Ungewöhnliche Therapiemethode auf vier Pfoten

von Redaktion

Der Hund Oreo arbeitet als tierischer Therapie-Assistent im Medical-Park in Bad Feilnbach. Zweimal pro Woche begleitet er die Ergotherapeutin Michaela Kreitmair bei der Arbeit. Gemeinsam unterstützen sie Patienten während ihrer Rehabilitation und helfen ihnen, gesund zu werden.

Bad Feilnbach – Seit rund 30 Jahren ist Michaela Kreitmair als Ergotherapeutin tätig, 18 Jahre davon arbeitet sie inzwischen für den Medical-Park und leitet seit einiger Zeit den Therapiebereich am Standort in Bad Feilnbach Reithofpark. Zweimal pro Woche geht sie nun in tierischer Begleitung zur Arbeit: Ihr Hund Oreo unterstützt sie seit einem guten Jahr bei der Ergotherapie.

Als Therapiehund ist Oreo nicht nur zum Streicheln und Spielen da, weiß die Ergotherapeutin. Vielmehr sieht sie ihn als Therapie-Assistenten: „Er hat seine festen Aufgaben bei der Hundetherapie, deswegen ist bei ihm während der Sitzungen auch höchste Konzentration angesagt“, so Kreitmair.

Vor eineinhalb Jahren hat Oreo seine Ausbildung zum Therapiehund begonnen. Diese dauert zwölf Monate und ist für den Hund „sehr intensiv“, wie Frauchen Kreitmair weiß. Dass ihr eigener Hund sich als Therapiehund eignet, ist für die Ergotherapeutin ein großes Glück. Schließlich trifft das bei Weitem nicht auf jeden Vierbeiner zu: Oreo musste noch vor der Ausbildung einen Test bestehen, um überhaupt dafür zugelassen zu werden. Vorab wurde getestet, ob der Hund menschenfreundlich ist, wie ruhig er sich in sozialen Kontexten verhält, und ob er neugierig ist und eine schnelle Auffassungsgabe besitzt, wenn es darum geht, Neues zu lernen.

Schließlich müssen sich Hund und Therapeut auf jeden Patienten individuell und neu einstellen. „Das macht den Beruf einerseits sehr kreativ und abwechslungsreich und andererseits äußerst fordernd für den tierischen Assistenten.“

Eine anspruchsvolle
Aufgabe für den Hund

Mehr als zwei Therapieeinheiten pro Woche kann Oreo deshalb auch nicht leisten. So viel Mehrwert die Hundetherapie für den Patienten, aber auch für den Hund bringt, so wichtig ist es, dass er sich ausreichend darauf vorbereitet und danach wieder davon erholen kann.

An einem Therapietag im Medical-Park kommt Oreo mit Frauchen Kreitmair mit zur Arbeit. Draußen vor dem Reha-Zentrum darf er ausgiebig herumschnüffeln und sich bewegen. So bereitet er sich kognitiv auf die für ihn sehr intensive Therapiestunde vor. Bei der Therapie selbst fungiert Oreo als Motivator für den Patienten. Das bedeutet: Er wird in verschiedene Aufgaben eingebunden, die der Patient zu bewältigen hat. Gelingt dem Patienten eine Aufgabe, bekommt Oreo etwa ein Leckerli von ihm. Die Leckerlis muss er zuvor aber beispielsweise auf eine Schnur auffädeln und verknoten – dabei schult er seine Feinmotorik. Oreo wartet währenddessen geduldig auf sein Kommando.

Tier als Motivator
für den Patienten

Oder er läuft auf Aufforderung des Patienten einen Hindernisparcours und wartet am Ende, bis dieser es ihm gleichgetan hat. Beim Parcours lernen die Patienten verschiedene koordinative Fähigkeiten wieder: Sie müssen ihr Gleichgewicht halten oder mit hohen Schritten über manche Hürde auf dem Boden steigen. Oreo macht die Übungen vor und soll die Patienten motivieren, es ihm gleichzutun. Das Highlight am Ende des Parcours ist schließlich wieder ein Leckerli, das die Patienten ihrem vierbeinigen Motivator überreichen dürfen.

