Stephanskirchen – Rund 5,7 Millionen Menschen waren laut Statistischem Bundesamt Ende 2023 pflegebedürftig. Bis Ende 2055 soll die Zahl auf 7,6 Millionen ansteigen. Ein Großteil der Betroffenen wird zu Hause versorgt. Für die pflegenden Angehörigen, die oft noch berufstätig sind, kann das herausfordernd sein. Die Tagespflege, in der Pflegebedürftige stunden- oder tageweise betreut werden, kann für Betroffene und deren Familien eine große Erleichterung sein.
„Es fehlt
viel Aufklärung“
In Stephanskirchen gibt es seit gut zwei Jahren eine Tagespflegeeinrichtung von Pur Vital im Seniorenquartier in Haidholzen. Sie ist nicht nur für die Kombination mit Betreutem Wohnen innerhalb des Quartiers gedacht. Sondern auch für Senioren, die zum Beispiel bei ihren Angehörigen oder noch alleine leben. Während das Betreute Wohnen sowie die Pflege-WG voll sind, und der mobile Pflegedienst ebenfalls gut ausgelastet ist, gibt es in der Tagespflege noch freie Plätze, erläutert Geschäftsführer Markus Mittermeier. „Es fehlt viel Aufklärung“, sagt er. Vor allem von ärztlicher Seite und von den Kassen würde er sich mehr gezielte Information wünschen.
Der Tag eines Tagespflege-Besuchers beginnt gegen 7.30 Uhr, berichtet Leiterin Ivanka Jokic. In barrierefreien Bussen werden die Senioren von zu Hause abgeholt. Vor Ort hat jeder im Eingangsbereich sein persönliches Fach, wo er seine Sachen ablegen und jederzeit darauf zurückgreifen kann. „So können sie in Ruhe ankommen“, sagt Jokic.
Dabei besuchen nicht nur Senioren aus Stephanskirchen die Einrichtung. Auch die Nachbargemeinden Riedering, Rohrdorf, Prutting, Söchtenau und Bad Endorf sowie die Stadt Rosenheim werden vom hausinternen Fahrdienst angefahren. Nach Schließung der Einrichtung um 16.30 Uhr werden die Besucher wieder nach Hause gebracht.
Die Altersspanne der Besucher reiche von 75 bis 100 Jahren. Die älteste, und inzwischen leider verstorbene Besucherin, so Jokic, sei 104 Jahre alt gewesen. „Und noch sehr fit.“ Ob die Tagespflege als Modell infrage kommt, hänge von der Person ab. „Viele kommen zu spät“, sagt Jokic. Nämlich dann, wenn die Pflegebedürftigkeit oder Demenz schon zu weit fortgeschritten sei. „Menschen mit Pflegegrad 4 oder 5 können wir nicht betreuen.“ Wer aber noch relativ selbstständig sei, sodass er noch alleine leben könne, für den sei die Tagespflege eine Option. Mindestens Pflegegrad 2 müssen die Besucher vorweisen.
Die Tagespflege umfasst 20 Plätze. Auf über 300 Quadratmetern steht den Besuchern viel Platz zur Verfügung. Auf der großen Terrasse wachsen in zwei großen Hochbeeten bunte Blumen, aber auch Salat, Gurken und allerlei heimische Obst- und Gemüsestauden. „Unsere Besucher können bei uns auch garteln, sie kümmern sich ums Gießen und die Pflege der Pflanzen.“ Im großen Gemeinschaftsraum mit offener Küche, dem Herzstück der Tagespflege, wird zusammen gefrühstückt, zu Mittag gegessen, zusammengesessen und gespielt. Auch für Kaffee und Kuchen ist täglich gesorgt.
