Im Stephanskirchener Ortsteil Westerndorferfilze entsteht ein Doppelhaus in Stahlträger-Bauweise. Foto Pfeifer
Stephanskirchen – Zeitweise war es ein seltsamer Anblick in Westerndorferfilze: Als würde jemand ein Messezelt aufbauen. Allerdings handelt es sich dabei um ein Doppelhaus mit je 100 Quadratmetern Wohnfläche pro Einheit, das bald die Heimat zweier Familien werden soll. Bauherr ist Stefan Jenner (53) aus Bad Aibling. Er möchte mit seiner Frau eine Hälfte des Doppelhauses bewohnen. Die andere ist für seine Tochter mit Ehemann gedacht. Auch Nachwuchs ist bereits unterwegs. „Diese Bauweise ist eine Art, wie sich junge Menschen bei den hohen Grundstückspreisen in der Region vielleicht noch ein Haus leisten können“, findet er.
Entdeckt habe der 53-Jährige diese Modulbauweise in Polen. Früher habe der gelernte Betriebswirt Tiny Houses vertrieben. Dafür sei er geschäftlich öfter im Nachbarland unterwegs gewesen. Als er dann für sich und seine Familie auf Grundstückssuche war, kam ihm die zündende Idee für sein „Innovativhaus“, wie er es nennt.
Rotstift
beim Bauen
Da am Grundstückspreis nicht viel zu machen ist, setzte er beim Bau den Rotstift an. Über seine Kontakte in Polen bestellte er die Bauteile und suchte regionale Firmen mit polnischen Arbeitern, die mit der Bauweise vertraut sind. Die Baugenehmigung sei „problemlos erteilt worden“. Ende März dieses Jahres war Spatenstich. Neugierige Blicke in Richtung Baustelle habe es dann in der Hochbauphase gegeben, als die Rahmenteile, das „Stahlskelett“ des Hauses, hochgezogen wurden. „Im Prinzip entspricht das der Holzständerbauweise. Nur eben mit Stahl“, sagt Jenner.
In den rund 15 Zentimeter starken Hohlräumen der Konstruktion befindet sich Dämmwolle. Die Innenwände sollen mit OSB-Platten (Grobspanplatten), Trockenbauplatten und Putz vollendet werden. Die Außenwände sollen mit den Spanplatten und 15 Zentimeter dicken ESP-Platten (Styropor) gedämmt werden. „So wollen wir Kältebrücken vermeiden. Und damit auch Schimmelbildung“, so der 53-Jährige. Auch die statische Abnahme sei bereits erfolgt und die Brandschutzbestimmungen seien erfüllt.
Im August möchten die beiden Familien einziehen. „Das ist sportlich“, gibt Jenner zu, bleibt aber zuversichtlich. Denn die Elektrik liegt, der Trockenbau aber steht noch aus. Wie es sich in einem Haus mit Stahlfundament lebt, weiß Jenner nicht. „Das werden wir sehen.“ Geheizt werden soll mit einer Wärmepumpe über eine Fußbodenheizung. Mit dieser Bauweise, so glaubt Jenner, könnten junge Familien den stetig steigenden Grundstückspreisen entgegenwirken. Allerdings sei, um wirklich zu sparen, viel Eigenleistung und Organisation rund um die Baustelle der Knackpunkt. „Alles in allem kommt der Bau auf rund 650.000 Euro. Die Kosten für das gleiche Fertighaus in Ziegelbauweise hätten 850.000 Euro betragen“, sagt Jenner. Nicht im Preis inbegriffen sei die Bodenplatte. Auf seiner Homepage wirbt er für die Bauweise. „Ich bin kein Unternehmer. Ich kann aber Interessenten vermitteln.“
„Finde den Ansatz
grundsätzlich spannend“
Ursula Pfeifer ist Planerin und Prokuristin bei den Krug und Grossmann Architekten in Rosenheim. Das Büro baut ausschließlich im öffentlichen Bereich, das private Bauprojekt in Stephanskirchen hat aber auch ihre Aufmerksamkeit und die ihrer Kollegen geweckt. „Ich finde den Ansatz grundsätzlich spannend. Insbesondere ein hoher Vorfertigungsgrad kann Vorteile hinsichtlich Bauzeitverkürzung und Qualitätssicherung bieten“, erklärt sie auf Nachfrage des OVB. Allerdings gelte dies auch für den Holzbau, vorgefertigte Betonbauteile oder moderne Mauerwerkssysteme.
