Gipfel-Yoga wird zum Kurzurlaub für den Kopf

von Redaktion

OVB-Redakteurin Kathi Röhrl hat für eine 24-Stunden-Yoga-Auszeit die Hochries bestiegen. Gemeinsam mit einer Gruppe suchte sie in der Natur nach innerer Ruhe und Abstand vom Alltag. Dabei stellte sich die Frage, ob stille Meditationsübungen in so kurzer Zeit tatsächlich für Entspannung sorgen können.

Hochries – „Den gegenwärtigen Moment bewusst und ohne zu bewerten wahrzunehmen“: Laut Wörterbuch ist das Achtsamkeit. Es geht darum, die Aufmerksamkeit ins „Hier und Jetzt” zu lenken, Gefühle und Körperempfindungen zu beobachten, ohne sie zu bewerten.

Im „Hier und Jetzt“ bin ich idealerweise, wenn ich Dinge mache, die mir Freude bereiten. Dinge, für die ich mich in meiner freien Zeit bewusst entscheide und bei denen ich mir keinen Druck mache.

Konkret sind zwei meiner Lieblingsdinge Berge und Yoga. In den Bergen nehme ich meine Umgebung wahr, wie nirgendwo sonst. Beim Yoga nehme ich mich selbst wahr, wie sonst nie. Als Yogalehrerin bin ich immer auf der Suche nach Inspiration, was den Umgang mit meiner körperlichen und mentalen Gesundheit betrifft.

Vor der Achtsamkeit kommt eine Kraxeltour

Eine achtsame 24-Stunden-Yoga-Auszeit am Berg klingt genau nach dem, was ich suche. Finde ich in 24 Stunden und 850 Höhenmetern über der Talstation der Hochriesbahn, was Yogis „Achtsamkeit“ nennen oder bleibt sie für mich die inflationär verwendete Worthülse, als die ich sie bisher sah? Also schließe ich mich einer bunten Gruppe Yogis an, die gemeinsam für eine Auszeit mit Yogalehrerin Steffi Herrmannsdörfer auf die Hochries marschieren.

Zu meiner Yoga-Gruppe gehören: Yogalehrerin sowie Natur- und Hundeliebhaberin Steffi, ein Ehepaar – der Mann hatte seiner Frau die Auszeit geschenkt und muss jetzt selbst mit, zwei Freundinnen-Paare, die im Alltag zu wenig Zeit für sich finden, und zwei einzelne Yogis, die sich alleine, ohne großen Grund, was Gutes tun wollen.

Aber muss man, um sich „was Gutes zu tun“, mit der Yogamatte erst mal zum Gipfelkreuz neben der Hochrieshütte kraxeln?

Ein paar erste Höhenmeter über der Grainbacher Hochriesbahn starten wir am frühen Nachmittag unsere Auszeit mit einer Meditation. Augen zu, tief ein- und ausatmen. Beim Versuch, dabei tatsächlich nichts zu denken, scheint mir das Blätterrauschen vom Wald neben uns unendlich laut. Aber nicht unangenehm. Eher beruhigend.

Beruhigend ist es für mich auch zu wissen, dass ich in den nächsten 24 Stunden absolut keine Verpflichtung habe. Trotzdem denke ich nicht nichts, wie es bei der Meditation das Ziel sein soll: Ich denke an die Natur und paradoxerweise daran, keine Gedanken zu haben.

Den Leuten, mit denen ich hier bin, bin ich fremd. Wir bewegen uns in einer komischen Parallelwelt – sozial, gedanklich und räumlich. Daran finde ich schnell Gefallen. Das Fremdsein nimmt den Druck weg, jemand sein und sich messen zu müssen. Denn ich messe mich immer: Daran, wie ich gerne wäre, was ich nicht bin und was ich an und in anderen sehe. Augen auf – die Meditation ist vorbei. Wir gehen weiter Richtung Hütte. Aber nicht, ohne ein paar weitere „Achtsamkeitsübungen“.

Darunter: ruhig und regelmäßig atmen und dabei weiter mit dem Wandergepäck nach oben steigen.

