Rosenheim – Der Borkenkäfer ist ein winziger Feind, dafür umso mehr gefürchtet. Und er wütet wieder im Raum Rosenheim, brütet nun schon im dritten Jahr massenhaft Larven aus, die sich ins Bastgewebe der heimischen Fichte einnisten und die Bäume zum Absterben bringen. Als zunächst gelb, dann rotbraun verfärbtes, trauriges Baumgerippe steht die Fichte dann im Wald. Bis jemand den Schaden bemerkt, ist der Borkenkäfer oft schon auf die benachbarten Fichten gewechselt – ein Albtraum für den Waldbesitzer.
Im Landkreis spitzt sich die Lage momentan zu: Seit Orkan Niklas 2015 in Bayern tobte, hat der Borkenkäfer die Wälder der Region im Griff. Vor allem der Norden mit seinen trockenen Standorten rund um Wasserburg hat zu kämpfen. „Es ist typisch, dass einer Borkenkäferplage ein Naturereignis wie ein heftiger Sturm oder ein trockener, heißer Sommer vorausgeht“, weiß Georg Kasberger vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Rosenheim. Beim Leiter des Bereichs Forsten stehen Buchdrucker und Kupferstecher, wie die Fichtenborkenkäfer auch genannt werden, seit zwei Jahren ständig auf der Tagesordnung.
„Der Sturm hinterlässt zahlreiche umgestürzte und abgebrochene Bäume im Wald – ein geeignetes Brutmaterial für den Borkenkäfer. Folgt ein trockener und heißer Sommer wie wir ihn besonders 2015 bis in den Herbst hinein hatten, verkürzt sich die Brutzeit der Käfer auf wenige Wochen. Das sind dann ideale Bedingungen für den Schädling“, so Kasberger.
Fichtenbestände besonders bedroht
Reine Fichtenkulturen sind ein ideales Borkenkäferbiotop, die seine explosionsartige Vermehrung nur fördern. „In einem gesunden Mischwald sind die Folgen nicht so dramatisch, wenn Fichten befallen sind. Es sind ja noch genügend andere Baumarten übrig, so das keine Kahlflächen entstehen“, so Georg Höhensteiger, Vorsitzender der Rosenheimer Waldbesitzervereinigung (WBV). Das hilft den rund 9000 Waldbesitzern im Landkreis zumindest kurzfristig nichts, denn viele, die Holz verkaufen oder verarbeiten, haben nun mal auf die Fichte gesetzt.
Sie liefert das wirtschaftlichste und somit wichtigste heimische Holz. Damit es sich gut verkauft, müsste eine Fichte schon 80 bis 100 Jahre wachsen dürfen, so Höhensteiger. Beim Borkenkäferbefall hilft allerdings nur: fällen und dann sofort raus aus dem Wald. Dabei werden, wie Kasberger anmerkt, oft die befallenen Baumkronen vergessen. Das Wipfelholz und größere Äste, die im Wald bleiben, sollten möglichst rasch klein gehackt werden, sonst lockten sie erneut als Brutstätten.
Mindestens 500 Meter Luftlinie zum Wald muss beim Lagern der Stämme eingehalten werden: „Das können nicht viele einhalten, das Holz muss dann so schnell wie möglich ins Sägewerk gebracht werden.“ Für den schönen Sichtdachstuhl oder Möbel eignet sich das durch den Schädling blau verfärbte Material nicht mehr. „Es ist nur noch als Massenware zu verkaufen“, sagt Höhensteiger. Dabei müssten Verkäufer momentan einen Verlust von mindestens 20 Euro pro Kubikmeter verkraften.
Schlimmer aber sei, so Höhensteiger, dass die hiesigen Sägewerke längst überlastet seien mit der Ware, die wegen des Käferbefalls aus ganz Bayern angeliefert werde. „Viele Großabnehmer machen im August Betriebsferien, was die Situation weiter verschärft.“ Holztransporter bayernweit stöhnten unter der Auftragslast und stundenlangen Wartezeiten bei den Werken, um abladen zu können. „Das Überangebot am Markt führt zusätzlich zu einem Preisverfall“, klagt Höhensteiger. Geschätzt 100000 Kubikmeter Käferholz müssen Waldbesitzer heuer fällen. Das entspricht einem Viertel des jährlichen Einschlags.
Inzwischen hat die WBV Rosenheim in Marienberg einen Lagerplatz eingerichtet, wo befallene Stämme zwischengelagert werden können, bis die Sägewerke wieder Kapazitäten frei haben. Die Nachfrage ist groß.
Die durch den Käferbefall entstandenen Kahlflächen müssen möglichst schnell wieder aufgeforstet werden. Da hilft das Förderprogramm des Freistaats, das die Aufforstung mit stabilen Mischwäldern nach Schadenereignissen erleichtern soll. „Das Budget dafür hat im letzten Jahr gerade so gereicht, weil andere wichtige waldbauliche Förderungen zurückgestellt wurden“, gibt Höhensteiger zu bedenken. Ob die Mittel heuer reichen, müsse sich erst zeigen.senn