Rosenheim – Geht es nach der Einschätzung von parteipolitischen Weggefährten von Kerstin Schreyer aus Unterhaching, könnte der 46-jährigen CSU-Politikerin eine große Politkarriere bevorstehen. Im März hatte sie das Amt der Integrationsbeauftragten der Bayerischen Staatsregierung übernommen. Doch Parteikollegen spekulieren bereits darüber, welches bayerische Ministeramt Schreyer nach einem Wahlerfolg 2018 bekleiden könnte. Welche Ziele sie als Integrationsbeauftragte verfolgt, weshalb mehrmals ein dickes „C“ in ihrem Kalender steht und was sie mit Bernau verbindet, hat Schreyer im Gespräch mit den OVB-Heimatzeitungen verraten.
Sie haben im März das Amt der Integrationsbeauftragten übernommen. Eine leichte Entscheidung?
Nein, auf keinen Fall. Als mich Horst Seehofer damals gefragt hat, ob ich dafür bereit bin, habe ich erst einmal etwas Zeit zum Überlegen gebraucht, da ich einen Heidenrespekt vor dieser Aufgabe hatte. Denn meiner Meinung nach ist die Integration das alles entscheidende Thema für die Zukunft. Wenn die Integration nicht gelingt, kommen ganz andere Fragen für das gesellschaftliche Zusammenleben und die innere Sicherheit auf uns zu.
Sind Sie in dem Amt mittlerweile angekommen?
Ich habe 15 Jahre lang als Sozialpädagogin und Familientherapeutin gearbeitet und dort mit Menschen aus den verschiedensten Kulturkreisen zu tun gehabt. Daher konnte ich bei vielen Themen gleich starten. Außerdem bin ich im Landtag schon lange im Sozialausschuss, der ja auch für Integration zuständig ist.
Welche Schwerpunkte setzen Sie?
Wenn Männer zu uns kommen, dann klappt die Inte-gration eigentlich sehr gut. Sie bekommen Deutschkurse, werden einen Beruf ausüben und integrieren sich. Es kann zwar noch besser laufen, aber die gehen ihren Weg. Schwieriger wird‘s, wenn Frauen aus anderen Kulturkreisen, in denen die Geschlechteraufteilung noch klar geregelt ist, zu uns kommen. Wenn sie Mitte 40 und die Kinder aus dem Gröbsten raus sind, können diese Frauen oftmals kaum Deutsch und haben meistens einen geringen Bildungsgrad. Hier müssen wir ansetzen und den Frauen zeigen, dass sie nochmals neu durchstarten und sich entwickeln können, gerade auch, um sie vor Altersarmut zu bewahren.
„Keine Abstriche
bei der Qualität
der Pflege.“
Wie wollen Sie das erreichen?
Bei Gesprächen mit den türkischen Communities hat sich herauskristallisiert, dass für die Frauen aus diesem Kulturkreis, die einen erheblichen Teil der Menschen mit Migrationshintergrund stellen, Kinder und alte Menschen einen besonders hohen Stellenwert einnehmen. Daher stricke ich derzeit an einem Konzept, bei dem die Frauen, auch ohne große Deutschkenntnisse, Bausteine buchen können, um Etappen auf dem Weg zu einer vollwertigen Ausbildung im Pflegebereich gehen zu können. Ziel ist es, dass die türkische Frau am Ende des Weges eine vollwertige Ausbildung hat, die gleichwertig mit der Ausbildung einer Deutschen in diesem Bereich ist. Bei der Qualität der Pflege werden wir keine Abstriche machen. Die müssen mich als Patientin nach ihrem Abschluss auch verstehen können, wenn ich nach einem Schlaganfall Schwierigkeiten mit der Artikulation habe.
Sie sprachen jetzt vor allem über die Integration von Menschen, die schon lange hier sind. Viele Fragen sich derzeit aber, wie die Integration der Flüchtlinge gelingen kann.
Die Medien berichten fast nur noch über das Thema Flüchtlinge. Da möchte ich einen Kontrapunkt setzen, und zeigen, dass es auch um die Integration der 85 Prozent der Menschen mit Migrationshintergrund geht, die eben nicht als Flüchtlinge und Asylbewerber zu uns gekommen sind. Und auch unter diesen Menschen gibt es so einige, die nicht bei uns „angekommen“ sind. Um die müssen wir uns mindestens genauso kümmern, sehen, wo es bei der Integration hakt, denn was die Bevölkerung nicht möchte, sind Parallelgesellschaften.
Wenn die Integration der Flüchtlinge kein so großes Thema ist, weshalb pocht Horst Seehofer dann auf eine Obergrenze?
