Aschau – Das Chiemgaukreuz auf der Kampenwand besteht aus Stahl, den man nach dem Zweiten Weltkrieg aus Sauerstoffflaschen und Panzern herausgeschweißt hat. Das Friedens-Mahnmal auf dem 1.664 Meter hohen Ostgipfel der Kampenwand ist das höchste Bergkreuz in den bayerischen Alpen. Über zwölf Meter hoch und 60 Zentimeter breit ist das schwerste Einzelstück, der Pfahl des Kreuzes. Die Querbalken sind jeweils dreieinhalb Meter lang. Das Mahnmal hat ein Gewicht von etwa 54 Zentnern und wurde nur mit Muskelkraft auf den Berg gebracht und dort verankert.
Am 26. August 1951, also vor 75 Jahren, hat es der Hohenaschauer Schlosskaplan Monsignore Dr. Alois Röck geweiht. Mit dem Kreuz wollten die Erbauer das Gedenken an die in den beiden Weltkriegen Gefallenen aus dem Chiemgau wachhalten. Zum 75-jährigen Bestehen wird Erzbischof Reinhard Kardinal Marx am Sonntag (30. August) den Gedenkgottesdienst zelebrieren.
Die Geburtsstunde des
Chiemgaukreuzes
Im Jahr 1923 wurde erstmals ein hölzernes Gedenkkreuz auf dem Ostgipfel des markanten Berges errichtet. Ein Blitzschlag hat es in den letzten Jahren des Zweiten Weltkrieges zerstört. Als der Höslwanger Schreinermeister Franz Schaffner das kaputte Kreuz nach seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft vorfand, beschloss er, ein neues zu bauen. Seinen Nachbarn, den Schmiedemeister Josef Hell, brauchte er nicht lange zu überzeugen: Der war von der Idee begeistert und machte sich mit Schaffner ans Werk. Zunächst fertigten die beiden ein Modell an, dann sammelten sie Baumaterial. Das war kurz nach Ende des Krieges noch knapp, aber altes Kriegsgerät lag und stand überall herum. Schnell kamen die beiden überein, dass das neue Kreuz nicht aus Holzbalken gezimmert, sondern aus Eisen zusammengeschweißt werden sollte.
Im Sommer 1949 waren die beiden Männer mit den vorbereitenden Arbeiten fertig. Die Idee vom Kreuzbau hatte sich schnell in Höslwang und in den umliegenden Orten herumgesprochen. Dutzende Menschen boten ihre Hilfe an, sodass man mit dem Werk zügig vorankam. Vor dem beschwerlichen Transport der Einzelteile per Pferdefuhrwerk von Höslwang nach Aschau an den Fuß der Kampenwand mussten jedoch am künftigen Standort in mehr als 1.600 Metern Höhe die nötigen Vorbereitungen getroffen werden. Und auch das ging nur dank der Hilfe vieler Freiwilliger.
Vor der Aktion hatte man mit dem Grundbesitzer, Baron Ludwig Benedikt von Cramer-Klett, klären müssen, ob er mit dem Kreuzbau einverstanden sei. Der Baron willigte ein, und auch Rosenheims Landrat Georg Knott stand dem Vorhaben positiv gegenüber. Dank seiner Hilfe überwand man bürokratische Hürden und räumte Bedenken des Denkmalschutzes aus dem Weg.
Erinnerungen
eines Zeitzeugen
Es gibt nur noch wenige Menschen, die sich an die Zeit erinnern können, als das monumentale Kreuz errichtet wurde. Und es gibt noch weniger, die sich daran aktiv beteiligt haben. Einer davon ist Wolfgang Bichler (Jahrgang 1936) aus Altenmarkt, der als Kind und Heranwachsender mit seinem Vater sommers wie winters auf den Berg stieg. Vater Georg war Fotografenmeister und fand unter anderem in Aschau und auf der Kampenwand attraktive Motive für seinen Postkartenverlag. Die Kampenwand war Bichlers „Hausberg“. Das ging so weit, dass Freunde einmal einen Wegweiser aufstellten mit dem Hinweis „zum Bichlerberg“.
Mit seinem Vater ist Wolfgang Bichler auch mehrfach beim Schmied Josef Hell in Höslwang gewesen, der das Kreuz schließlich auf dem Berg zusammengeschweißt hat. „Wer 1949 und 1950 in der Zeit der Bauarbeiten auf die Kampenwand ging, der musste Baumaterial mitnehmen“, erinnert sich Bichler. Mitglieder der Bergwacht baten die Wanderer am Fuß der Kampenwand, etliche Kilogramm Kies, Zement oder einen Kanister Wasser auf den Berg zu tragen. Ohne diese Hilfe wäre das Projekt nicht so rasch zu verwirklichen gewesen. Auch wenn manchmal sicher ein wenig Überredungskunst nötig war.
