Interview mit Dr. max kaplan, Präsident der Bayerischen ärztekammer

„Nicht immer gleich zum Arzt rennen“

von Redaktion

Rosenheim – Was Dr. Max Kaplan, Präsident der bayerischen Ärztekammer und Vizepräsident der Bundesärztekammer, wirklich wurmt, ist die Tatsache, dass bei den aktuellen Koalitionsgesprächen in Berlin kein einziges gesundheitspolitisches Thema auf der Tagesordnung steht. „Dabei gibt es doch etliches zu besprechen“, sagt der 65-Jährige im Interview mit den OVB-Heimatzeitungen. Ärztemangel, Pflegenotstand, niedrige Landarztquote und das weite Feld der Gesundheitsfinanzierung stehen auf dem Prüfstand.

Gerade auf dem Land fehlen Ärzte. Woran liegt das, und wie könnte man gegensteuern?

Wir müssen uns Gedanken machen, wie die medizinische Versorgung in den nächsten zehn Jahren aussehen soll. Tatsächlich gibt es auch in Bayern Regionen wie Nordschwaben oder die Oberpfalz, in denen die hausärztliche Versorgung gefährdet ist. Woran das liegt, darüber sind sich die Fachleute einig. Zu wenig Ärzte und Mängel in der Infrastruktur. Immer mehr junge Ärzte legen bei all ihrem beruflichen Engagement auch Wert auf Familie und Freizeit. Ein weiterer Grund ist der Partner. Auch er sollte eine passende Arbeitsstelle finden. Sind Kinder da, müssen Schulen vor Ort sein. Wir haben aber Hinweise, dass hier die Talsohle durchschritten ist.

Seit einiger Zeit gibt es die Möglichkeit für Fachärzte, sich als Quereinsteiger zum Hausarzt weiterzubilden. Ein hilfreicher Weg, um mehr Ärzte aufs Land zu locken?

Es ist richtig, seit drei Jahren gibt es diese Möglichkeit. Ich befürworte, dass sich Kollegen in zwei oder drei Jahren – je nach Facharztkompetenz – zum Hausarzt weiterbilden können. Inzwischen entwickelt sich dieses Angebot sehr positiv. Waren es zu Beginn im Jahr 2013 noch vier Kollegen, so sind es in diesem Jahr bereits 40.

Gibt es weitere Maßnahmen, um den Ärztemangel auf dem Land zu stoppen?

Ja, mit einem ganzen Bündel wollen wir diesem Trend entgegenwirken. Das Bayerische Staatsministerium für Gesundheit und Pflege hat ein Förderprogramm für Studierende der Medizin aufgelegt. Wer sich während seines Studiums verpflichtet, nach der Ausbildung für fünf Jahre aufs Land zu gehen, bekommt einen monatlichen Zuschuss von 600 Euro für maximal sechs Semester. Wer sich in einer Praxis – in Frage kommen auch Augenärzte, Kinderärzte oder HNO-Ärzte – auf dem Land niederlässt, bekommt eine Förderung von bis zu 60000 Euro, vorausgesetzt, es handelt sich um eine unterversorgte Region. Die Kassenärztliche Vereinigung, die auch ein Förderprogramm aufgelegt hat, und wir von der Ärztekammer stehen hinter diesen Projekten.

Warum werden nicht mehr Studierwillige zum Medizinstudium zugelassen?

Das ist in der Tat nicht nachvollziehbar. Nach wie vor kommen fünf Bewerber auf einen Studienplatz. Viele Probleme würden sich mit mehr Ärzten einfacher lösen. Denn auf immer weniger Schultern wird immer mehr Arbeit abgeladen. Da ist richtig Druck im Kessel. Dieser Ärztemangel ist vom Staat herbeigeführt. Ich denke, wir bräuchten bundesweit 1000 Medizin-Studienplätze mehr. Das ist natürlich mit Kosten verbunden, das ist schon klar. Wir in Bayern gehen mit gutem Beispiel voran: Es werden 250 neue Studienplätze in Augsburg geschaffen.

Sind privat geführte Medical Schools der Ausweg?

Da habe ich gemischte Gefühle. Denn dort besteht die Gefahr, dass die Wissenschaftlichkeit auf der Strecke bleibt. Ein Arzt muss aber auch wissenschaftlich qualifiziert sein. Mehr Bildung statt nur Ausbildung! Ein Arzt sollte mehr als nur sein Handwerk beherrschen. Eindringlich plädiere ich für die Änderung der Zulassungskriterien. Eine Möglichkeit wäre, dass die Interessenten in die Vorklinik starten. Dort sollte dann der Ausleseprozess stattfinden. Das wäre gerechter als die Abiturnote. Denn was sagt sie über die spätere Qualifikation als Arzt? Wir arbeiten daran, dass durch Berücksichtigung anderer Kriterien der Bewerber seine Abinote um 1,0 verbessern kann. Im Gespräch sind etwa eine medizinische Vorbildung, soziale Kompetenzen oder die Absolvierung eines Freiwilligen Sozialen Jahres. Die Lösung schlechthin wird es aber nicht geben.

Inzwischen sind zwei Drittel der Medizin-Studierenden weiblich. Welche Konsequenzen hat das?

Viele junge Ärztinnen, aber auch junge Ärzte, wollen, wenn sie eine Familie haben, in Teilzeit arbeiten. Auch Nacht- und Wochenenddienste sind nicht sonderlich familienfreundlich. Allerdings halte ich nichts von Quotierung. Wir müssen anders darauf reagieren, zum Beispiel durch flexible Arbeitszeiten, Jobsharing und angepasste Dienstpläne. Kompensieren können wir das nur mit mehr Kollegen im Krankenhausbereich und in den Praxen.

Wo sind Ärzte auf die Schnelle zu finden? Im Ausland?

Viele Ärzte kommen aus dem nicht deutschsprachigen Ausland, insbesondere aus dem osteuropäischen Raum. Doch meist hapert es an Sprachkenntnissen. Zudem fehlen diese Mediziner dann in ihren Ländern. Also auch keine Lösung.

Steht die Medizin auf sicheren finanziellen Füßen?

Die Herausforderungen sind gewaltig. Ich plädiere für mehr Eigenverantwortung der Versicherten. Muss es immer Vollkasko sein? Wir sollten künftig bei den Tarifen und Versichertenleistungen der Krankenkassen mehr wählen können.

Immer wieder ist zu hören, dass Patienten wegen Kleinigkeiten zum Arzt gehen. Stimmt das denn?

Für den Patienten ist es nicht einfach, sich selbst zu diagnostizieren. Der Google-Doc hilft auch nicht immer weiter. Doch eines sollte klar sein: Nicht wegen jedes Wehwehchens gleich zum Arzt rennen oder für eine Diagnose drei Meinungen einholen.

In Bad Aibling steht die Geburtshilfe auf der Kippe. Haben Sie als Präsident einen Tipp?

Ich kann der Klinik Bad Aibling nur raten, im kollegialen System – mit mindestens drei Ärzten – 24 Stunden eine fachärztliche Versorgung in der Gynäkologie sicherzustellen. Interview: Sigrid Knothe

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