Um den Besuchern einen geregelten Tagesablauf zu bieten, gibt es neben festen Zeiten für gemeinsame Mahlzeiten auch ein in den Alltag integriertes Therapie- und Beschäftigungsprogramm. Beim Besuch des OVB sitzen zwei Damen im Rollstuhl an der Arbeitsfläche und helfen beim Schnippeln. „Sie können bei der Zubereitung des Essens helfen“, sagt Jokic, „oder am Therapieprogramm teilnehmen.“ Dieses sei nicht verpflichtend. Wer keine Lust hat, mitzumachen, etwa weil er oder sie ein Nickerchen machen möchte, könne sich dafür in einen der Ruheräume zurückziehen.
Der Vormittag zwischen 10 und 12 Uhr ist durchgeplant und basiert auf dem MAKS-Therapieprogramm. Dabei handle es sich, so die Tagespflegeleiterin, um ein nicht medikamentöses Programm für demenzkranke Menschen, das für motorische, alltagspraktische, kognitive und soziale Aktivierung stehe. Gedächtnisübungen, Alltagskompetenzen, Basteln, Motorikübungen an der Tovertafel – ein digitaler Aktivitätstisch – und kreative Arbeit – angepasst an die Bedürfnisse von Menschen mit leichter bis mittlerer Demenz – fördern den Erhalt der Selbstständigkeit. Allen voran steht dabei aber auch der Gemeinschaftsgedanke. Alle zwei Wochen kämen die Kindergartenkinder aus dem „Haus für Kinder Hotzenplotz“ zu Besuch. „Die Menschen kommen so unter Leute. Zu Hause wären sie auf sich allein gestellt, manche leiden unter Einsamkeit“, erläutert Jokic.
Warum bleiben also Plätze frei? „Die gesellschaftliche Struktur auf dem Land ist anders“, sagt Ivanka Jokic. Sie habe früher in der Tagespflege in München gearbeitet. Dort sei die Situation anders gewesen. Auf dem Land werde die Pflege noch stärker als Aufgabe der Familie angesehen. Auch die Vorbehalte gegenüber der Tagespflege und das Vorurteil, die eigene Selbstständigkeit möglicherweise zu verlieren, seien ein Hindernis. Und: „Den ersten Schritt zu machen, ist meist das Schwierigste“, sagt Jokic.
Viele seien auch ob möglicher Bürokratie abgeschreckt. Dabei sei der Antrag recht einfach und die Finanzierung werde größtenteils übernommen, erklärt Markus Mittermeier. Bei Pflegegrad 2 und einer relativ geringen Buchungszeit von sieben Besuchstagen pro Monat beläuft sich der Eigenanteil auf rund 14 Euro pro Tag. Denn die Kosten für Betreuung, Pflege und Fahrdienst sind durch den Pflegekassen-Zuschuss gedeckt.
Landbevölkerung
tickt anders
Nach Abzug des Entlastungsbetrags in Höhe von 131 Euro ergibt sich der Eigenanteil. Bei Pflegegrad 3 erhöht sich dieser leicht auf knapp 23 Euro Eigenanteil pro Besuchstag. Inbegriffen seien dabei neben dem Programm und der Betreuung auch die Verpflegung mit zwei Mahlzeiten, einer Zwischenmahlzeit sowie Kaffee und Kuchen. Das Pflegegeld bleibt davon unberührt, denn für die Tagespflege gibt es laut dem Verein Pflege-Deutschland bei der Pflegekasse einen eigenen Topf. „Wenn das Geld nicht in Anspruch genommen wird, bleibt das Geld bei der Kasse“, sagt Mittermeier.
Für die Senioren kann der Alltag in der Tagespflege sehr bereichernd sein. „Wir tun hier das, was den Leuten wirklich Spaß macht“, sagt Leiterin Ivanka Jokic. Ausflüge zum Rosenheimer Herbstfest, auf die Fraueninsel oder zum Eisessen an den Simssee stünden regelmäßig auf dem Programm. Und auch alte Schulfreunde hätten sich in der Tagespflege nach vielen Jahren wieder getroffen, berichtet Jokic.