Astronomische Preise und tiefe Enttäuschung

von Redaktion

Interview Holger Raab musste für seine WM-Reise nach Kanada tief in sein Portemonnaie greifen

Raubling/Vancouver – 380 Euro für ein Ticket, 15 Euro für ein Dosenbier und am Ende ein fußballerischer Offenbarungseid: Für den Fußball-Blogger Holger Raab (54) aus Raubling wurde die Reise zur Weltmeisterschaft nach Kanada zu einem extrem kostspieligen Abenteuer. Trotz stimmungsvollem Fanmarsch durch Toronto und bester Plätze in der ersten Reihe bleibt nach dem vorzeitigen Ausscheiden der Nationalmannschaft vorwiegend tiefe Ernüchterung zurück. Ein Gespräch über astronomische Preise, die kommerzialisierte Eventkultur Nordamerikas und ein DFB-Team, dem es schlicht an „Kampfschweinen“ fehlt.

Sie sind nach Toronto gereist, hatten aber keine Karte. Wieso?

Ich habe mir noch einmal ein Ticket kaufen müssen, weil ich vom DFB eine Absage bekommen hatte. Es waren einfach zu viele Anfragen. Es werden circa 2000 Deutsche da gewesen sein, einige davon hatten keine Karte. Da ist dann viel unter der Hand gelaufen.

Wie viel mussten Sie letztlich zahlen?

Ich hatte mir einen Preis gesetzt: Mehr als 300 Euro wollte ich nicht ausgeben. Und dann habe ich erst mal gemerkt, wie extrem es mit den Tickets ist, weil auch viele Kanadier gesucht haben. Ein Deutscher hat mir sein Ticket dann für 380 Euro verkauft. Für mich war es das teuerste Vorrundenspiel, das ich jemals besucht habe.

Aber es ging auch noch teurer…

Ein paar meiner Kumpels waren bei einem Mexiko-Spiel in Mexiko-Stadt. Da sind die Karten für 2.000 Euro weggegangen. Bei Weltmeisterschaften ist es allgemein so, dass Argentinier, Mexikaner und Brasilianer horrende Preise für Karten zahlen.

Wie haben Sie die deutschen Fans in Toronto erlebt? Gab es eine gemeinsame Aktion?

Wir hatten einen Treffpunkt, eine Bar. Da haben sich alle getroffen, auch alle Kanadier. Dann gab es einen Fanmarsch mit 2.000 Leuten durch Toronto.

Und wie war die Stimmung im Stadion?

Ich saß oberhalb der Deutschland-Kurve. Die Stimmung war in Ordnung, aber nicht die Weltmacht. Die Kanadier klatschen mit, können aber nicht mitsingen. Von der Stimmung her habe ich schon bessere Spiele erlebt.

Sie haben dann aber Ihren Platz gewechselt, nicht wahr?

Ich bin zur Halbzeitpause aufs Klo gegangen und habe gesehen, dass nirgendwo Ordner standen. Dann bin ich einfach in den Unterrang und habe mich in die erste Reihe gesetzt, da waren so viele Plätze frei. Ob ich in den Gästeblock hätte gehen können, weiß ich aber nicht.

Wie intensiv waren die Sicherheitskontrollen?

Ob es andere Sicherheitsmaßnahmen gibt, wenn zum Beispiel die Engländer spielen, kann ich nicht sagen. Am Eingang gehst du durch einen Metalldetektor. Wenn du etwas Größeres dabei hast, legst du das auf so eine Art Förderband, dann geht das durch einen Scanner. Das sind die Kontrollen. Leibesvisitationen gibt es nicht. Was auch aufgefallen ist: Sie ziehen keine Leute raus, auch wenn sie stark alkoholisiert sind.

Konnte man im Stadion Alkohol kaufen?

Du kriegst im Stadion auch Alkohol, es war aber immens teuer. Du zahlst für ein Dosenbier 21 Dollar, also circa 15 Euro.

Wie waren die Preise in den Fanshops?

Alleine der Weltmeisterschafts-Pin hat 30 Dollar gekostet. Im Fanshop im Stadion hast du aber nicht viel kaufen können, das war alles ausverkauft. Die Kanadier und die Amerikaner kaufen dir alles auf. Das ist echt ein Wahnsinn.

Waren viele Kanadier und US-Amerikaner in den Stadien?

Beim Spiel zwischen Neuseeland und Ägypten in Vancouver sind wir direkt im Neuseeland-Block gesessen. Da waren circa 500 bis 600 Neuseeländer im Stadion. Und viele, die aus Kanada waren, aber auch mit Neuseeland-Trikots herumgelaufen sind. Das Stadion selbst war voller ägyptischer Trikots. Da kann ich aber nicht sagen, ob das wirklich Ägypter waren. Das siehst du auch an den Fanshops. Die Zuschauer kaufen sich das Trikot – und dann ist man an dem Tag eben Ägypten-Fan. Und das Trikot kostet auch schnell 160 Dollar.

Wie groß ist generell der amerikanische Einfluss?

Es ist ein reines Event. Auf den Parkplätzen wird der Grill aufgebaut, da werden Spiele gespielt. Teilweise gehen die Leute nicht mal ins Stadion. Die zahlen für den Parkplatz, haben da ihre Familienfeier, und vielleicht zwei, drei Leute haben eine Karte. Der Rest bleibt dann einfach draußen, weil er sich dafür nicht interessiert.

Blicken wir auf das Sportliche: Wie bewerten Sie das deutsche Ausscheiden?

Es ist sehr, sehr enttäuschend. Vor allem, weil doch die Euphorie nach dem ersten Spiel sehr hoch war. Aber schon beim Elfenbeinküste-Spiel hast du gemerkt, da hat es nicht mehr so gepasst. Es war jetzt die dritte WM, bei der sie sich blamiert haben. Man merkt einfach: Wenn es gegen eine kämpferische Mannschaft geht, dann kommen die Deutschen mit ihrem Schöngespiele nicht voran.

Was fehlt, um wieder erfolgreicher zu sein?

Es fehlt ein Kampfschwein, wie es sie früher gegeben hat. Und Führungsspieler wie ein Ballack, Lahm, Schweinsteiger, Kroos. Das waren alles gestandene Leute, die haben füreinander gekämpft. Wenn ich schon höre, dass sich keiner traut, einen Elfmeter zu schießen…

Werden Sie, trotz der Enttäuschung, zum nächsten Turnier fliegen?

Da muss ich echt überlegen. Es ist unglaublich enttäuschend. Ich meine, wenn du jedes Mal hinfährst, dir Hoffnung machst und gescheite Spiele sehen möchtest – und dann siehst du so was. Kumpels von mir sind erst zum Ecuador-Spiel hinübergeflogen und waren bis zum Paraguay-Spiel da. Die hat’s natürlich richtig gut erwischt. So viel Geld, so viele Strapazen, und dann schaust du dir solch einen Grottenkick an. Da verstehe ich auch, wenn man keine Lust darauf hat.

Wie teuer waren die fünf Tage für Sie?

Allein durch die Flüge, die Übernachtungen und die Eintrittskarten bin ich bei schätzungsweise 1.700 Euro. Und dann kommt ja das Leben noch dazu. Insgesamt belaufen sich die Kosten auf circa 2.200 Euro.

Marinus Obermaier

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