Trauer um Wirt John Gonzalves

von Redaktion

Der beliebte Wirt John Gonzalves ist am Freitag, 21. August, überraschend im Alter von 75 Jahren gestorben. Über Jahrzehnte hinweg prägte der gebürtige Kalifornier die Kulturszene und Wirtshauslandschaft der Region.

Obing – Die Nachricht vom plötzlichen Tod von John Gonzalves verbreitete sich am Freitagvormittag im Ort und weit über die Gemeindegrenzen hinaus wie ein Lauffeuer. Nach kurzer, schwerer Krankheit ist der beliebte Obinger Wirt überraschend im Alter von 75 Jahren verstorben. Die Trauer ist groß, denn mit John verliert Obing ein echtes Original, einen leidenschaftlichen Gastwirt und einen Menschen, der wie kaum ein anderer Musik, Wirtshauskultur und Lebensfreude miteinander verbunden hat.

Mit Leib und
Seele gearbeitet

„Beim John ist immer was los“ – dieser Satz war über Jahrzehnte Programm. 35 Jahre Kleinkunstbühne und 20 Jahre in Obing machten John und seine Frau Rita zu einer Institution. „Wir haben uns immer gut aufgehoben gefühlt. Er war ein Wirt mit Leib und Seele“, sagt Christian Schnebinger vom Gewerbeverein und FC-Bayern-Fanclub Obing ‘84 stellvertretend für die vielen Obinger Vereine, deren Vereinswirt John war. „Er hatte immer Zeit für einen Ratsch, war tief im Ort verwurzelt und sorgte mit seiner Art oft für einen Schmunzler.“

„Er war eine Legende“, stellt Jochen Mang vom TV Obing fest. Mit seiner knapp zwei Meter großen Gestalt, dem langen Rauschebart, Karohemd, Weste und bayerischer Lederhose oder Jeans war John schon eine imposante Erscheinung. Unvergessen aber bleiben vor allem seine verschmitzt lächelnden Augen, sein trockener Humor, seine geradlinige Art und seine ungebremste Lust, Neues auszuprobieren. Ebenso legendär war sein obligatorisches „Grüaß de mitanander“, mit dem der gebürtige Kalifornier seine Gäste im besten „Bayerikanisch“ begrüßte. Dabei verband John seine amerikanischen Wurzeln mit bayerischer Lebensart auf seine ganz eigene Weise. „Was er machte, war zu hundert Prozent John“, erinnert Jochen Mang. Er zelebrierte Kirchweih ebenso wie Thanksgiving. Er war ein wahrer Whiskeykenner, liebte ein gutes Guinness und den Ratsch an der Theke, seinem Lieblingsplatz und Kommunikationspunkt. 1970 war der damals 19-Jährige nach seinem Collegeabschluss eigentlich nur für drei Monate nach Deutschland gekommen. Doch es wurde weit mehr daraus. John tourte durch Europa, arbeitete unter anderem an einem Skilift in Garmisch und brach schließlich mit einem Bus zu einer abenteuerlichen Reise über Istanbul, Teheran und Kabul bis nach Delhi auf. 1978 lernte er in Goa die deutsche Tierpflegerin Rita kennen. Drei Jahre später kehrte das Paar gemeinsam mit Ritas Sohn Marcel nach Deutschland zurück.

In Roitham bei Seeon betrieben die beiden zeitweise eine Landwirtschaft, produzierten Käse und machten aus ihrem Wohnzimmer einen Treffpunkt für Musikfreunde. Die „Roßschänke“ wurde zur legendären Kultkneipe. Irish Folk und Bluegrass bestimmten das Programm, internationale Größen traten dort auf. Gleichzeitig entstand die „Offene Bühne“, wo junge Künstler erste Erfahrungen sammeln konnten. Die beiden inszenierten sogar das Musical „Hair“ in einer eigenen Fassung. Unter dem Titel „Verdammt lang her“ standen rund 25 Mitwirkende auf der Bühne. Unter den Zuschauern waren Hippies und Abendkleidträger bunt gemischt. Musik blieb Johns große Leidenschaft. Nach sieben Jahren „Roßschänke“ führte der Weg weiter nach Emertsham, bevor das Paar schließlich 2005 in Obing seine Heimat fand. „Die Leute haben uns hier gleich gut aufgenommen“, erzählte John gerne. „Beim John“ standen im Laufe der Jahre zahlreiche namhafte Künstler auf der Bühne – darunter Hans Söllner, Gerhard Polt, die Biermösl Blosn, Mungo Jerry, David Knopfler und Taj Mahal. Ebenso wichtig waren ihm die heimischen Talente. „Wennst nix probierst, weißt nix“, war sein Motto. Künstler wie Martina Schwarzmann, Willi Astor, Claudia Koreck sowie Hanns Meilhamer und Claudia Schlenger sammelten bei ihm Bühnenerfahrung. Dabei entstanden Geschichten, die bleiben. Etwa als Blueslegende Taj Mahal ein Jahr nach seinem Auftritt unangekündigt mit dem Tourbus in Obing auftauchte und spontan bis spät in die Nacht mit Musikern jammte. Oder als Chris Jagger, Bruder von Mick Jagger, wegen eines Auftritts anrief und John den Anruf zunächst für einen Scherz hielt. Auch abseits der Bühne war John ein Mann der Ideen. So war er über viele Jahre Triebfeder des Obinger Gewerbevereins. Mit dem Traditionsgasthof „Zur Post“ schufen John und Rita einen Ort, an dem sich Musiker, Vereine, Einheimische und Gäste gleichermaßen willkommen fühlten. Eigentlich sollte 2025 mit der Gastwirtschaft Schluss sein. Nach jahrzehntelanger Arbeit wollten John und Rita ihren Ruhestand genießen. Nach einer schwierigen Übergangsphase konnte der Gasthof schließlich im Juli mit der Camba als neuem Pächter in gute Hände übergeben werden.

Nachfolge
geregelt

Noch am 21. Mai 2026 hatte er im Kreis vieler Wegbegleiter seinen 75. Geburtstag gefeiert. Fröhlich und gelöst habe er immer wieder gerufen: „Das Wirtshaus ist zurück“, erzählt der Vorsitzende des TV Obing. John habe diesen Tag ausgiebig gefeiert, und man habe gespürt, wie gut es ihm gegangen sei, seit die Nachfolge für den Gasthof geregelt war. Nur wenige Wochen später ist er nun verstorben. Was bleibt, ist die Erinnerung an einen außergewöhnlichen Menschen. An einen Wirt, der seine Gäste nicht einfach bewirtete, sondern Menschen zusammenbrachte. An einen Freigeist mit unerschöpflichem Tatendrang, der andere ermutigte, Neues auszuprobieren. Und an einen gebürtigen Kalifornier, der in Obing längst zu einem echten Original geworden war.

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