Rosenheim – Dieses Gespräch will niemand führen. „Man muss bedenken: Jeder Wortfetzen kann den Menschen den Boden unter den Füßen wegreißen“, sagt Michael Spessa, Pressesprecher beim Polizeipräsidium Oberbayern Süd. Er selbst musste schon Hunderte solcher Gespräche führen – und Angehörigen mitteilen, dass gerade einer ihrer geliebten Menschen gestorben ist. „Diese Worte, die man da wählt, werden die Menschen nie mehr vergessen“, sagt der Polizist. Er und seine Kollegen müssten mit großer Sorgfalt vorgehen.
31-Jährige wollte in
Rosenheim nur umsteigen
Genau dieses Einfühlungsvermögen brauchten die Beamten in diesen Tagen wieder – nach der schrecklichen Tat am Rosenheimer Bahnhof in der Nacht auf Sonntag (30. August). Nach derzeitigem Ermittlungsstand griff ein 27-jähriger Wohnsitzloser mit deutscher Staatsangehörigkeit aus dem Landkreis Fürstenfeldbruck gegen 0.50 Uhr eine junge Frau (31) aus Großbritannien mit einem Messer in der Unterführung des Rosenheimer Bahnhofes an. Die 31-Jährige, die vom Flughafen München kam und in Rosenheim wohl nur umsteigen wollte, verstarb wenig später aufgrund der schweren Verletzungen im Krankenhaus.
Noch am Sonntag musste die Polizei den Angehörigen der Touristin die schlimme Nachricht überbringen. „Bei uns läuft das über das Landeskriminalamt, die nehmen Kontakt mit den ausländischen Behörden auf und ermitteln die Angehörigen“, sagt Michael Spessa. Das Gespräch selbst führen die Kollegen aus Großbritannien, die „vollumfänglich über die Vorkommnisse informiert“ wurden. „Wenn man die nötige Sprechfähigkeit hat und weiß, was die genauen Gesamtumstände waren, die man den Angehörigen auch geben kann, dann macht es das für die Angehörigen meist leichter“, sagt Spessa.
Wie die Gespräche ablaufen, sei immer anders, fügt er hinzu. „Man muss die Nachricht so überbringen, dass es für die Betroffenen tragbar ist.“ Ein Muster dafür gebe es nicht. Auch der Einsatz von einem Seelsorger oder einem Kriseninterventionsteam ist denkbar. Einige Angehörige wollen alles wissen, andere hingegen im ersten Moment gar nichts. In Fällen, in denen die Angehörigen von weiter weg oder sogar aus dem Ausland stammen, komme es auch vor, dass sie an den Tatort reisen. „Und dort das Gespräch mit den Ermittlungsbeamten vor Ort suchen“, sagt Spessa. Das könne er sich auch in dem Fall in Rosenheim vorstellen.
Videoaufnahmen
werden ausgewertet
Wieso die 31-Jährige überhaupt sterben musste, sei nach wie vor Gegenstand der Ermittlungen. Derzeit werden Videoaufnahmen ausgewertet. Was darauf zu sehen ist, könne derzeit aber noch nicht bekannt gegeben werden. Ein Zusammenhang mit dem Rosenheimer Herbstfest gab es wohl nicht, Hintergründe und das Motiv der Tat sind aber immer noch unklar. Gekannt haben sich der mutmaßliche Täter und das Opfer scheinbar nicht. „Stand jetzt ist die 31-Jährige ein Zufallsopfer geworden“, sagt Spessa.
Dafür spricht auch, dass der Ermittlungsrichter auf Antrag der Staatsanwaltschaft einen Unterbringungsbefehl wegen des Tatvorwurfs des Mordes erlassen hat. Die Begründung für Mord: Heimtücke, teilt Oberstaatsanwalt Gunther Scharbert auf OVB-Anfrage mit. Heißt: Der mutmaßliche Täter könnte die Arg- und Wehrlosigkeit des Opfers ausgenutzt haben. Zum Beispiel, wenn jemand unvermittelt zusticht. Die junge Frau musste wohl weder mit einem Angriff rechnen, noch konnte sie sich dagegen verteidigen. „Die weiteren Ermittlungen werden zeigen, ob sich diese rechtliche Einordnung noch ändert“, betont Scharbert.
Der 27-jährige Tatverdächtige wurde inzwischen in ein psychiatrisches Krankenhaus gebracht – weil sich konkrete Anhaltspunkte für psychische Auffälligkeiten zeigten, wie die Polizei mitteilt. Ob der mutmaßliche Täter in einer Klinik oder im Gefängnis in der Untersuchungshaft sitzt, mache für die Ermittlungen aber keinen Unterschied, betont Gunther Scharbert. Zumal die aktuelle Unterbringung vorläufig ist. „Eine umfassende Begutachtung zur Schuldfähigkeit des Beschuldigten wird noch durch einen Sachverständigen durchgeführt. Dessen Ergebnis ist abzuwarten“, betont der Oberstaatsanwalt.
Polizei sucht
weiterhin nach Zeugen
Ansonsten halten sich die Ermittler zu Hintergründen des 27-Jährigen bedeckt. Ob er womöglich den Behörden bekannt war oder polizeilich schon mal aufgefallen ist, konnten weder das Polizeipräsidium Oberbayern Nord noch das Landratsamt Fürstenfeldbruck auf OVB-Anfrage beantworten.
Für die Bundespolizisten, die den 27-Jährigen unmittelbar nach der Tat festgenommen haben, sei der Einsatz ebenfalls psychisch belastend gewesen, sagt Michael Spessa. „Dennoch haben sie vorbildlich reagiert, Hut ab.“ Dennoch sei die Polizei auch weiterhin auf der Suche nach Zeugen – um den Fall lückenlos aufklären zu können. Darauf hofft auch das Solidaritätsnetzwerk Rosenheim. Mit einem Demonstrationszug mit rund 40 Teilnehmern wollte das Netzwerk auf die Tötung der jungen Frau aufmerksam machen und „die Wut und Trauer vieler Menschen“ zum Ausdruck bringen. Am Tatort zwischen den Gleisen vier und fünf errichteten sie zudem eine Gedenkstelle für die 31-Jährige.