Rosenheim – Es ist circa 21.45 Uhr. In der Prinzregentenstraße hat es sich ein junger Mann auf dem Gehweg bequem gemacht. Sein Freund versucht, ihn zum Aufstehen zu bewegen. Überall sind Menschen in Tracht zu entdecken. Es ist der ganz normale Wahnsinn am zweiten Herbstfestsamstag in Rosenheim. Während für einige der Abend schon wieder endet, geht für Erich Weinberger die Arbeit erst so richtig los. Er betreibt seit 23 Jahren das Unternehmen „Taxi Wasserburg“.
Fahrgäste
warten schon
An diesem Abend ist er persönlich unterwegs. „Man erlebt immer wieder interessante Geschichten“, sagt er, während er die Kaiserstraße entlangfährt. Durch die geöffneten Fenster dringt der Geruch von gebrannten Mandeln. Direkt am Gelände muss Weinberger nicht lange auf den ersten Fahrgast warten. Am Taxistand stehen schon etliche Herbstfest-Besucher, die nach einem anstrengenden Wiesn-Tag die Heimreise antreten wollen. In der extra abgesperrten Taxispur darf Weinberger allerdings nicht halten – diese ist den Stadt-Taxis vorbehalten.
Doch auch neben der Spur hat er kein Problem, Fahrgäste zu finden. Der Erste an diesem Abend ist Dominik. Er muss in die Kastenau, nach Hause, zu seinem 14 Tage alten Baby und seiner Frau. „Ich habe jetzt frühzeitig den Absprung geschafft“, sagt er und lacht. Für ihn sei von Anfang an klar gewesen, dass er mit dem Taxi nach Hause fährt, statt etwa mit dem Bus. „Da zahl ich lieber ein paar Euro mehr.“ Dass es den Promille-Express gibt, spüre man an den Fahrgastzahlen nicht, sagt Weinberger. „Es ist unglaublich viel Bedarf da.“ Nachdem Dominik bezahlt hat und ausgestiegen ist, notiert sich Weinberger den Preis und den Zielort. „Ich muss alles dokumentieren für das Landratsamt.“
Zurück am Herbstfest muss der Taxifahrer keine Sekunde warten, ehe er schon von den nächsten Gästen am hinteren Ende der Taxispur herangewunken wird. Die Erleichterung, endlich ein Taxi ergattert zu haben, ist der jungen Frau, die Nina heißt, anzumerken. „Wir standen am Taxistand und haben uns ganz brav angestellt“, berichtet sie. „Aber die Männer dort haben sich immer vorgedrängelt und uns die Autos dann vor der Nase weggeschnappt.“ Sie und ihr Begleiter müssen nach Rott. Eigentlich wollten sie mit dem Zug fahren, aber „Zeit ist Schlaf“.
Aber auch Sicherheit spielt eine Rolle. Schon im Laufe der vergangenen Woche, als sie alleine unterwegs war, ist Nina mit dem Taxi anstatt mit dem Zug gefahren. „Wegen des Vorfalls am Bahnhof“, sagt sie. In der Nacht auf den 30. August wurde am Rosenheimer Bahnhof eine 31-jährige Britin getötet. Zwar war weder die junge Frau noch der mutmaßliche Täter auf dem Herbstfest, dennoch bleibt auch bei den Wiesn-Besuchern eine Verunsicherung.
Deutlich unbekümmerter zeigten sich Patrick und Marco. Die beiden Männer bringen nicht nur einen „Bier-Duft“ mit ins Auto, sondern auch Schluckauf und einen ordentlichen Tiroler Dialekt. „Nach Kitzbühel müss‘ ma“, sagt Patrick. Seit 13 Jahren kommen die beiden mit ihrem Verein auf das Herbstfest. Und nicht nur das Bier schmeckt ihnen: „Euer Festl ist so sympathisch“, sagt Patrick. „Ned zu groß und ned z‘gloa.“ Für Weinberger ist die Fahrt nach Österreich kein Problem. Abgerechnet wird nach Taxitarif. Der Kilometerpreis liegt bei 2,50 Euro. Hinzu kommt der Grundpreis von 6,30 Euro. Und Patrick und Marco macht es offenbar nichts aus, einiges für die Fahrt zu bezahlen. Bequemer als mit dem Zug ist es allemal. Das fällt spätestens beim Erreichen der Autobahn auf, als sich nicht nur Marcos Schluckauf verabschiedet hat, sondern auch sein Bewusstsein – er ist eingeschlafen.
Eine Sorge, die bei sichtlich alkoholisierten Fahrgästen mitfährt, ist, dass sie sich im Auto übergeben. „Das ist für uns natürlich eine Vollkatastrophe“, sagt Weinberger. Die Schicht ist damit vorbei und der Wagen muss gereinigt werden. „Das kostet den Fahrgast dann um die 1200 Euro“, sagt der Taxifahrer. Oftmals übernehme dies aber die Haftpflichtversicherung. Letztlich ging die Fahrt der beiden Österreicher – trotz sichtlicher Alkoholisierung – problemlos über die Bühne. Die knapp 200 Euro für die Reise wurden auch ohne Murren bezahlt.
„Traubling“
und „Raubling“
Gegen 1 Uhr hat sich dann das Geschehen mehr in die Stadtmitte verlagert. Am Ludwigsplatz warten etliche After-Wiesn-Gänger, die endlich nach Hause wollen. Ja, sogar in der Mitte des Kreisels versuchen ein paar Damen ihr Glück. Weinberger lässt Andi und Stefan einsteigen. Sie müssen nach „Traubling“, sagen sie. Dort sei ihr Hotel. Schnell stellt sich raus, dass sie eigentlich nach „Raubling“ müssen. Der Namens-Fauxpas sei ihnen aber verziehen. Sie sind eigentlich aus Regensburg. Auch sie fahren mit Freunden schon seit 15 Jahren auf das Herbstfest. Mit dem Taxi hatten sie Glück, sagen sie. „Wir sind grad eben aus der Bar gekommen.“ Während für Fahrgäste wie Andi und Stefan die Nacht damit vorbei ist, steht Weinberger noch eine lange Schicht bevor. „Ich fahr so lang, bis der Letzte daheim ist“, sagt er und lacht.