Weil Oreo eine wichtige therapeutische Aufgabe übernimmt, ist eine gewisse Distanz zwischen Patient und Hund wichtig: Das bedeutet, die Patienten sollen ihn nicht mit Streichel- oder Kuscheleinheiten überschütten. Das verwirrt den Hund und macht unter Umständen den Therapieerfolg zunichte.

Je nach Krankheitsbild und Einschränkung überlegt sich Therapeutin Kreitmair wieder neue Übungen und Aufgaben für die Patienten, in die sie ihren Hund miteinbezieht. So kam sie beispielsweise auch darauf, Oreo Bilder für ihre Patienten malen zu lassen. Dafür suchen sich die Patienten ein paar Farben aus und drücken bunte Kleckse auf ein Blatt Papier: So wird die Feinmotorik in der Hand geschult – oder Patienten mit Sprachstörung müssen die Farben benennen, die sie wählen, bevor sie auf das Blatt kommen.

Daraufhin packt Kreitmair das noch unfertige Bild in Plastikfolie ein und gibt es Oreo, mit etwas Hundefutter obendrauf. Während sich der Hund über das Futter hermacht, verteilt er die Farbe unter der Folie auf dem Blatt. „Die Patienten freuen sich sehr, wenn sie aus der Therapie etwas als Andenken mitnehmen können“, so Ergotherapeutin Kreitmair.

Mancher ehemalige Patient hat deshalb inzwischen einen eingerahmten, originalen Oreo zu Hause an der Wand hängen.

„Wir sehen in der Neurorehabilitation deutlich, dass mithilfe Tiergestützter Intervention bei unseren neurologischen Patientinnen und Patienten ganz neue Möglichkeiten der Aktivierung und Funktionsverbesserung erreicht werden können. Das zeigt sich besonders bei Patientinnen und Patienten, die ihre Reha nach einem Schlaganfall bei uns durchführen“, weiß Chefarzt Prof. Peter Young. In der Therapie mithilfe tierischer Assistenz sehen er und Therapieleiterin Kreitmair großes Potenzial.

Eine halbe Stunde dauert eine Therapieeinheit mit Oreo. Das mag kurz klingen, sei aber vollkommen ausreichend für den Patienten und „extrem anstrengend für den Hund”, weiß Frauchen Kreitmair. Auch zum Ende des Besuches der OVB-Redaktion bei der Hundetherapie werden Oreos Augen immer kleiner. „Er muss sich jetzt erst mal ausruhen,“ weiß Kreitmair. Danach steht noch ein ausgiebiger Spaziergang an, bei dem sich der Hund nach dem wohlverdienten Feierabend so richtig austoben darf.

Distanz zwischen Hund und Patient ist wichtig

Einmal im Jahr muss außerdem jeder Therapiehund wieder neu zertifiziert werden, um zur Hundetherapie zugelassen zu werden, schließlich trägt er dabei viel Verantwortung und die Belastung ist nicht zu unterschätzen. Ausbildung, Eignungsprüfung oder Rezertifizierung übernehmen in Deutschland Organisationen wie der Deutsche Berufsverband für Therapie- und Behindertenbegleithunde.

Allerdings ist der Titel „Hundetherapeut“ nicht geschützt. Das bedeutet, jeder kann sich als Hundetherapeut bezeichnen, ungeachtet seiner Ausbildung. Kreitmair rät deshalb, sich vor Beginn einer Hundetherapeutenausbildung intensiv über Ausbildungsstelle, Anerkennung und Zertifizierung zu informieren.

Jeder kann
Hundetherapeut werden?

Die Erfolge, die Kreitmair, Oreo und ihre Patienten gemeinsam feiern, sind wirklich erstaunlich. Menschen, die einen guten Draht zu Hunden haben, sind umso bemühter und ehrgeiziger, wenn ein Vierbeiner sie auf ihrem Genesungsweg begleitet. Deshalb ist Kreitmair wichtig zu betonen: „Die Tiergestützte Intervention kann Großes bewirken, aber sie ist nur etwas für Patienten, die auch einen Bezug zu Tieren haben.“

Mehr Berichte zum OVB-Themenschwerpunkt „Leben & Gesundheit“ finden Sie auf ovb-online.de

Tiergestützte Intervention

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