Raubling – Rudolf Dapfer (66) ist leidenschaftlicher Wasserbauer. Er hat jahrzehntelang bei Wasserwirtschaftsämtern in München und Rosenheim gearbeitet. Von der Renaturierung der Isar schwärmt er bis heute. Doch der Hochwasserschutz im Einzugsgebiet der Raublinger Moore bereitet ihm schlaflose Nächte – selbst in der Rente noch.
Untersuchung unter
anderen Voraussetzungen
Als Bauingenieur mit Schwerpunkt Hydraulik war er vor knapp 20 Jahren der amtliche Sachverständige für das Gebiet von Kolbermoor bis Oberwöhr. Sein Gutachten für den vorzeitigen Baubeginn dieses Abschnitts im Hochwasserschutz an der Unteren Mangfall stammt aus dem Jahr 2007. „Es ist bis heute rechtskräftig“, sagt er. Das bereitet ihm Sorge, denn er sieht sich nach wie vor in der Verantwortung für die Menschen in Rosenheim, Kolbermoor, Bad Feilnbach und Raubling. Doch als er seine Unterschrift unter das Gutachten setzte, waren die Voraussetzungen ganz andere. Die Renaturierung der Raublinger Moore hatte gerade erst begonnen.
Fünf Jahre später (2012) waren fast 1.100 Hektar der Rosenheimer Stammbeckenmoore wiedervernässt. „Aufgestaut zu Stauseen“, sagt Dapfer. Parallel dazu wurden die Folgen des Klimawandels auch in Deutschland bedrohlicher. Immer häufiger kam es zu Extremwetterlagen, Sturzfluten und Jahrhunderthochwassern: 2013 an der Mangfall, 2021 am Irschenberg, 2020 und 2024 in Raubling. Auf der Suche nach den Ursachen für die Überschwemmungen ganzer Siedlungen in Raubling und Kirchdorf wurde schließlich auch die Wiedervernässung der Moore hinterfragt.
Seitdem ist Rudolf Dapfer fast täglich vor Ort, beobachtet die Moore, begutachtet die Deiche und bringt seine Meinung deutlich auf den Punkt: „Für mich ist das EU-Programm zur Wiedervernässung der Moore kein Life-Projekt, sondern ein Todesprojekt.“
Rudolf Dapfer will vor den Folgen der Wiedervernässung für das gesamte Gewässersystem warnen, denn „die Rosenheimer Stammbeckenmoore sind integraler Bestandteil der Einzugsgebiete der Gewässer“. Dazu gehören neben Mangfall, Kalten und Inn nicht nur Wildbäche wie Jenbach, Aubach, Lungelbach, Mühlbach, Litzldorfer Bach und Oberer Tännelbach, sondern auch Gräben wie der Augraben, der Mitterharter Graben und die Entwässerungsgräben der Moore. Davon betroffen sind Rosenheim, Kolbermoor, Bad Feilnbach und Raubling.
„Die Rosenheimer Stammbeckenmoore sind zu mehreren Stauseen auf dem Gelände des ehemaligen Frastorfabbaus aufgestaut worden“, beschreibt der Bauingenieur. Seinen Berechnungen zufolge erhöhen sie bei Starkregenereignissen den Abfluss um 175 Kubikmeter pro Sekunde. Das wären also 175.000 Liter oder 875 Badewannenfüllungen, die den Abfluss pro Sekunde verstärken würden.
