Kolbermoor/Bad Aibling – Diesen Sommer werden speziell viele Kolbermoorer und Bad Aiblinger so schnell nicht vergessen: Immer wieder wurden sie mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen – von quietschenden Reifen und Motorengeheul. Der Lärm sei oft kilometerweit zu hören, klagen sie. Und sie betonen: „Dahinter stecken mehr als Katapultstarts aus reinem Imponiergehabe. Das ist ein ganz neues Phänomen, es handelt sich um Autorennen.“
Die mutmaßlichen Lieblingsrennstrecken: In Kolbermoor auf der Brückenstraße oder der Carl-Jordan-Straße in Richtung Süden bis zur Staatsstraße, dann scharf nach rechts mit Karacho zum Pullacher Kreisel und wieder zurück. Oder: In Bad Aibling auf der Münchner Straße raus zum Texaskreisel, nach rechts in Richtung Maxlrain bis zum Kreisel in Mietraching und zurück.
„Gibt‘s eigentlich inzwischen schon Karten und eine Tribüne, wo man sich die nächtlichen Rennen anschauen kann?“, fragte ein Kolbermoorer schon im Juni sarkastisch in einem Internet-Forum. Als Rennstrecken missbraucht werden möglicherweise auch der neue Autobahnzubringer (Westtangente) von der Staatsstraße zur A8-Ausfahrt Rosenheim-West, die Äußere Münchener Straße in Rosenheim bis zum Schwaiger Kreisel oder die Rosenheimer Südumfahrung Panorama-Schwaig, auf der sich im November 2016 der schreckliche Unfall ereignete, der gerade ein gerichtliches Nachspiel hat (wir berichteten).
Doch die Anwohner-Hinweise konzentrieren sich ganz auf die Kolbermoorer und Bad Aiblinger „Routen“ zum Texas- und Pullacher Kreisel. Der Lärm sei oft kilometerweit zu hören. Jene Kolbermoorer, die in der Nähe der Staatsstraße wohnen, glauben auch zu wissen, wie die illegalen Rennen ablaufen. Nachts, wenn die Mehrzahl der Ampeln abgeschaltet ist, wird ihren Beobachtungen zufolge nicht gegeneinander, sondern nacheinander gefahren. Die Fahrer duellieren sich also nicht zeitgleich, sondern fahren gegen die Stoppuhr. Der Zweite geht erst auf die „Rennstrecke“, wenn der Erste im „Ziel“ ist.
Das sind schwere Vorwürfe. Beweisen kann sie aber niemand. Übertreiben die Anwohner? Speziell am Hertopark in Kolbermoor, einem beliebten Treffpunkt der Tunerszene, geht es oft laut zu. Das passt nicht jedem. „Und laut ist nicht immer gleich schnell“, sehen sich manche PS-Freaks zu Unrecht in der Schusslinie.
Aber da winken PS-erfahrene Kolbermoorer ab. Dass junge Burschen ihre aufgemotzten Autos im Sommer gern mit kreischenden Reifen und überdrehtem Motor an den Eisdielen vorbei manövrieren, um die Aufmerksamkeit der jungen Mädchen auf sich zu ziehen – das sei keine Neuheit. Das komme in Rosenheim, Kolbermoor und Bad Aibling seit Jahrzehnten vor. „Aber bei dem Geheul, das hier laufend zu hören ist, handelt es sich um Motoren, die im Hochgeschwindigkeitsbereich beschleunigt werden“, sagt ein PS-erfahrener Motorradfahrer, der in der Brückenstraße in Kolbermoor wohnt. Und das sei in dieser Häufigkeit neu.
Bei der Polizei haben sich in den vergangenen Monaten serienweise Bürger über den „lebensgefährlichen und grob fahrlässigen Wahnsinn“ beschwert. Viele Anrufer und Briefeschreiber haben sogar Fabrikat und Kennzeichen der aufgemotzten Sportwagen mitgeliefert, in denen die Raser sitzen sollen. Die Polizei nahm die Hinweise sehr ernst – und hat Mitte August mit der Gründung der Ermittlungsgruppe „Auto-Poser-Szene Rosenheim“ reagiert.
Offenbar mit Erfolg. „Die Situation hat sich deutlich verbessert, seit die Polizei gezielt gegen die Raser vorgeht“, sagte ein Beschwerdeführer aus Bad Aibling gestern auf Anfrage unserer Zeitung. Aber der Kampf gegen unbelehrbare Raser ist so schnell nicht gewonnen. Erst am Montag sei wieder mitten in Bad Aibling ein aufgetunter Audi „mit rund 100 Sachen“ zwischen Ludwigskreisel und Minigolfanlage am Kurpark unterwegs gewesen, sagt er. Spannend wird es im Sommer 2018. Dann hat die Raserszene wieder „Rennsaison“.