Das Weiter-Hochgehen macht den Unterschied. Ich versuche, so ruhig zu atmen, wie möglich. Aber bei der Hitze und den zusätzlichen Kilos auf dem Rücken fühlt sich das an, als hätte ich meine Kondition mit dem Auto am Parkplatz abgestellt. Schritt für Schritt gehe ich weiter. Atemzug um Atemzug erobere ich meine Kondition zurück und merke: Sobald ich aufhöre zu klagen – über die Hitze, den Rucksack, den steilen Weg, Probleme aus dem Alltag, die ich eigentlich unten lassen wollte – funktioniert das mit der Ruhe und der Marsch fühlt sich viel leichter an.

Die letzten Meter gehen wir barfuß zum Gipfelkreuz – die Füße richtig durchmassiert, wie auf einer teuren Shakti-Matte, kommen wir auf der Hochrieshütte an.

Abgesehen von einer ausgedehnten abendlichen Yin-Yoga-Einheit haben wir an diesem Tag nichts mehr vor. Nur Ruhe, Natur und so wenig denken, wie möglich. Beim Yin geht es um die Dehnung der Tiefenmuskulatur. Das passiert, wenn man eine Position ohne aktive Spannung hält – Ruhe ist also auch hier unumgänglich.

Die Klangschale lässt die Luft um uns vibrieren, während das Räucherwerk uns die Entspannung von Beginn an nasal einflößt. Vielleicht wegen der Anstrengung des Wandertages in der sengenden Hitze – vielleicht weil der Tag so ungewöhnlich unaufgeregt war – bewege ich mich dösend von Yogapose zu Yogapose zur Schlussentspannung: Shavasana, die Leichenstellung und purste Form der Entspannung.

Als ich aus dem Yoga-Halbschlaf erwache, ist mein Körper nur noch eines: pure Entspannung. Meine Gesichtsmuskulatur ist zu keiner bewussten Mimik mehr fähig und meine Glieder unendlich schwer. Aber meine Gedanken sind wach und klar: Nicht, als würde ich aktiv über etwas nachdenken. Aber genau dieses Nicht-viel-Denken genieße ich in diesem Augenblick mehr als alles andere.

In diesem Zustand völliger Entspannung empfängt uns vor der Hütte ein leuchtender Sonnenuntergang über Chiemgau und Inntal. Wir sehen bis zur Zugspitze und zum Münchener Stadtrand weit ins Flachland hinein. Die Sonnenuntergänge sind ein großer Grund, weshalb ich die Berge liebe. Die Aussicht, ergänzt um das rot-orange Farbenspiel, überwältigt mich immer neu. Ich mag es, hier oben keine Ablenkung von dieser Aussicht zu haben.

Der Mond haucht
uns Schläfrigkeit ein

Schnell geht der Sonnenuntergang in tiefes Schwarz, ergänzt um ein paar hell leuchtende Sterne, über. Der Mond leuchtet und haucht uns die Schläfrigkeit ein. Die Nacht vergeht wie im Flug, auch wenn sie in den Bergen, mit dem Rhythmus der Natur, nie kurz ist: Mit der Dunkelheit verziehen wir uns um 22 Uhr alle ins Bett und wachen auf, um die Sonne genau so rot-orange leuchtend aufgehen zu sehen, wie sie uns verlassen hat.

Der Tag beginnt mit einer Yogaeinheit mit Blick auf Kampenwand und Geigelstein. Sie holt mich langsam wieder zurück aus der Parallelwelt, in der ich mich bewege und bereitet mich auf den Alltag vor, der unten auf mich wartet. Aber anders als am Vortag, fühle ich mich nun viel eher bereit, ihn anzupacken.

Warum ich mich so fühle, kann ich nicht benennen. Vielleicht, weil noch Sonntag ist, mit schönem Wetter und herrlicher Aussicht. Vielleicht aber auch, weil der spontane Mini-Kurzurlaub meinem Körper und meinen Gedanken sehr gutgetan hat. Bei meiner nächsten Wandertour habe ich jedenfalls meine Yogamatte wieder eingepackt – und ich könnte nicht behaupten, die Yogaeinheit am Gipfel hätte mir nicht gutgetan.

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