Prutting – Was hat Prutting mit der Nationalgalerie in Washington gemeinsam? Die Antwort ist eine, auf die man von selbst nicht ohne Weiteres käme: Es sind drei Gemälde von Picasso, die einst zehn Jahre lang auf Gut Aich bei Prutting hingen und heute – als unbezahlbare Kunstwerke – in Washington zu finden sind.
Überraschender noch als diese Tatsache ist aber eigentlich etwas anderes: dass solche Geschichten, die im Grunde keinem mehr bekannt waren, wieder neu entdeckt wurden. Zu verdanken ist das dem Arbeitskreis Geschichte, genauer gesagt der sechsköpfigen Gruppe daraus, die sich dem „Lebensfeld“ Kunst, Musik, Theater angenommen und daraus ein Buch gemacht hat. Zwei Bände dieser Orts-Chronik gibt es bereits und entstanden ist die Idee im Grunde aus der Ausstellung heraus, die im Herbst 2024 einige Tage lang im Dorfstadel zu sehen war, die Ausstellung sozusagen der letzte Höhepunkt des 1.100-jährigen Pruttinger Ortsjubiläums.
Verschiedene
Lebensbereiche
Dort war zu sehen, was von der Geschichte Pruttings an Anfassbarem noch vorhanden ist, aufgeteilt in verschiedene Lebensbereiche. Und das, was man bei der Vorbereitungsarbeit an Erinnerungswissen mit aufgetan hatte, sollte nun die Grundlage sein für weitere Recherchen, die am Ende in jeweils einem kleinen Bändchen zusammengefasst werden würden.
Im Falle von „Kunst, Musik und Theater. Kultur Schaffen“ ist unter der Federführung von Bernadette Stöttner kein kleines Bändchen, sondern ein stattliches, reich bebildertes Buch daraus geworden und wer darin liest, kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Es sind gar nicht einmal so sehr die Anekdoten wie die von den drei Pruttinger Picassos, die verblüffen. Es ist die Entdeckung, wie unglaublich reich das Kulturleben dieses kleinen Ortes von heute gerade mal 2.900 Einwohnern war – und auch noch ist. Denn das Buch beschränkt sich nicht nur auf die Vergangenheit, es führt vielmehr bis in die Gegenwart.
Und ermöglicht dem Leser so, mitzuerleben, wie sich verschiedene Einzelpersönlichkeiten, wie sich einzelne Musikgruppen, Malkreise oder auch Theaterspieler zu einem dichten Netz verwoben, das nicht nur einst personenübergreifend existierte, sondern bis heute fortwirkt und so Vergangenheit mit Gegenwart verbindet.
Es bietet sich an, als Beleg dafür noch einmal die drei Picassos zu erwähnen. Sie gehörten der Schriftstellerin Hertha König, die sie kurz vor dem Ersten Weltkrieg erwarb, zu Zeiten in denen Picassos noch bezahlbar waren. Hertha König besaß aber nicht nur die Gemälde, sie hatte in ihrem Haus das, was man damals einen Salon nannte. Sprich, sie verfügte über einen großen intellektuellen Freundeskreis, der bei ihr ein- und ausging. Und die Namen, die sich darunter finden, würde man in Prutting ebenfalls nicht unbedingt vermuten: etwa Rainer Maria Rilke, Oscar Maria Graf, Stefan George, Ernst Mühsam und Ernst Toller. Bezeichnend für Hertha König im Grunde auch die Überlegung, die zum Verkauf ihrer Picassos führte:
Als Picasso immer berühmter wurde, hatte Hertha König, immer stärker das Gefühl, dass die Bilder nicht mehr ihr allein gehören könnten, sondern weiteren Kreisen zugänglich gemacht werden sollten. Und noch etwas lässt sich an diesem Beispiel zeigen: Dass sich die Arbeitsgruppe, die sich mit diesem Buch beschäftigte, sich nicht als eine Gemeinschaft von Autoren versteht, sondern als eine Art Redaktion. Denn die Geschichte der Frau König wird nicht über sie erzählt, sie kommt vielmehr selbst zu Wort.
Und das gilt auch für alle anderen der gut 76 Personen, die in diesem Wort über sich selbst oder über andere, die sie gekannt haben, berichten. Das macht das Buch nicht nur besonders lebendig, es lässt auch immer wieder einzelne Verbindungsstränge dieses Zeit und Raum übergreifenden kulturellen Netzwerks deutlich werden. Und es beweist ganz nebenbei, dass der vielgehörte Spruch tatsächlich stimmt: Man muss die Vergangenheit kennen, um heutiges Leben im Strom der Zeit verankern zu können. Ein Umstand, der nicht zuletzt Bürgermeister Johannes Thusbaß sehr am Herzen liegt, weshalb er und die Gemeinde dieses Projekt einer besonderen Dorfchronik handfest unterstützen.
Kultur quillt aus
allen Ecken
Kurz: Wer dieses Buch liest, sieht Prutting unvermittelt mit ganz neuen Augen: Was vor der Lektüre noch ein kleiner Ort war, zwar immer für Überraschungen und Innovationen gut, aber dennoch eben ein Dorf, erkennt man plötzlich als Gemeinschaft, in der Kultur geradezu aus allen Ecken quillt. Oder anders formuliert: Unter der Oberfläche eines kleinen oberbayerischen Dorfes fand und findet sich pralles kulturelles Leben, sozusagen Kultur pur – und das in einer Weise, wie man es vorher vielleicht in einer Großstadt vermutet hätte – aber nie und nimmer hier.
Wobei eines hinzuzufügen ist: die Tatsache, dass sich in einem kleinen Ort wie Prutting ein so aktiver und produktiver Geschichts-Arbeitskreis zusammenfindet, nicht als kurzfristiges Aufblühen, sondern als beständiger Akteur im Dorfleben, ist im Grunde schon für sich allein ein Anlass zu verblüfftem Staunen und entsprechender Anerkennung.
Das 283 Seiten starke Buch ist sowohl im Rathaus als auch in allen Einzelhandelsgeschäften in Prutting zu erwerben. Es kostet 15 Euro.