„Es reicht!“: Mutter aus Feldkirchen-Westerham spricht auf Mega-Demo in Berlin

von Redaktion

Interview Viktoria Zettel, Mama des schwerbehinderten Finn, über ihren Auftritt bei einer Kundgebung vor dem Reichstag und ihre Forderungen

Feldkirchen-Westerham/ Berlin – Mit ihren emotionalen Plädoyers hat Viktoria Zettel (37), Mama des schwerbehinderten Finn Zettel (9) aus Feldkirchen-Westerham, bereits die bayerische Gesundheitsministerin Judith Gerlach berührt. Jetzt will sich die 37-Jährige auch in Berlin Gehör verschaffen. Viktoria Zettel wird eine von 28 Rednern sein, die am Samstag, 5. September, auf der Kundgebung „Es reicht! Gesundheit statt Sparwahn.“ vor dem Berliner Reichstag sprechen.

Organisiert wird die Kundgebung unter anderem von der Hamburger Kinderärztin Dr. Bea Merscher, die auf ihrem Instagram-Account „Dr. Bea Kinderärztin“ Entwicklungen im Gesundheitswesen anprangert und sich jüngst im TV einen heftigen Schlagabtausch mit Bundeskanzler Friedrich Merz geliefert hatte. Für die Kundgebung hat das Organisationsteam 28 Redner aus den verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen gewonnen. Eine davon ist Viktoria Zettel, die die Sicht pflegender Eltern schildern wird.

Warum sie sich in Hinblick auf Finnis Pflege immer wieder vom Staat im Stich gelassen fühlt, was sie von der Politik fordert und wie es ihrem Sohn, der nach einem Herz- und Atemstillstand eine schwere Hirnschädigung erlitten hatte, geht, hat Viktoria Zettel im OVB-Interview verraten.

Am Samstag werden Sie auf der Kundgebung „Es reicht! Gesundheit statt Sparwahn.“ in Berlin sprechen. Mit wie vielen Teilnehmern rechnen Sie?

Ich hoffe, dass es richtig viele werden. Denn ich glaube, wir sind an einem Punkt angekommen, an dem wir nicht mehr still zuschauen dürfen. Gesundheit und Pflege betreffen irgendwann jeden von uns, und trotzdem wird genau dort immer wieder gespart. Ich wünsche mir deshalb, dass am 5. September ganz viele Menschen gemeinsam sagen: So kann und darf es nicht weitergehen. Und viele dieser anstehenden Reformen dürfen so niemals umgesetzt werden! Denn es ist nicht kurz vor 12, sondern Punkt 12!

Wurden Sie seitens der Organisatoren gebeten, dort als Rednerin aufzutreten?

Ja, die Organisatoren sind auf mich zugekommen. Die Initiative für die Demo ging von Kinderärztin und Zweifach-Mama Dr. Bea Merscher aus. Ich finde es unglaublich wichtig, dass dort so viele unterschiedliche Stimmen zusammenkommen – aus der Medizin, der Pflege, dem Alltag und eben auch von pflegenden Angehörigen und Betroffenen. Meine Geschichte mit Finn und das, was wir seit seiner Hirnschädigung im Gesundheitssystem erleben, ist inzwischen auch öffentlich bekannt. Ich glaube, deshalb ist es wichtig, auch eine Mutter auf der Bühne zu haben, die nicht aus der Politik oder aus einem Verband kommt, sondern aus ihrem ganz persönlichen Alltag erzählt. Für mich war eigentlich sofort klar: Wenn ich die Möglichkeit bekomme, unsere Erfahrungen sichtbar zu machen, dann möchte ich diese Stimme auch nutzen. Mein Mann ist in der Zeit bei Finn, da wir aktuell mal wieder in der Klinik sind.

Sind Sie aufgeregt, vor einer so großen Menschenmenge zu sprechen?

Natürlich bin ich aufgeregt. Ich habe noch nie vor so vielen Menschen gesprochen und das ist schon etwas anderes, als sich vor eine kleine Gruppe zu stellen. Aber sobald ich über Finn und unseren neuen Alltag spreche, bin ich nicht mehr nervös. Dann geht es nicht mehr darum, ob ich etwas perfekt sage, sondern darum, dass die Menschen verstehen, was hinter diesen ganzen Zahlen und politischen Entscheidungen tatsächlich steckt. Und das versuche ich, für Finn und die vielen anderen Betroffenen bestmöglich zu transportieren.

Können Sie schon Details zu Ihrer Rede verraten?

Ich möchte vor allem über das sprechen, was ich jeden Tag erlebe. Pflege bedeutet bei uns nicht ein paar Stunden Hilfe in der Woche, sondern sie bestimmt unseren gesamten Alltag – und trotzdem müssen wir für vieles immer wieder kämpfen. Ich möchte deutlich machen, dass hinter jedem Pflegegrad, jeder Verordnung und jeder Zahl ein Mensch und eine Familie stehen. Und ich möchte daran erinnern, dass man bei aller Diskussion über Kosten niemals den Menschen aus den Augen verlieren darf.

Wo merken Sie bei Finnis Pflege den „Sparwahn“ am meisten?

Eigentlich überall dort, wo wir Unterstützung brauchen. Wir müssen immer wieder erklären, dass Finn „immer noch“ schwer mehrfach behindert ist, warum Finn etwas braucht, warum eine bestimmte Therapie oder ein Hilfsmittel notwendig ist und warum wir als Familie Entlastung brauchen. Dabei reden wir nicht über Luxus, sondern über Dinge, die seinen Alltag und seine Lebensqualität überhaupt erst möglich machen. Was mich dabei besonders ärgert: Es wird oft zuerst gefragt, was etwas kostet – und viel zu selten, was ein Mensch eigentlich braucht.

Welche Forderungen haben Sie an die Politik?

Ich wünsche mir ein Gesundheitssystem, in dem der Mensch wieder an erster Stelle steht. Pflegende Angehörige müssen viel stärker unterstützt und endlich als das gesehen werden, was sie sind: ein riesiger, unverzichtbarer Teil unseres Versorgungssystems. Wir brauchen weniger Bürokratie, einen besseren Zugang zu Hilfsmitteln und Therapien und vor allem mehr Patientensicherheit. Und ich finde, dass niemand darum kämpfen müssen sollte, die Unterstützung zu bekommen, die er zum Leben braucht.

Die Geschichte Ihres Sohnes bewegt die OVB-Leser seit Jahren. Wie geht es Finn?

Finn ist inzwischen neun Jahre alt und sein Leben ist leider noch immer stark von den Folgen seiner Hirnschädigung geprägt und wird es ehrlicherweise auch für den Rest seines hoffentlich noch langen Lebens bleiben. Er kann nicht sprechen, nicht laufen und braucht rund um die Uhr Unterstützung und Pflege. Wir haben weiterhin sehr schwierige Phasen, aber gleichzeitig ist Finn einfach Finn – mit seiner eigenen Persönlichkeit, seinem betörenden Lachen und seinen kleinen Momenten, die für uns unglaublich viel bedeuten. Wir versuchen jeden Tag, nicht nur dafür zu sorgen, dass er versorgt ist, sondern dass er trotz allem ein möglichst gutes und würdevolles Leben führen kann – gemeinsam mit uns, seiner Familie, die ihn genau so über alles liebt. Mathias Weinzierl

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