Rosenheim – Der Schock in Rosenheim sitzt nach wie vor tief. In der Nacht auf Sonntag (30. August) wurde eine 31-jährige Britin am Rosenheimer Bahnhof bei einem Messerangriff getötet. Der mutmaßliche Täter: ein 27-jähriger Mann ohne festen Wohnsitz aus dem Landkreis Fürstenfeldbruck. Details zum Tathergang sind bislang nicht bekannt.
Die Polizei vermutet, dass es sich bei der jungen Frau um ein „Zufallsopfer“ gehandelt hat. Der mutmaßliche Täter ist mittlerweile in einem psychiatrischen Krankenhaus untergebracht.
Wie schnell man plötzlich in gefährliche Situationen gelangen kann, weiß Susanne Adlmaier. Die Rosenheimerin ist Trainerin für Gewaltprävention und hat rund 40 Jahre Erfahrung in der Selbstverteidigung. „Der tödliche Messerangriff am Rosenheimer Bahnhof hat mich persönlich sehr betroffen gemacht“, sagt sie gegenüber dem OVB. Sie möchte vor allem eins betonen: „Auch wer Selbstverteidigung oder Kampfsport trainiert, ist vor einem Messerangriff nicht geschützt.“
Adlmaier musste selbst vor vielen Jahren Ähnliches erleben. In ihrer Nachbarschaft prügelte ein Mann im Sommer 2015 seine schwangere Frau und das gemeinsame ungeborene Kind zu Tode. Im Wahn ging er anschließend mit zwei Messern auf einen anderen Nachbarn los und verletzte ihn schwer.
Gemeinsam mit einem weiteren Mann griff Adlmaier ein. „Leg sofort das Messer weg“, brüllte sie ihn an. „Du wagst es nicht, ich bin Mutter!“, schrie sie. Schließlich wurde ihre Stimme wohl lauter als die im Kopf des Täters.
„Auch mein damaliger Angreifer war psychisch krank und befindet sich bis heute in psychiatrischer Behandlung“, sagt Adlmaier. Sie weiß: „Ich hatte unglaubliches Glück.“ Ein Messerangriff sei etwas ganz anderes als das, was man im Training übe. Für sie beginne Gewaltprävention daher viel früher als im Training. Nämlich bei Wahrnehmung, Achtsamkeit und Selbstbehauptung.
„Gerade an Bahnhöfen, auf Parkplätzen, in Unterführungen oder an anderen wenig übersichtlichen Orten sollte man seine Umgebung bewusst wahrnehmen und nicht völlig in Handy oder Kopfhörer versinken“, sagt Adlmaier. Und: Wenn eine Person einen merkwürdigen Eindruck macht, darf man Abstand schaffen oder auch andere Menschen ansprechen. „Ich muss nicht warten, bis tatsächlich ein Angriff stattfindet.“
Was im Notfall
helfen kann
Der entscheidende Schutz bei einem Messerangriff sei Abstand. „Dinge, die man ohnehin bei sich trägt – beispielsweise einen Rucksack, eine Tasche oder Einkaufstüten – können im Notfall helfen, eine Barriere zu schaffen oder dem Angreifer entgegengeworfen werden, um einen kurzen Moment und damit möglicherweise einen Vorsprung für die Flucht zu gewinnen“, macht die Gewaltpräventionstrainerin deutlich. Zudem gehe es niemals darum, einen Angreifer „besiegen“ zu wollen. Vielmehr ginge es darum, Zeit, Abstand und einen Fluchtweg zu gewinnen.
Frauen nach einem solchen Ereignis, wie dem Angriff am Bahnhof, zu vermitteln, sie müssten lediglich die richtige Selbstverteidigungstechnik beherrschen, hält Adlmaier für gefährlich. Daher lautet ihre wichtigste Botschaft: „Selbstverteidigung beginnt nicht erst mit dem ersten körperlichen Angriff. Sie beginnt im Kopf.“
Dennoch, das betont Adlmaier auch, möchte sie Frauen keine Angst machen. „Wir sollten uns unsere Freiheit nicht nehmen lassen und uns weiterhin bewegen, ausgehen und reisen können.“ Denn manchmal sei die beste Selbstverteidigung nicht der Kampf. „Manchmal ist es der Schritt zurück. Der laute Ruf. Die Flucht. Und manchmal schlicht das Glück, im entscheidenden Moment richtig reagiert zu haben.“
Sie möchte aber trotzdem ausdrücklich betonen, dass regelmäßiges Selbstverteidigungstraining sehr wertvoll sein kann. Aber auch dabei gilt: „Training kann Fähigkeiten verbessern – es kann keine Sicherheit garantieren.“ Messerangriffe blieben eine lebensgefährliche Ausnahmesituation, die niemand zuverlässig vorhersehen oder kontrollieren könne.