Die letzten Meter hinauf zum Standort des Kreuzes am Ostgipfel wurde das Material mit einem primitiven Aufzug gehievt, der mit einem 98-Kubikzentimeter-Sachs-Motor angetrieben wurde, erinnert sich Bichler. Vor allem in den Ferien seien er und Vater Georg öfter dabei gewesen.
Schon bevor das neue Kreuz errichtet wurde, war die Kampenwand nicht nur bei den Altenmarktern ein beliebtes Ausflugsziel. Davon zeugt ein Bild, das in einem Fotoalbum von Bichler eingeklebt ist. Es zeigt den etwa 14-jährigen Wolfgang mit seinen Schulkameraden und Rektor Josef Oberndorfer auf dem Gipfel. Im Vordergrund liegt das alte Kreuz, das durch einen Blitzschlag zerstört worden war. Der Aufstieg auf die heimischen Berge war nur wenige Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs für die meisten Menschen schon deshalb sehr beschwerlich, weil kaum jemand gescheite Schuhe hatte. Bichler erinnert sich, dass er erst Mitte der 1950er-Jahre richtige Bergschuhe bekam, die ihm der Schuster Schadhauser in Weiglpoint gemacht hatte.
Heute ist der Enkel des „geistigen Vaters“ des neuen Chiemgaukreuzes treibende Kraft bei allem, rund um das Kreuz. Nach seinem Opa kümmerte sich dessen Sohn Franz, der Vater des heutigen Franz Schaffner, ums Kreuz. Als sein Vater im Jahr 2014 starb, machte es sich der wiederum gleichnamige Enkel zur Herzensaufgabe, das Werk seiner Vorfahren fortzusetzen. Der jetzige Franz Schaffner (67) lebt schon lange in Grassau, hat aber nach wie vor engen Kontakt zu seinen Kameraden in Höslwang.
Er scharte eine Gruppe Gleichgesinnter um sich, die alle das gleiche Ziel haben: den Erhalt des Denkmals. Mehrere Dutzend Male besteigen sie jedes Jahr den Berg und sehen nach dem Rechten. Zu tun gibt es nach dem knapp dreistündigen Aufstieg von der Talstation immer etwas: Abfall einsammeln, hier ein loses Teil festmachen, dort etwas ausbessern, Aufkleber und Schmierereien entfernen. Vandalismus kommt nämlich traurigerweise auch hoch droben am Berg immer öfter vor.
Bei allem Traditionsbewusstsein: Die neue Technik macht auch vor Gipfelkreuzen nicht halt. So erleichtert auf der Kampenwand eine Photovoltaikanlage mit Batteriespeichern seit 23 Jahren das Beleuchten des Kreuzes. Als man die Lampen, welche das Chiemgaukreuz zu besonderen Anlässen erleuchten, 1950 in Betrieb genommen hat, wurde der Strom für die Glühbirnen noch mit einem Generator erzeugt. Im Jahr 2003 installierten die Helfer Solarzellen in der Nähe des Kreuzes und schleppten Batteriespeicher den Berg hinauf. Die Anlage funktionierte fast 20 Jahre klaglos. 2022 mussten die Speicher allerdings ersetzt werden. Und nun wurden die Scheinwerfer restauriert.
Zum Geburtstag noch
einmal verschönert
Im Mai montierten Mitglieder des Helferkreises sie ab und brachten sie ins Tal. Die Metallhülsen waren 75 Jahre Wind und Wetter ausgesetzt. Die Farbe was großteils abgeblättert und Rost hat sich ins Metall gefressen. Franz Schaffner hat die Hülsen entrostet und mit einer Spezialfarbe behandelt. So werden sie vermutlich wieder ein paar Jahrzehnte auf dem Berg überstehen.
Stürme haben im Lauf der letzten 75 Jahre einige Fassungsringe abgerissen und verweht, andere sind durchgerostet. An Stellen, an denen der Lack abgeblättert ist, kam blitzender Chrom zum Vorschein. Das liegt daran, dass die Scheinwerferhülsen und die Fassungsringe ursprünglich eine ganz andere Funktion hatten: Es waren die Scheinwerferhülsen der ersten VW Käfer. Auch das zeigt den Einfalls- und Ideenreichtum der Männer, die kurz nach dem Zweiten Weltkrieg das Kreuz geplant und gebaut haben.