Raubling – „Mei Zither is’ mei Freid“, so heißt es in einem bayerischen Volkslied, und das spiegelt den musikalischen Lebenslauf von Peter Anderl wider. Als Neunjähriger nahm er erstmals Zitherunterricht, da er unbedingt seiner drei Jahre älteren Schwester Juliane („Anderl Bobbi“) nacheifern wollte. Sie begleitete auf der Zither das junge Gesangsduo „Geschwister Anderl“.
Im Jahr 1956 trat das aufstrebende Geschwister-Duo Juliane und Peter erstmals öffentlich auf und wurde bei vielen Heimatabenden im oberbayerischen Raum mit seinen glockenreinen Stimmen freudig aufgenommen. Die Ära der Geschwister Anderl ging allerdings jäh zu Ende: Peter bekam den Stimmbruch, Juliane heiratete Vitus Mitterfellner und wurde Duschl-Wirtin in Rosenheim.
Über seine musikalischen Lehrjahre erzählt Peter, dass er alles andere für wichtiger als das Üben auf der Zither empfunden habe. „Ich war ein richtig fauler Hund“, sagt er mit einem verschmitzten Grinsen. Seine Mutter habe ihn vor den Zitherstunden immer suchen müssen, so steht es in seiner Biografie.
Erfolge mit den
Inntaler Sängern
Peter Anderl fand schnell wieder musikalischen Anschluss und schloss sich den seit 1958 bestehenden Inntaler Sängern an. „Über viele Jahrzehnte mit dieser Gruppe aufzutreten, war unvergleichlich schön und wahnsinnig erlebnisreich“, blickt er dankbar auf diese Zeit zurück. Durch intensives Proben und weite Reisen in aller Herren Länder entwickelte sich der Viergesang schnell zu einer der markantesten oberbayerischen Gesangsgruppen der traditionellen Volksmusik und wurde schon zu Lebzeiten zur Legende.
Im Jahr 2018 fand zum 60-jährigen Bestehen ein gebührender Festabend in der Gemeindehalle Raubling statt. An diesem ehrwürdigen Abend wurden unzählige Höhepunkte der Inntaler Sänger in Erinnerung gerufen, beispielsweise 1973 das Donauländertreffen in Novi Sad, 1977 „Bayern-Aquitanien“ in Bordeaux, 1983 die Reise nach Dallas in die USA oder der unvergessene Auftritt beim Folklorefest auf der Domplatte in Köln.
Auszeichnungen blieben nicht aus: So waren sie 1987 Gewinner der Goldenen Maultrommel von Bratislava, 1988 und 1991 wurde ihnen die Kiem-Pauli-Medaille verliehen. Die Goldene Medaille des Bayerischen Rundfunks, der Inntal-Euregio-Preis und 2018 der Kulturpreis des Landkreises Rosenheim folgten – Auszeichnungen serienweise. „Eine große Ehre war die Auszeichnung mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1994, die vom damaligen Bayerischen Kultur-Staatsminister Hans Zehetmair in Vertretung des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker überreicht wurde“, hebt Anderl hervor.
Neben der Tätigkeit als Tenor und Zitherspieler der Inntaler Sänger war das musikalische Leben von Peter Anderl stets sehr rege. In seinem Gasthof Inntal, den er über 40 Jahre betrieb, organisierte er regelmäßig legendäre Musikabende, die weit über die Gemeindegrenzen hinaus bekannt und beliebt waren.
Hier hatte er sich nicht nur der traditionellen Volksmusik verschrieben, sondern in verschiedenen Besetzungen Schrammel- und Unterhaltungsmusik unter dem Motto „Boarisch klingt’s bis Jazz und Swing“ der Spitzenklasse dargeboten. Zu hören waren das Duo Anderl-Singer, das Peter-Anderl-Trio sowie das „Alt-Star-Quintett“ mit Markus Singer, Jack Huber, Pepi Hirl, Peps Holzmeier und Peter Anderl. „Mit Vollprofis zu musizieren, die auch bei Max Greger und Hugo Strasser mitspielten, war immer eine große Freude“, so Anderl.
Eine besondere Ehre sei für ihn die Aufwartung des inzwischen 97-jährigen Pepi Hirl an seinem 80. Geburtstag im April 2025 gewesen, der sich bei seiner Geburtstagsfeier in die große Gratulantenschar einreihte. Viele befreundete Volksmusikgruppen brachten ihm Geburtstagsstanderl, und der Jubilar gab einige musikalische Schmankerl mit seinen „Altstars“ zum Besten. Nicht fehlen durften einige prägende und unvergessene Lieder mit seinen „Inntaler Sängern“, die im Januar 2025 ihre Karriere beendeten.
Zu den Schattenseiten der Erfolgsgeschichte gehört das Abschiednehmen: Schmerzlich verkraften musste er den Tod seines Sohnes Peter im Jahr 2002 und seiner Frau Stefanie im Jahr 2012. Die Musik und der Gesang hätten ihm über diese schwere Zeit hinweggeholfen.
„Die Zeit der Krankheit und des folgenden Todes von Koni Bauer im Jahr 2007 war nicht nur für seine Familie, sondern auch für uns Sängerkollegen äußerst schwierig. Aufhören oder zu dritt weitersingen?“, so Anderl. Schließlich entschieden sie sich für Letzteres, obwohl Auftritte zu dritt erst einmal gewöhnungsbedürftig waren. Vor einigen Jahren musste er sich auch von Jakob Huber und Peps Holzmeier verabschieden. Bei der Totenmesse der beiden ließ er es sich nicht nehmen, einige Lieder und Zitherstücke einzubringen.
Im Jahr 2023 verstarb die jahrzehntelange Freundin und Anhängerin Rosi Mittermaier. Die „Gold-Rosi“ schrieb in ihren Abschiedsworten, dass ihre Beerdigung fröhlich ablaufen und ihre geschätzten Freunde, die Inntaler Sänger, bei ihrer Verabschiedung ein paar ihrer Lieblingslieder singen und spielen sollten. „Diese Bitte wurde von uns natürlich gerne erfüllt“, erzählt Anderl.
Im März dieses Jahres verstarb der überaus geschätzte Sängerkollege und Schreinermeister Sepp Wieland aus Flintsbach. „Es war mir eine Ehre und Selbstverständlichkeit, ihn bei seiner Trauerfeier musikalisch zu begleiten“, so Anderl. Besonders ergreifend war es, als er das Lied „So nimm denn meine Hände“ und einige Zitherstücke in seiner einzigartigen Sing- und Spielweise beim Requiem in der Pfarrkirche Sankt Martin in Flintsbach anstimmte.
Neuer Schwung mit den
Rimstinger Sängern
„Mit 81 Jahren ist noch lange nicht Schluss“, beweist der Zithervirtuose nach wie vor. Im Jahr 2019 schloss er sich den Rimstinger Sängern an, die nicht nur von Auftritten im Bayerischen Rundfunk und Fernsehen weithin bekannt sind. Geselligkeit ist ihnen ebenso wichtig wie eine authentische und unverfälschte Volksmusik.
Wer könnte das Ensemble besser ergänzen als Peter Anderl? „Er ist ein Glücksfall für uns Burschen, da er mit seiner enormen Erfahrung auf höchstem Niveau seine Vortragsweise und auch das Liedgut der Inntaler Sänger an uns weitergibt“, freut sich Raimund Steinberger. So Gott will, kann man ihn hoffentlich noch lange mit seiner überaus einfühlsamen Zither und seiner besonderen Stimme hören und bewundern.