Der drohende Tod wird verdrängt

von Redaktion

Bundesweit einzigartig in Rosenheim: Komplexstation für extrem Magersüchtige

Rosenheim – „Die ersten Tage nach der Aufnahme waren für mich sehr anstrengend, doch jetzt bin ich froh, dass ich mir Hilfe geholt habe“, bekennt Emilia, Anfang 20 (Name von der Redaktion geändert). Die junge Frau hat Magersucht und wird seit sieben Wochen in der Komplexstation der Schön Klinik Roseneck behandelt. Ein bundesweit bisher einzigartiges Versorgungsangebot: Hier werden erwachsene Patienten nicht nur psychotherapeutisch, sondern auch intensiv medizinisch betreut. 24 Betten stehen zur Verfügung, davon sechs monitorüberwacht.

Dr. Thorsten Körner, Oberarzt in der Rosenheimer Schön Klinik, warnt vor Vorurteilen gegenüber der schweren und oft lebensbedrohlichen Erkrankung. Ihre Ursachen seien oft unklar. Manchmal berichten Patientinnen, dass die Anfänge in den eigenen Familien liegen. Übergewichtige Familienangehörige beispielsweise wirken als abschreckendes Beispiel. Auch gesellschaftliche Normen und die Medien spielen eine Rolle. Oftmals werde suggeriert: „Dünn-Sein bedeutet Disziplin. Nur wer diszipliniert ist, gilt als leistungsfähig.“

Eine ausgeprägte Beschäftigung mit dem eigenen Gewicht, mit täglichem oder mehrmals täglichem Gewichtmessen könne auf eine Essstörung hinweisen. Der eigene Selbstwert werde am Gewicht festgemacht. Körner fügt hinzu: „Bei vielen Jugendlichen verwachsen sich solche Essstörungen“. Nichtsdestotrotz nehme bei einem Fünftel der Patienten die Krankheit einen chronischen Verlauf. Dabei seien Frauen etwa zehnmal so oft betroffen wie Männer.

Erwachsene mit

BMI unter 15

In die Schön Klinik Roseneck in Prien kämen Patienten ab zwölf Jahren, in der Rosenheimer Station werden nur Erwachsene aufgenommen – Erwachsene, deren BMI oftmals sogar unter 15 liegt. Der Body Mass Index ist eine Maßzahl für die Bewertung des Körpergewichts eines Menschen in Relation zu seiner Körpergröße. Normalgewichtige haben einen BMI zwischen 19 und 25.

Die Studentin Emilia wurde vor zwei Jahren magersüchtig, mit 40 Kilogramm bei einer Körpergröße von 1,74 Meter (entspricht einem BMI von 13,2) ließ sie sich dann in Rosenheim einweisen. Das ständige „Ich schaffe das alleine“, „mir geht’s doch gar nicht so schlecht“, war ein Sich-Selbst-Belügen, gibt sie heute nach sieben Wochen Aufenthalt in der Komplexstation zu.

Auch Luisa (Name geändert), Mitte 40, sagt, dass sie sich hier mehr Hilfe verspricht – hat sie doch schon mehrere Klinikaufenthalte hinter sich. Ohne Erfolg bislang. Sie, die gelernte Arzthelferin, fühlte sich Mitte 20 mit 80 Kilogramm bei einer Körpergröße von 1,67 Meter eigentlich ganz wohl – bis sie in der Liebe enttäuscht wurde. Nachdem die ersten Pfunde weg waren, sei noch alles gut gewesen, aber dann aß sie immer weniger, wurde schließlich chronisch magersüchtig. Mit 32 Kilogramm kam sie vor rund achteinhalb Wochen nach Rosenheim.

