Wie Christian Peschkes Erbe lebendig bleibt

von Redaktion

Das Vermächtnis des Künstlers Christian Peschke ist in Flintsbach spürbar geblieben. Im Peschke-Haus trafen nun Arbeiten von Bettina Nuschei auf seinen bewahrten Kosmos. Die Veranstaltung zeigte rund 50 Gästen bei einem Sommerfest, wie ein künstlerisches Lebenswerk lebendig erhalten werden kann.

Flintsbach – In der Werkstatt liegt noch die Armbanduhr, die Christian Peschke dort abgelegt hat. Selbst seine letzte nicht zu Ende gerauchte Zigarette wurde aufgehoben. Bilder, Werkzeuge und persönliche Dinge befinden sich an ihrem Platz. Es wirkt, als habe der Künstler das Haus nur für einen Augenblick verlassen und könne jeden Moment zurückkehren. Christian Peschke starb 2017. Doch in dem gemeinsam mit seiner Frau Angelika geschaffenen Peschke-Haus ist er weiterhin gegenwärtig: in Gemälden und Skulpturen, in seinem Arbeitszimmer und in der Atmosphäre eines Ortes, der bis heute mehr Atelier als Museum geblieben ist.

Ein lebendiges
Vermächtnis

In diese bewahrte Welt brachte die Künstlerin Bettina Nuschei zehn ihrer Arbeiten mit. Unter dem Titel „Vordergründe/Hintergründe“ trafen ihre Schrift- und Zeichenbilder auf die körperhaften Figuren Peschkes. Der Abend wirkte weniger wie eine streng inszenierte Ausstellung als wie der Besuch einer Künstlerin bei einem Kollegen – nur dass der Hausherr selbst nicht mehr dabei sein konnte.

Rund 50 persönlich eingeladene Freunde, Weggefährten, Kunstinteressierte und Förderer kamen zu dem Sommerfest. Doktor Ansgar Sommer, der die Veranstaltung gemeinsam mit Angelika Peschke und Bettina Nuschei organisierte, sprach von einem Auftakt, der fortgeführt werden könne. Deutlich wurde vor allem ein Anliegen: Christian Peschkes Werk wieder sichtbar zu machen und Menschen zusammenzubringen, die seine Kunst weitertragen können.

Körper und
Kraft im Raum

„Spürt den Geist des Hauses“, forderte Sommer die Gäste auf. Das frühere Arbeitszimmer des Künstlers war geöffnet. Angelika Peschke habe dort einige Dinge bewusst so belassen, wie ihr Mann sie hinterlassen habe. Damit erhielt der Titel „Vordergründe/Hintergründe“ eine Bedeutung, die über die Gegenüberstellung zweier Kunststile hinausreichte. Im Vordergrund standen Nuscheis Arbeiten, die Gäste, Gespräche und Musik. Im Hintergrund blieb Christian Peschke in jedem Raum spürbar.

Peschkes Kunst ist von unverwechselbarer Leiblichkeit geprägt. Seine Frauenfiguren sind rund, kraftvoll, sinnlich und häufig von tänzerischer Bewegung erfasst. Auch Paare verschlingen und umarmen sich, bis aus zwei Körpern beinahe eine einzige Form entsteht. Anatomische Genauigkeit interessierte ihn weniger als Volumen, Bewegung und menschliche Nähe. Ein am Abend vorgestelltes Statement brachte diesen Ansatz auf den Satz: „Christian Peschke formte die Frau – nie als Abbild, immer als Kraft.“ Seine Kunst feierte den menschlichen Körper, statt ihn einem gängigen Schönheitsideal zu unterwerfen.

Auch international fand sein Werk Beachtung. Die Großplastik „Tanz der Sterne“ wurde in Monaco von Fürst Rainier III. enthüllt, „Die Tänzerin“ gelangte 2005 in die Sammlung von Fürst Albert II. Seit 2007 ist Peschkes Werk im Museum Europäischer Kunst vertreten. 2015 vollendete er gemeinsam mit Angelika das Haus in Flintsbach – als Atelier, Bühne und Vermächtnis.

Ganz anders nähert sich Bettina Nuschei dem Bild. Buchstaben, Zahlen, Zeichen und typografische Ordnungen bilden ihre eigene Grammatik zwischen Schrift und Malerei. Für diese Bildsprache verwendet sie den Begriff „Hyperlettrismus“. Eine prägende Station ihres Weges war 1980 und 1981 die Factory von Andy Warhol in New York.

Nuscheis Arbeiten entstehen im Dialog mit Architektur und Raum. „Wenn meine Bilder hängen, hat der Raum eine Seele und atmet“, sagt die Künstlerin. Im Peschke-Haus traf dieser Anspruch auf einen Ort, der längst eine starke eigene Seele besitzt. Ihre Werke überdeckten diese nicht, sondern gaben den Räumen vorübergehend eine zweite Stimme.

Die ursprünglich angekündigte Einführung durch Karl Prinz von Thurn und Taxis musste kurzfristig entfallen. An seiner Stelle übernahm der Investmentbanker und Kunstmäzen Rolf B. Pieper die Ansprache. Entscheidend sei bei Kunst nicht allein der Marktwert, sondern ihre „emotionale Rendite“. Das Peschke-Haus biete davon, so Pieper, „emotionale Rendite pur“. Zugleich würdigte er den Einsatz Angelika Peschkes, die über Jahre für den Erhalt des Werks ihres Mannes gekämpft habe.

Emotionale Rendite wirkt
schwerer als Marktwert

Sie bewahrt nicht nur Gemälde und Skulpturen, sondern auch den Zusammenhang, in dem sie entstanden sind. Darin liegt die besondere Verantwortung eines Künstlernachlasses: Ein Künstler kann nach seinem Tod ein zweites Mal verschwinden – dann, wenn seine Werke nicht mehr gezeigt, betrachtet und besprochen werden.

Das gesellschaftliche Rahmenprogramm mit Musik und Weinverkostung blieb Nebensache. Im Mittelpunkt stand der Ort selbst. Die Gäste gingen durch die offenen Räume, betrachteten Gemälde und Skulpturen, blätterten in Werkverzeichnissen und betraten die Werkstatt, in der Peschke bis zuletzt gearbeitet hatte.

Vielleicht lag darin die eigentliche Bedeutung des Abends: Christian Peschke fehlte – und war doch überall anwesend. Solange Menschen sein Haus betreten, seine Figuren betrachten und über sein Werk sprechen, ist auch die Gefahr gebannt, dass der Künstler ein zweites Mal stirbt.

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