„Gesundheit ist ein Grundrecht, kein Einsparpotenzial“

von Redaktion

„Es reicht!“ Tausende Menschen protestierten am vergangenen Samstag unter diesem Motto gegen die Sparpläne der Bundesregierung und für ein menschliches Gesundheitssystem. Auch Viktoria Zettel aus Feldkirchen-Westerham war dabei. Sie kämpft für ihren Sohn Finn, für Menschen mit Behinderung und pflegende Angehörige.

Berlin/Feldkirchen-Westerham – Etwa 15.000 Menschen demonstrierten am vergangenen Samstag vor dem Bundestag gegen das GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz und gegen Kürzungen bei Kindern, Familien, Kranken und Menschen mit Behinderung. „Wir demonstrieren, weil Gesundheit ein Grundrecht ist und kein Einsparpotenzial“, betonte Dr. Bea Merscher, Kinderärztin aus Hannover und Organisatorin der Kundgebung. „Wenn dieses Gesetz so umgesetzt wird, werden Menschen sterben. Das kann kein klar denkender Mensch wollen.“

Für ein solidarisches
Gesundheitssystem

Dr. Bea Merscher mobilisierte Menschen aus ganz Deutschland, die sich für ein solidarisches Gesundheitssystem einsetzen. Mehr als 13.000 hatten schon im Vorfeld online ihre Teilnahme verbindlich zugesagt. Nach Schätzungen der Veranstalter sollen es schließlich um die 15.000 gewesen sein. Der Platz der Republik war voller Menschen.

Zahlreiche Redner verdeutlichten, welche Folgen Krankenhausreform, GKV-Sparpaket und die geplante Pflegereform für die Menschen haben werden, und was es bedeutet, wenn dort gedeckelt, budgetiert und gekürzt wird, wo Menschen Hilfe brauchen. Mütter und Väter ergriffen das Wort – Menschen, die das Gesundheitssystem in diesem Land aufrechterhalten.

Unter ihnen auch Viktoria Zettel (37) aus Feldkirchen-Westerham. „Wir müssen laut werden und für unsere Rechte eintreten, denn es betrifft jeden von uns. Wer heute schweigt, riskiert, dass morgen noch mehr Unterstützung verloren geht“, hatte sie dem OVB vor ihrer Abreise nach Berlin gesagt. Deshalb erhob sie ihre Stimme – für ihren Sohn Finn (9). „Für unsere Kinder, für alle pflegebedürftigen Menschen und ihre Angehörigen.“ Viktoria Zettel war am frühen Morgen in Vogtareuth aufgebrochen, um an der Kundgebung vor dem Bundestag teilzunehmen. Ihr Sohn Finn (9) wird gerade wieder an der Schön Klinik in Vogtareuth behandelt. Nach einem Herzstillstand im Januar 2024 ist Finn schwerstmehrfach behindert. Seitdem dreht sich im Leben der Familie alles um seine Gesundheit und sein Wohlbefinden. Und seitdem kämpft Viktoria Zettel auch gegen Mängel und Ungerechtigkeiten im Gesundheitssystem – am Samstag nun erstmals vor dem Bundestag.

„Eine Alltagsheldin
in diesem Land“

Die Organisatorin der Kundgebung, Dr. Bea Merscher, kündigte sie mit bewegenden Worten an: „Das ist eine Alltagsheldin in diesem Land. Diese Frau kennt keinen Feierabend. Diese Frau kennt keinen Urlaub. Sie ist jeden Tag 24 Stunden für ihr Kind da. Emotional, physisch, finanziell. Und dann kommt eine Pflegereform und kürzt alles kaputt – anstatt als Gesellschaft diese Frau zu tragen und ihr Kind zu ehren.“

Ab dem 57. Tag in der Klinik werde Familien das Pflegegeld gestrichen, kritisierte Viktoria Zettel in ihrer Rede. Dabei dauern Klinikaufenthalte bei schwerstmehrfachbehinderten Kindern oft deutlich länger. Zudem mache sie im Krankenhaus nichts anderes als zu Hause. „Ich pflege. Ich bin 24 Stunden am Krankenbett meines Sohnes. Ich halte mit ihm aus. Ich leide mit ihm. Ich freue mich mit ihm.“

Zu Hause gehe der Kampf weiter – dann als „bürokratischer Mammutkampf“ um medizinische Hilfsmittel oder ums Pflegegeld. Mit Terminen vor dem Sozialgericht. Oder mit regelmäßiger Begutachtung durch den Medizinischen Dienst, ob die Behinderung ihres Sohnes nach Herzstillstand und Reanimation noch immer vorhanden sei.

„Leider geht ein Hirnschaden nach einer Reanimation nicht weg. Ich wäre die Erste, die sich darüber freut“, untermauerte sie ihre Meinung, „dass die Leute, die diese Entscheidungen treffen, einfach keine Ahnung haben“. „Wenn wir so weitermachen, fahren wir das Gesundheitswesen an die Wand“, sagte Intensivpfleger Ricardo Lange auf der Kundgebung in Berlin. Doch die Menschen würden leider erst dann wach, wenn sie selbst betroffen seien, bedauerte er. „Die Regierung will bei schwer kranken Menschen sparen. Sie können sich nicht wehren. Sie brauchen Menschen, die sich für sie einsetzen“, machte Viktoria Zettel klar. Sie kämpft für Finni, für Menschen mit Behinderung und deren Familien. Sie engagierte sich auch für den Erhalt der Jerwa-Station in Vogtareuth. Sie ringt um ein Care-Gehalt für pflegende Angehörige und hat sich Gehör verschafft: im bayerischen Landtag und bei Gesundheitsministerin Judith Gerlach.

Zettel will Protestwelle nach Oberbayern holen

Jetzt gehört Viktoria Zettel auch zum Organisationsteam von „Mutärztin“ Bea Merscher, das Menschen Mut macht, für ihre Rechte einzutreten: „Für ein Land, das seine Schwächsten schützt, seine Versorgenden stärkt und seine Zukunft nicht dem Rotstift opfert“, so Merscher. Sie forderte von Bundeskanzler Friedrich Merz „Respekt vor den Menschen in diesem Land“ und eine Stellungnahme zum Sparpaket der Bundesregierung in Gesundheit und Pflege.

Die Demonstration vor dem Bundestag in Berlin war nur der Anfang. „Ein erster Schritt“, sagt Viktoria Zettel. Sie will die Protestwelle auch nach Oberbayern holen. „Ich hoffe, dass viele Menschen gemeinsam etwas bewegen, denn so kann es einfach nicht weitergehen. Wir werden nicht aufhören, laut zu sein.“

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