Beide geben zu, dass sie sich hier geschützt fühlen. Einzel- und Gruppengespräche, Tanzen, Entspannungsübungen und gezielte Anleitung zum gesunden Essen – es gibt in der Komplexstation keinen Zwang, alles geschieht einvernehmlich. Nichtsdestotrotz wird jede Mahlzeit begleitet und in Gemeinschaft eingenommen. Ziel der Behandlung auf der Komplexstation sei das Erreichen der Therapiefähigkeit und die Verlegung auf die Normalstation, so Körner. Dies sei aber nur erreichbar, wenn die Patienten selbst die Therapie ihrer Essstörung wollen, betont der Mediziner.

Nach einigen Wochen auf der Komplexstation bemerken die beiden Patientinnen schon Veränderungen. „Man friert nicht mehr, man zittert nicht mehr,“ so Emilia. Außerdem könne sie sich wieder besser konzentrieren. Luisa merkt, dass sie wieder lachen kann. So ganz loslassen von ihrer Essstörung können sie dennoch nicht.

Verhalten wird anfangs kontrolliert

Anfangs gibt es enge Kontrollen des Verhaltens. Eine schwierige Phase für die Patienten: „Zuerst hat mich die totale Kontrolle fertiggemacht, mir fehlte meine Selbstständigkeit“, erzählt Emilia. Toilettenbesuche werden begleitet und je nach Gewicht sind keine selbstständigen Spaziergänge auf den Fluren gestattet. Selbst Besuche der Familie dürfen nur nach Absprache erfolgen. Es gehe ja darum, „das richtige Maß wieder zu finden“, so Körner.

Gezielt die Patienten aus ihrer sozialen Isolierung wieder herausholen, sie motivieren, das sei enorm wichtig. Aber auch, dass die Patienten 700 Gramm bis ein Kilogramm pro Woche zunehmen. Es dauert seine Zeit, bis die Patienten merken, dass sie sich mit ihrem Suchtverhalten selbst belügen und schaden. Deshalb brauche es das allmähliche Hinführen und die enge Begleitung durch kompetente Therapeuten. Die Patienten wissen, dass die Sucht mit dem Tod enden kann. „Aber das verdrängt man“, so die erschütternde Aussage Luisas.

Die Komplexstation hat vor gut eineinhalb Jahren ihren Betrieb aufgenommen. Es gebe viele gute Verläufe und Behandlungsergebnisse, manche Patientinnen kämen nach zu früh abgebrochenen Therapien wieder, oftmals kämen sogar Ehemalige auf einen Besuch vorbei, so Körner abschließend. Aber Magersucht zu heilen – da sollte man sich nichts vor machen – das gehe nur mit viel Motivation und viel Geduld.

Magersucht und Bulimie

Anorexie (= Magersucht)

Kennzeichen: absichtlich herbeigeführtes oder aufrechterhaltendes Untergewicht von mehr als 15 Prozent des für das Alter und die Körpergröße zu erwartenden Gewichts (Body Mass Index, BMI, < 17,5). Reduzierte Nahrungsmenge und eingeschränkte Nahrungsauswahl, Angst vor Übergewicht und verzerrte Körperwahrnehmung, übertriebene körperliche Aktivität, selbstreduziertes Erbrechen und Abführen, Gebrauch von Appetitzüglern, Schilddrüsenhormonen und Diuretika

Bulimie (= Ess-Brech-Sucht)

Kennzeichen: übertriebene Beschäftigung mit der Kontrolle der Körperform und des Körpergewichts, wiederholte Essanfälle mir anschließendem Erbrechen oder Gebrauch von Abführmitteln, Diuretika, Appetitzüglern und Schilddrüsenhormonen sowie exzessives Bewegungsverhalten.

Folgen des Untergewichts:

Aussetzen der Menstruation, Unfruchtbarkeit, Libidoverlust, verzögerte Pubertätsentwicklung, Minderwuchs, gestörtes Haarwachstum, Speiseröhrenentzündungen, Leber- und Nierenfunktionsstörungen, übermäßiges Frieren, Schlafstörungen, Magen-Darm-Geschwüre, Herz-Kreislauf-Probleme. elk

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