Prien/Aschau – Die Überraschung ist vielen buchstäblich ins Gesicht geschrieben, die am Bahnhof in Prien oder Aschau ankommen, um mit der Chiemgaubahn zu fahren. Der modernere Zug fällt den Fahrgästen direkt auf. Eine ältere Frau mit Einkaufsroller freut sich über den nahezu barrierefreien Zustieg durch die breiten Türen, weil sie so keine hohen Stufen mehr überwinden muss. Lediglich der Spalt zwischen Gleis und Zug bleibt noch übrig. Außerdem gefallen ihr die großen Fenster, was das Zuginnere heller mache. So könne sie die Aussicht besser genießen. Die großen Fenster fallen auch einer Frau auf, die angibt, sonst nicht so gerne Zug zu fahren, „aber so ist es schon deutlich angenehmer“.
Inklusive
Halte-Wunsch-Knopf
Ein jüngeres Pärchen, englischsprachig, ist begeistert von den neuen Zügen und hebt den „Haltewunsch“-Knopf hervor. Damit die Chiemgaubahn bei den Zwischenhalten in Urschalling, Vachendorf und Umrathshausen stoppt, mussten Fahrgäste bei den alten Zügen mit dem Fahrzeugführer sprechen. Ein weiterer Vorteil der neuen Modelle ist die Klimatisierung. Die gab es im Alten nur durchs offene Fenster.
Auf der 9,6 Kilometer langen Strecke verkehrt eigentlich ein Dieseltriebwagen mit der Bezeichnung VT 628, umgangssprachlich inzwischen „Bimmelbahn“ benannt. Diese Züge wurden ab 1974 gefertigt, heute noch im Einsatz sind vor allem die aus dem Serienbau ab Ende der 80er-, Anfang der 90er-Jahre. Der neue Zug aus der Baureihe VT 642 ist zwar moderner, aber der am Dienstag (25. August) eingesetzte Zug sieht vollkommen anders aus und ist deutlich neuer. Er wurde auch schon im Jahr 2002 gefertigt und ist ebenfalls dieselbetrieben.
Aber nicht alle befürworten das neue Modell. Ein Mann in Wandermontur auf dem Weg nach Aschau sagt: „Mit dem alten Zug war es wie eine Fahrt in eine andere Welt, das Langsame hat schon was“. Barrierefreiheit sei ihm nicht wichtig, es betreffe ihn nicht. Schneller ist der neue Zug nicht, 14 Minuten dauert die Fahrt – und kostet für Erwachsene 4,20 Euro bei einfacher Fahrt.
Der barrierefreie Zugang ist allerdings nur am Bahnhof in Prien – mit einer Lücke – ohne Stufe möglich. Bei den Zwischenhalten und in Aschau gibt es eine Stufe vom Bahninneren auf den Bahnsteig. Hier ist der Bahnsteig deutlich tiefer und vom Bahngleis in den Zug muss eine Erhöhung überwunden werden – von innen nach außen ist es ein Tritt nach unten. Ein Mann, der auf der Strecke immer wieder Befragungen und Zählungen für die Bahn durchführt, zeigt sich fachkundig. Das neue Modell hat 123 Sitzplätze, das alte elf mehr. Dafür ist im offenen Bereich, dem „Mehrzweckbereich“, mehr Platz für Kinderwagen, Fahrräder und Co. Auch das WC in der Zugmitte ist barrierefrei.
Klingt insgesamt ziemlich positiv – wo ist der Haken? Die Südostbayernbahn will bis Dezember 2028 alle 628-Modelle durch 642-Bahnen ersetzen. Bei der Chiemgaubahn ist der Wechsel aber vorerst nur vorübergehend. Es sind teils bereits wieder die alten Modelle – Baujahr 1994 – unterwegs. Wann der endgültige Wechsel vollzogen wird, ist noch unklar. Eine Sprecherin der Bahn teilt unserer Redaktion lediglich mit: „Der Einsatz unterschiedlicher Fahrzeugtypen auf der Linie RE 52 hängt derzeit mit den betrieblichen Gegebenheiten zusammen. Daher kann es kurzfristig zu einem Wechsel zwischen den Fahrzeugen kommen.“ Spätestens in 28 Monaten ist die alte Chiemgaubahn Geschichte.
Die neueren Modelle aus diesem Jahrhundert sollen laut Website der Südostbayernbahn „umfangreich im Innenraum redesigned und außen neu lackiert“ werden. Damit wird auch das in dieser Woche kurzfristig eingesetzte Modell bald zum alten Eisen gehören. Patrick Nägele