Ich bin tiefer Überzeugung, dass es die Obergrenze braucht. Wir müssen helfen, weil es unsere humanitäre Pflicht ist. Aber wir müssen auch klar sagen: Liebe Leute aus Afrika, wenn ihr nicht persönlich verfolgt werdet, dann kratzt nicht das ganze Geld in eurem Dorf zusammen, um mit dem Schleuser über das Mittelmeer zu gelangen, wenn ihr keine Bleibeperspektive habt. Alleine um diese Botschaft per Facebook und Co. in die Welt zu senden, war das Wort Obergrenze schon wichtig.
Angela Merkel hat die CSU mit dieser Argumentation aber nicht überzeugt.
Ja und?
Horst Seehofer hat die Obergrenze ja immer wieder als Voraussetzung für eine Beteiligung an der nächsten Bundesregierung vorgegeben.
Zunächst einmal ist Angela Merkel eine tolle Bundeskanzlerin – und trotzdem muss ich nicht zu 100 Prozent ihrer Meinung sein. Mir geht es auch nicht um das Wort Obergrenze. Ob es am Ende Obergrenze oder Begrenzung heißt, ist nicht relevant. Wichtig ist, was rauskommt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die CSU einen Koalitionsvertrag unterschreibt, wenn es keinen Hinweis auf eine Begrenzung geben würde.
Sie haben Teile des letzten Koalitionsvertrags auf Bundesebene mitverhandelt und jetzt als Integrationsbeauftragte ein wichtiges Amt übernommen. Wie sieht es 2018 mit einem Ministerposten in Bayern aus?
Die Frage stellt sich für mich nicht. Zunächst steht die Bundestagswahl an und 2018 dann die Landtagswahl, zu der ich alles, was ich kann, beitragen will, damit wir diese Wahl gewinnen. Ich finde es auch nicht wichtig, welche Funktion man hat, sondern dass etwas funktioniert. Da, wo ich hingestellt werde, werde ich meine Rolle erfüllen.
„Habe noch keine Aufführung meiner Tochter verpasst.“
Das klingt schon sehr nach Parteisoldat.
Nein, das finde ich nicht. Ich habe ja auch den Luxus, einen guten Beruf ausgeübt zu haben. Das gibt mir die Freiheit, relativ entspannt zu sein, wo mein Weg hingeht. Weil ich auch nicht zwingend in der Politik was machen muss.
Durch seine erneute Kandidatur hat Seehofer Markus Söder als Kandidaten verhindert. Wieso ist ihm das so wichtig?
Dass es ihm wichtig sei, Markus Söder zu verhindern, nehme ich so nicht wahr. Wichtig ist: Wir treten mit Horst Seehofer an – und das ist die richtige Entscheidung. Denn er hat eine Gabe, die nur wenige Politiker besitzen: Er kann zuhören und nimmt alle Menschen ernst. Er verbunkert sich nicht in der Staatskanzlei, sondern ist wirklich bei den Leuten. Und was er außerdem phänomenal kann: Brüssel, Berlin und Bayern gleichzeitig im Blick zu haben.
Eine ganz persönliche Frage: Sie haben eine Tochter, die Sie nach Ihrer Scheidung alleine erziehen. Ist das Engagement eines Politikers Gift fürs Familienleben?
Das glaube ich nicht. Man muss sich einfach die Freiräume für die Familie, in meinem Fall für meine Tochter, schaffen. Bei mir wird beispielsweise Zeit mit und für meine Tochter mit einem „C“ als Kürzel für ihren Vornamen im Kalender eingetragen. Manchmal auch mit einem „C“ und einem Ausrufezeichen – diese Termine sind dann nicht verhandelbar. Ich arbeite zwischen 60 und 80 Wochenstunden, habe aber noch keine einzige Aufführung meiner Tochter in der Schule oder der Musikschule verpasst. Man muss sich halt gut organisieren. Und Akten und E-Mails lassen sich auch zu Hause bearbeiten.
Sie sind ja nicht nur politisch aktiv, sondern engagieren sich als Mitglied des Diakonischen Rats auch noch für die Diakonie Rosenheim. Was verbindet Sie mit der Region?
Sehr viel – allerdings nicht in erster Linie aufgrund meines Wirkens für die Diakonie. Für die Diakonie habe ich circa 15 Jahre freiberuflich gearbeitet und die Diakonie sehr schätzen gelernt. Als ich gefragt wurde, ob ich im Diakonischen Rat mitarbeiten würde, war mir das Ehre und Verpflichtung zugleich. Bei den Sitzungen, die oft in Bad Aibling stattfinden, bekomme ich von der Region nicht viel zu sehen. Dafür habe ich aber einen Großteil meiner Kindheit, die Wochenenden und die Ferien, in Bernau verbracht, weil meine Eltern dort eine Ferienwohnung und meine Großeltern einen Anteil an einem Bauernhof hatten, der von einer Bau-ersfamilie betrieben wurde.
Interview: Willi Börsch, Mathias Weinzierl