Neu sei die Stahlträgerbauweise nicht: Vergleichbare Konstruktionsprinzipien fänden sich laut Pfeifer etwa auch bei Tiny Houses sowie im Hallen- und Gewerbebau. „Auch im internationalen Wohnungsbau werden Stahlrahmenkonstruktionen vereinzelt eingesetzt.“ Besondere Aufmerksamkeit sollten Bauherren aus ihrer Sicht auf die bauphysikalischen Eigenschaften legen. Der Rahmenbau sei zwar vertraut – jedoch aus Holz. „Stahl besitzt jedoch eine deutlich höhere Wärmeleitfähigkeit als Holz und kann dadurch Wärmebrücken begünstigen“, sagt die Architektin. Entscheidend sei daher nicht die Dicke der Dämmung, sondern die Qualität des Wandaufbaus, aller Anschlüsse und Durchdringungen, wie Rohrleitungen, Kabel oder Schornsteine. Ebenso spielen Feuchteschutz, Luftdichtheit, Schallschutz und Brandschutz eine wesentliche Rolle. „Diese Anforderungen lassen sich grundsätzlich erfüllen, erfordern jedoch eine sehr sorgfältige Planung und Ausführung.“
Bauweise in
Süddeutschland selten
Die wirtschaftlichen Vorteile dieser Bauweise kann Pfeifer jedoch nur eingeschränkt nachvollziehen: Denn bei der von Jenner dargestellten Vergleichsrechnung werden einzelne Kostenbestandteile ausdrücklich ausgeklammert, etwa Tiefbauarbeiten und die Bodenplatte. „Gleichzeitig wird auf einen hohen Anteil an Eigenleistungen verwiesen. Dadurch werden nach meiner Einschätzung nicht vollständig vergleichbare Grundlagen gegenübergestellt.“
Für ein Ein- oder Zweifamilienhaus einfachen Standards lägen der Architektin zufolge die Gesamtkosten in der Region Rosenheim nach aktuellen Baukostenindex bei rund 2.650 Euro pro Quadratmeter (brutto). In diesen Werten seien aber neben den reinen Baukosten üblicherweise auch Planungskosten, Erschließung, Bodenplatte sowie die fertigen Oberflächen berücksichtigt. „Ob sich daraus tatsächlich eine relevante Kostenersparnis gegenüber einer konventionellen Bauweise ergibt, ließe sich nur anhand einer vollständigen und einheitlichen Gegenüberstellung aller Kosten belastbar beurteilen“, resümiert Ursula Pfeifer.
Die Rosenheimer Bauinnung wollte sich auf Nachfrage nicht zu dem Projekt äußern. Auch die Architektenkammer München hält sich zurück: „Als Kammer und Körperschaft des öffentlichen Rechts äußern wir uns nicht zu einzelnen Bauprojekten. Eine Bewertung einer einzelnen Bauweise können wir ebenfalls nicht abgeben“, schreibt Pressesprecherin Sabine Picklapp. Denn jede für sich hätte Vor- und Nachteile. Sie teilte aber mit, dass die von Stefan Jenner gewählte Bauweise etabliert sei, allerdings nicht in Süddeutschland. Dort fände man eher Massiv- oder Holzbau. Solange sich Bauherr und Planer an die gesetzlichen Regeln hielten, sei die Bauart eine „individuelle Frage der Partner“, so Pressesprecherin Sabine Picklapp.