Vogtareuth – Zwei Schreibtische, zwei Betten und dazwischen ein Wäscheständer – wie zu Hause sollen sich die Jungs fühlen, die für die nächsten paar Wochen in diesem Zimmer der Schön-Klinik Vogtareuth wohnen. Sie gehören zu den ersten Patienten der im Juni eröffneten kinder- und jugendpsychiatrischen Abteilung.
Dabei handelt es sich um eine offene Station. „Die Patientinnen und Patienten melden sich unter Einbeziehung der Sorgeberechtigten für einen stationären Aufenthalt an“, sagt Chefärztin Dr. Silke Naab. Anders laufe es auf der geschützten Station, die aktuell noch im Umbau ist und im Herbst eröffnen soll. Hierher kommen Kinder und Jugendliche, die eine Gefahr für sich selbst oder für andere darstellen.
Junge Patienten profitieren
von der Tagesstruktur
Behandelt werden die Patienten auf der offenen Station unter anderem von den Therapeuten Pia Zimmermann und Daniel Ostertag. Die beiden kennen die Probleme der Patienten. „Häufig behandeln wir Menschen mit Angststörungen, ADHS oder posttraumatischen Belastungsstörungen“, sagt Zimmermann. „Affektive Störungen wie Depressionen kommen auch häufig vor“, fügt Ostertag hinzu.
In der Klinik verbringen die Kinder und Jugendlichen mehrere Wochen. „Sie verbringen die ganze Woche hier und profitieren von ihrer Tagesstruktur“, erklärt Ostertag. Zusätzlich zum Schulalltag gibt es verschiedene Freizeitaktivitäten und Therapien.
Die Räume sind überwiegend mit zwei Betten ausgestattet. „Das Doppelzimmer tut den meisten Patienten ganz gut“, sagt David Eisner, Teamleiter des Pflege- und Erziehungsdienstes. So würden die Kinder und Jugendlichen schnell miteinander in eine Beziehung treten. Viele von ihnen finden hier zum ersten Mal jemanden, der sie wirklich versteht. „Daraus entstehen oft lebenslange Freundschaften“, betont Eisner.
Neben den Patientenzimmern und dem Gestaltungsatelier gibt es auch Arztzimmer für Einzelgespräche, Familienräume und einen Gruppenraum. Essen und gemeinsam Zeit verbringen können die Patienten in einem Aufenthaltsraum. Da die Station offen ist, dürfen sie sich teils auf dem Gelände frei bewegen. Genauso können sie entscheiden, den Aufenthalt in Vogtareuth zu beenden.
Anders als in der offenen Abteilung, stehen in der geschlossenen Station derzeit noch alle Türen offen, die Gänge sind leer.
Schutzmaßnahmen auf
der geschlossenen Station
Das wird sich allerdings ändern, wenn die ersten Patienten hier einziehen. Die Station befindet sich noch im Umbau. Statt Doppelzimmern gibt es hier Einzelzimmer. Und bei der Einrichtung wurden besondere Schutzmaßnahmen getroffen.
„Es gibt keine echten, festen Spiegel, sondern Folien. Nur ein Fenster kann von den Patienten gekippt werden“, zählt David Eisner auf. Außerdem gibt es an jeder Tür ein Fenster. „So können die Mitarbeiter von außen hineinsehen und zum Beispiel prüfen, ob alles in Ordnung ist“, erklärt er. Auf der geschlossenen Station gibt es zwei Überwachungszimmer, die mit Kameras ausgestattet sind. Nach draußen können Patienten der geschlossenen Station in einem kleinen, hoch umzäunten Außenbereich.
Besonders wichtig für Patienten ist Eisner zufolge auch der Krisenraum. „Er kann genutzt werden, falls massive Eigengefährdung besteht oder sich jemand einfach mal von allem zurückziehen möchte“, betont er. Das Zimmer ist komplett mit Kunststoffmatten verkleidet. Wichtig ist der Raum vor allem aus einem Grund: „Unser therapeutischer Anspruch ist es, eine begleitende medikamentöse Behandlung oder eine Fixierung der Patientinnen und Patienten nur so weit notwendig und nach klaren fachlichen Richtlinien einzusetzen“, sagt Chefärztin Silke Naab.
Versorgung in der Region
nicht ausreichend
Gerade für Kinder und Jugendliche sind Naab zufolge Einrichtungen wie die in Vogtareuth besonders wichtig. „Wissenschaftliche Untersuchungen und unsere klinische Erfahrung zeigen, dass Kinder und Jugendliche mit psychischen Problemen schnelle professionelle Unterstützung benötigen, um auch eine langfristige Verbesserung der Symptomatik erreichen zu können“, betont die Chefärztin. Ansonsten könnten ihr zufolge Fehlentwicklungen entstehen.
„Psychische Probleme bei Kindern und Jugendlichen können dazu führen, dass ein regelhafter Schulbesuch deutlich beeinträchtigt bis unmöglich ist, sodass auch eine Versetzung oder eine Weiterführung des Schulbesuchs gefährdet sein können. Zudem können auch massive Probleme im familiären und im weiteren sozialen Umfeld bestehen oder die Folge sein“, so Naab. Doch die adäquate kinder- und jugendpsychiatrische Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit psychischen Störungen sei in der Region nicht ausreichend. De facto gebe es eine Behandlungslücke und sehr lange Wartezeiten.
Zahl der psychisch
kranken Kinder steigt
Uli Meyrl ist Sozialpädagoge und Fachdienstleiter der ambulanten Hilfen zur Erziehung und Jugendwohnen bei der Caritas in Rosenheim. Auch er sieht das Problem der schlechten Versorgung. „Die Zahlen der Kinder und Jugendlichen mit psychischen Erkrankungen sind nach unserer Beobachtung signifikant gestiegen“, betont er. Umso wichtiger sei die neue Station in Vogtareuth. Bisher mussten Kinder und Jugendliche öfter auf andere Einrichtungen außerhalb der Region ausweichen. „Eine wohnortnahe Versorgung ist aber gerade für die Kinder enorm wichtig, da der Einbezug der Eltern und des sozialen Umfeldes ein essenzieller Baustein eines nachhaltigen Therapieerfolgs ist“, so der Sozialpädagoge. Dazu kann nun die Schön-Klinik einen Teil beitragen.