Hinzu komme, erklärt Dapfer, dass „die Dämme und Deiche aus Torf bestehen, nicht unterhalten werden und in einem katastrophalen Zustand sind“. Es sei kein Standsicherheitsnachweis vorhanden. „In der Folge kam es auch in der Vergangenheit schon zu Damm- und Deichbrüchen, die zu unkalkulierbaren Flutwellen führten.“
Doch nicht nur das. „Durch die Wiedervernässung wird ein permanent eingestauter Polder für ein alpines Einzugsgebiet von 25 Quadratkilometern entstehen“, kritisiert Dapfer. „In Feldolling bauen wir für den Hochwasserschutz ein riesiges Hochwasserrückhaltebecken für 6,6 Millionen Kubikmeter Wasser. Die Rosenheimer Stammbeckenmoore aber, die das Vierfache an Retentionsvolumen haben, füllen wir künstlich auf, sodass sie bei Starkregenereignissen wie am 3. Juni 2024 nicht als Rückhalt zur Verfügung stehen.“
Seit der Juni-Flut von Raubling hat Rudi Dapfer keine Ruhe mehr. Er hat die Petition zur Renaturierung der Raublinger Filzen von Johannes Neiderhell vom Januar 2026 mit seiner fachlichen Expertise unterstützt. Er hat an die 200 E-Mails und mehrere Gutachten ans Wasserwirtschaftsamt Rosenheim geschickt und klare Forderungen formuliert. So unter anderem, dass „das in den Mooren angestaute Wasser um mindestens einen Meter abgesenkt werden muss, um den verloren gegangenen Retentionsraum von etwa 25 Millionen Kubikmetern wiederherzustellen“. Außerdem müsse das Freibord – also der Sicherheitsabstand zwischen dem höchsten Wasserstand und der Deichkrone – an den Gewässern, die aus den Mooren kommen, wiederhergestellt werden. Zudem fordert er den Einbau unterströmter Wehre und einen Speicherbewirtschaftungsplan, um den Stauraum der Moore zu regulieren.
Die Renaturierung der Moore ist zentraler Bestandteil der Klimastrategie des Freistaates. Weitere Flächen in den Panger-, Eulenauer-, Hochrunst- und Kollerfilzen sollen vernässt werden. Die wasserrechtliche Genehmigung dafür liegt schon seit 2023 vor. Doch dann überrollte die Juni-Flut von 2024 Kirchdorf und Raubling. Ein Hochwasserschutzkonzept für die Gemeinde wurde erarbeitet, doch ohne die Betrachtung der Moore.
Johannes Neiderhell aus Kleinholzhausen sprang für die Menschen in die Bresche, die vom Hochwasser überflutet worden waren. Er wandte sich mit seiner Petition an den bayerischen Landtag und machte auf die Notlage der Betroffenen im Abflussgebiet der Moore aufmerksam. Seine Petition wurde „aufgrund der geltenden rechtlichen Bestimmungen“ im Juni ad acta gelegt. Die Staatsregierung sehe „keinen Anlass, von der grundsätzlichen Zielsetzung der Moorrenaturierung abzurücken“, heißt es in der Stellungnahme des Wirtschaftsministeriums.
Also wandte sich Johannes Neiderhell ans Wasserwirtschaftsamt Rosenheim – mit der Bitte um Beachtung der Gutachten von Rudolf Dapfer. Doch das wies darauf hin, dass die Gutachten nicht seriös seien. Ihnen fehlten unter anderem ein digitales Geländemodell, die Auflistung relevanter Abflussereignisse sowie die Berechnung möglicher Abflusssituationen mit einer Bewertung der Betroffenheiten. Ein Aufwand, der für einen ehrenamtlich tätigen Wasserbauingenieur gar nicht zu stemmen wäre.
Ein neues Gutachten soll
nun Klarheit schaffen
Auch wenn Johannes Neiderhell und Rudolf Dapfer mit ihren permanenten Warnungen vom Landtag und den Behörden nicht wirklich ernst genommen wurden, haben sie etwas Wesentliches erreicht: Umwelt- und Wirtschaftsministerium haben ein ergänzendes Gutachten bewilligt. Das soll Klarheit bringen, ob die Rosenheimer Stammbeckenmoore wirklich eine riesige Badewanne sind und bei Starkregen zu Überschwemmungen führen oder nicht.
Untersucht werden die Auswirkungen der wiedervernässten Moore auf das Abflussverhalten und den Wasserhaushalt. Der Hochwasserschutz der Bürger werde in den weiteren Planungen berücksichtigt, versichert Staatssekretär Tobias Gotthardt in seiner Stellungnahme zur Petition von Johannes Neiderhell.
Die Renaturierung wurde gestoppt. „Das Landratsamt Rosenheim hat die Untersuchungen bereits in Auftrag gegeben“, informiert Raublings Bürgermeisterin Franziska Pfaffenhuber. Es sei ein renommiertes Fachbüro beauftragt worden, das im Landkreis Rosenheim bereits zahlreiche Konzepte für Hochwasserschutz und Sturzflutmanagement erarbeitet habe.