Nußdorf – Die Beine tun weh, die Sonne knallt auf den Asphalt und dann ist auch noch die Trinkflasche leer. Doch Fred Pichler lässt sich davon nicht aufhalten. Der 70-Jährige ist trotz aller Widrigkeiten mit dem Rennrad von seiner Heimat Nußdorf am Inn nach Wien geradelt – 386 Kilometer und rund 3.200 Höhenmeter.
„Freunde von mir haben das vor vielen Jahren regelmäßig gemacht“, erzählt der Hobbysportler. Sie seien einmal im Jahr von München nach Wien geradelt. „Vor ein paar Wochen habe ich spontan beschlossen: Jetzt ziehe ich das durch“, sagt er. Er suchte sich ein gutes Wetterfenster und plante alles innerhalb von zwei Tagen.
Start um
drei Uhr nachts
Am Tag der Fahrradtour selbst stand der 70-Jährige schon um zwei Uhr nachts auf, weil er nicht mehr schlafen konnte. „Da hat es aber noch geregnet. Also habe ich bis drei Uhr gewartet“, erzählt Pichler. Mit Taschenlampe sei er dann losgefahren.
Die Tour war alles andere als leicht. Auf seinem Höhendiagramm habe es so ausgesehen, als gehe es bis Salzburg immer leicht bergab. „Trotzdem gab es noch sehr viele Steigungen“, berichtet Pichler. Beim Radfahren seien die Höhenmeter viel anstrengender als die Kilometer auf der Ebene. „Die Höhenmeter tun richtig weh in den Beinen“, erzählt er.
Außerdem sei es heiß gewesen und sein Routenplaner habe ihn auf viele Nebenstraßen geführt. Dort gab es weder Gaststätten noch Tankstellen, um etwa seine Trinkflasche aufzufüllen. „Zweimal habe ich Frauen im Garten stehen sehen und sie um Wasser gebeten. Sie haben mir sofort etwas abgegeben“, erzählt Pichler.
Für den Nußdorfer ist es nicht die erste anstrengende Radtour. Vor einigen Jahren sei er von Flensburg nach Oberwössen geradelt – 1.060 Kilometer. In 36 Stunden und ohne zu schlafen. „Das tut natürlich weh, nach 100 Kilometern spürt man es in den Beinen“, betont der 70-Jährige. Doch aufgeben müsse man deshalb nicht. „Das ist Kopfsache“, sagt er. Für die Strecke nach Wien benötigte Pichler 14,5 Stunden Fahrzeit. Gegen 19.30 Uhr kam er an. Die übrige Zeit habe er für kurze Pausen genutzt, etwa zum Spaghettiessen oder zum Verschnaufen.
Seit vor etwa 35 Jahren Pichlers Kinder auf die Welt gekommen sind, fährt er regelmäßig Fahrrad. „Ich habe früher mal nebenbei ein Radgeschäft gehabt und das hat sich dann so entwickelt“, erinnert er sich. Zwei- bis dreimal pro Woche schwingt er sich in den Sattel. Gelegentlich fährt er sogar auf einen Kaffee nach Salzburg. „Das hört sich vielleicht verrückt an, aber es sind insgesamt 200 Kilometer, und nach 7,5 Stunden bin ich wieder daheim.“ Beim Radeln könne er einfach abschalten.
Für jede Radtour, die er machen kann, ist Pichler dankbar. „In den vergangenen zwei Jahren habe ich drei gute Freunde verloren“, erzählt der 70-Jährige. Alle drei seien an Krebs gestorben und jünger als er gewesen. „Unter ihnen war auch meine Freundin.“ Das habe ihm gezeigt, wie schnell alles vorbei sein kann. Und deshalb möchte er auch andere Menschen in seinem Alter motivieren, sich mehr zu bewegen.
Dass Bewegung auch im Alter noch wichtig ist, weiß auch Andreas Aresin, Chefarzt des Zentrums für Akutgeriatrie und Altersmedizin an der Romed-Klinik Bad Aibling. Die Fahrt von Nußdorf nach Wien sei eine „außergewöhnliche, individuelle, sportliche Leistung“, sagt er. Nicht jeder sei aber in dem Alter noch so fit. „Die eigentliche Botschaft hinter der Fahrt ist aber für viel mehr Menschen relevant: Alter allein ist kein Grund, körperlich inaktiv zu werden“, betont Aresin.
Schon regelmäßiges Gehen, Radfahren, oder andere Bewegung im Alltag können ihm zufolge dazu beitragen, körperliche Leistungsfähigkeit und Selbstständigkeit zu erhalten. „Es geht nicht darum, Rekorde aufzustellen, sondern darum, möglichst lange gehen, Treppen steigen, einkaufen, oder andere Dinge des täglichen Lebens selbst erledigen zu können“, so der Chefarzt.
Bewegung muss
Spaß machen
Doch was ist nun die beste Art der Bewegung? „Diejenige, die jemand gerne und dauerhaft ausübt“, sagt Aresin. Entscheidend beim Training sei die Regelmäßigkeit.
„Ältere Menschen sollten langsam beginnen und die Belastung schrittweise steigern“, empfiehlt Aresin. Wichtig seien ausreichend Erholung und die Berücksichtigung bestehender Erkrankungen. „Wer Beschwerden wie ungewöhnliche Luftnot, Brustschmerzen, Schwindel oder Kreislaufprobleme während der Belastung entwickelt, sollte das Training abbrechen und die Beschwerden ärztlich abklären lassen.“