Raubling – Andrea Hartenstein pendelt täglich von Kiefersfelden nach Rosenheim. Seit Ende Juli gleicht ihre Zugfahrt jedoch einem Lotteriespiel: Immer wieder ist die Strecke gesperrt, regelmäßig fallen Züge aus. „Das ist wirklich eine Zumutung – gerade für Arbeitnehmer“, sagt sie. „Man wird einfach daran gehindert, rechtzeitig in die Arbeit zu kommen. Die Verspätung muss ich mit Überstunden ausgleichen, mein tägliches Pensum schaffe ich kaum.“ Verständnis für die Zugausfälle hat sie keines mehr. „Ich wünsche mir, dass es einfach einmal einen großen Aufschrei gibt. Schließlich sind hier Arbeitnehmer betroffen und nicht irgendeine Kaffeefahrt.“ Für eine Stunde Verspätung bekomme sie vom Meridian gerade mal einen Euro erstattet und das bei einer teuren Jahreskarte, die schon lange im Voraus bezahlt wurde. „Eine Alternative zum Zug habe ich nicht.“ Oftmals fallen mehrere Züge hintereinander aus. Bis der Schienenersatzverkehr kommt, vergeht nicht selten über eine Stunde Zeit.
Auch Robert Kunz hat all dies satt. Er muss täglich von Kiefersfelden nach München-Ost fahren und bemängelt fehlende Durchsagen seitens des Meridian-Personals sowie zu wenig Schienenersatzverkehr. „Zurzeit sind noch Schulferien, aber wenn die um sind, kommen auch noch Hunderte Schüler zu spät in die Schule“, gibt er zu Bedenken. Zwei Stunden kosten ihn die Kontrollen oftmals – Zeit, die er abends im Büro dranhängen muss.
Dem Meridian sind in dieser Situation jedoch selbst die Hände gebunden. „Wir sind gezwungen, stehen zu bleiben“, erklärt Meridiansprecher Christopher Raabe, – „auf Anordnung der Bundespolizei.“ Meistens erfolge diese jedoch sehr kurzfristig.
Raubling bewusst als Kontrollort gewählt
Der Grund: „Güterzüge haben keinen festen Fahrplan“, wie Jeannine Geißler, Pressesprecherin der Bundespolizeiinspektion Rosenheim, auf Anfrage mitteilt. Einen Zug anzuhalten und für die Kontrolle erden zu lassen, das erfolge deshalb meist spontan. „Wir erfahren selbst erst kurz vorher, dass ein Güterzug in Raubling einfahren wird. Eine reine Sichtkontrolle macht hier aber keinen Sinn, da der Zug dann in hoher Geschwindigkeit an uns vorbei rauscht und man dabei die Flüchtlinge in ihren Verstecken nicht erkennen würde.“ Nur durch gezieltes Suchen und Reinleuchten ließen sich die Menschen unter den Sattelaufliegern entdecken.
„Hier geht es um Menschenleben“, betont Geißler. „Und die Aufgabe der Bundespolizei ist es, Gefahr für Leib und Leben abzuwenden.“ Geißler erinnert an einen Fall im Juni, bei dem ein Flüchtling auf Höhe Großkarolinenfeld vom Zug stürzte und starb. „Das zeigt doch, dass die Gefahr real ist.“
Abgewogen habe die Bundespolizei ganz genau, wo sie die Kontrollen durchführe. Raubling habe sich aufgrund der Lärmschutzwände entlang der Gleise angeboten. „So laufen die aufgegriffenen Personen nicht über die Schienen weg.“ In Rosenheim beispielsweise würde es in solch einem Fall sonst zu noch mehr Sperrungen kommen.
Mit den österreichischen Behörden ist die Bundespolizei eng in Kontakt. „Aber wir können unseren Nachbarländern nicht vorschreiben, wie und wann sie kontrollieren müssen.“ Hier brauche es auch Gespräche auf der politischen Ebene. „Wir verstehen den Ärger der Pendler, und versuchen die Einschränkung so gering wie möglich zu halten. Letztlich sind wir aber auch nur ausführendes Organ und handeln nach den Vorgaben von oben.“ Und die kommen von der höheren Dienststelle und letztlich vom Bundesministerium für Inneres.
Entschuldigung für fehlende Durchsagen
Eine Verbesserung der Situation kann Geißler nicht in Aussicht stellen: „Solange Menschen mit diesen Zügen kommen, werden wir auch kontrollieren müssen.“ Durch die bald fallenden Temperaturen, so glaubt Geißler, könnte der Andrang der Flüchtlinge auf Güterzüge wieder nachlassen.
Auch der Meridian hofft trotz allem Verständnis für die Situation auf baldige Besserung. Für fehlende Durchsagen entschuldigt sich das Unternehmen und spricht von Einzelversäumnissen. „Unsere Fahrgastbetreuer sind angehalten, die Fahrgäste zu informieren“, sagt Raabe. In Sachen Schienenersatzverkehr ist der Meridian vor folgendes Problem gestellt: „Wir fahren Eisenbahn und nicht Bus.“ Oftmals sei es schwierig, in der Kürze der Zeit Busse und Busfahrer zu organisieren. „Auch wir suchen das Gespräch mit der Politik.“ Den Pendlern bleibt wohl weiterhin nur eines übrig: Auf das Verständnis ihrer Arbeitgeber zu hoffen.