sich die diensthabenden „First Responder“ aktiv und melden sich bei der Integrierten Leitstelle (ILS) offiziell einsatzbereit.

„Natürlich sind wir im Alltag eingeschränkt“, räumt Nadja Lehner ein. „First Responder“ sind ortsgebunden und dürfen das Gemeindegebiet nicht verlassen. Im Moment der Alarmierung müssen die beiden schnell paratstehen. Durch den Schichtdienst im Krankenhaus kennt die 31-Jährige eine gewisse Routine und geht den Bereitschaftsdienst entspannt an. Sie vertreibt sich die Zeit meistens mit haushaltsüblichen Tätigkeiten, die sich von daheim aus gut erledigen lassen. „Die richtige Organisation ist das A und O“, fügt Bernd Klemmer hinzu, räumt jedoch ein, dass er während der Schichtzeiten eher unruhig und schlecht schläft.

Fluch und
Segen zugleich

Dass man als Einheimischer viele im Dorf kennt und die Möglichkeit besteht, zu einem Notfall eines bekannten Gesichts gerufen zu werden, ist dabei Fluch und Segen zugleich: „Wir haben häufig einen persönlichen Bezug, was zum einen gut ist, weil man sich eben kennt und zwischenmenschlich auf vertrauter Ebene agieren kann“, erklärt Nadja Lehner. Das Pendel kann aber auch in die andere Richtung schlagen und die Situation rasch belastend werden, dem müsse sich jeder „Firsti“ bewusst sein.

Erfolglose
Reanimation

Darüber kann Bernd Klemmer aus eigener Erfahrung sprechen: Ihm ging die erfolglose Reanimation eines engen Freundes, von dem noch dazu die Familie gut bekannt war, sehr nahe. Sein Puls erhöht sich darüber hinaus auch, wenn bei der Alarmierung die Kurzinformation „Kind beteiligt“ auftaucht. „Das sind manchmal Gründe, warum jemand aufhört. Wenn der Piepser losgeht und die Angst aufkommt, dass sich schicksalhafte Ereignisse wiederholen könnten, ist es langfristig besser, den Dienst zu quittieren“, sagt Klemmer.

Um Einsätze besser verarbeiten zu können, stehen geschulte Kollegen innerhalb der Feuerwehr mit Rat und Tat zur Verfügung, unterstreicht Bernd Klemmer. „Oft genügt ein offenes Ohr.“ Ihm persönlich helfe es, nach dem Dienst mit dem Ausziehen der Einsatzkleidung auch die Einsätze abzustreifen, um sie aus dem privaten Umfeld möglichst herauszuhalten. Nadja Lehner spricht im Nachhinein gerne über ihre Schicht und die Einsätze, am liebsten mit ihrem Freund, ebenfalls „First Responder“.

Seit 20 Jahren gibt es die „First Responder“ in Rott. Das will mit einem Sommerfest am Sonntag, 12. Juli, gebührend gefeiert werden. Marcus Huber ist „Firsti“ der ersten Stunde, Gruppenführer und Kreisbrandmeister der Rotter Wehr.

Notruf wird
öfter gewählt

Er bestätigt, dass die Einsatzzahlen in den vergangenen Jahren gestiegen sind, weil der Notruf heutzutage öfter gewählt wird als noch vor 20 Jahren. Die Hemmschwelle sei einfach niedriger. Auf die tatsächlichen Einsatzzahlen der „First Responder“ habe das wenig Einfluss, die lägen relativ konstant über die Jahre hinweg bei circa 100 im Jahr. Zehn bis 15 Prozent der Einsätze befänden sich außerhalb des Gemeindegebiets Rott.

„Die ‚Firstis‘ sind aufgrund der kurzen Wege schnell an der Einsatzstelle, was ein bedeutender Vorteil für den Patienten ist. In lebensbedrohlichen Situationen zählt jede Sekunde. Gott sei Dank steht bei einem Großteil unserer Einsätze kein Menschenleben auf dem Spiel“, unterstreicht Marcus Huber. „Oft handelt es sich um kleinere Einsätze, bei denen der psychologische Aspekt definitiv zu den Stärken der ‚Firstis‘ gehört und die Betroffenen gleich erkennen: Da ist jemand, der mir hilft. Diese Wertschätzung kommt zu uns zurück.“

Medizinische Erste Hilfe im Vordergrund

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