die blinde Spitzensportlerin Verena Bentele zu gast beim Rosenheimer Gespräch

„Inklusion darf kein Experiment sein“

von Redaktion

Humorvoll, selbstbewusst und mit einem klaren Ziel präsentierte sich Verena Bentele bei ihrem Besuch im Sebastian-Finsterwalder-Gymnasium Rosenheim: Die blinde Spitzensportlerin und Behindertenbeauftragte der Bundesregierung will erreichen, dass Inklusion gelebte Selbstverständlichkeit wird.

Rosenheim – Veranstalter war das Evangelische Bildungswerk Rosenheim – Ebersberg in Kooperation mit der Sparkassenstiftung Zukunft für die Stadt Rosenheim im Rahmen des „Rosenheimer Gesprächs“. Dessen Ziel ist es, den Menschen in der Region Treffen mit namhaften Persönlichkeiten zu ermöglichen, die sich für Frieden und gesellschaftliches Miteinander stark machen. Nach den Autoren Liao Yiwu, Navid Kermani und Greta Taubert, Kabarettist Lars Ruppel und Comiczeichnerin Barbara Yelin nahm diesmal Verena Bentele auf der Bühne Platz und stellte sich vor rund 200 Besuchern den Fragen von Niels Beintker, Kulturredakteur beim Bayerischen Rundfunk.

„Können Sie sich vorstellen, wie Schnee aussieht?“, eröffnete er die Fragerunde. Nein, das kann Verena Bentele nicht. Die 35-Jährige ist von Geburt an blind. Sich von diesem Handicap unterkriegen zu lassen, kam für sie nie in Frage. Sie absolvierte ein geisteswissenschaftliches Studium und schaffte es im Sport bis ganz nach oben: Von 1996 bis 2011 wurde die deutsche Biathletin und Skilangläuferin vierfache Weltmeisterin und zwölffache Paralympics-Gewinnerin. Auch ihre Goldmedaillen hat Verena Bentele nie mit ihren Augen gesehen, eine klare Vorstellung über deren Aussehen hat sie trotzdem: „Als ich ein Kind war, hat mir meine Oma während dem Schnapsbrennen immer Märchen erzählt, ganz gerne auch das vom Goldesel. Dadurch weiß ich ganz gut, was Gold ist“, meinte sie schmunzelnd. Noch viel besser könne sie aber beschreiben, wie es sich anhört, wenn man fünf Goldmedaillen gleichzeitig am Hals trägt: „Wie die Almglocke einer Kuh“.

Verena Bentele hat Humor und setzt diesen auch gekonnt ein, um ihr Publikum für sich zu gewinnen. Gezielt richtete sie sich bei ihrem Auftritt im Sebastian-Finsterwalder-Gymnasium mit ihren Kommentaren und Antworten immer wieder an die vielen Schüler im Publikum und nahm dabei auch gerne mal die Lehrer auf die Schippe.

Schnell ernst wurde die Behindertenbeauftragte der Bundesregierung aber dann beim Thema Inklusion. „Eigentlich sind wir dort noch gar nicht angekommen. Bis jetzt leben wir nach wie vor eher in der Integration“, bemängelte sie. Nach wie vor würden zu viele Menschen mit Behinderung in Wohnheimen außerhalb der Stadt und damit in Sonderwelten leben, „gut aufgeräumt, aber eben nicht mittendrin in der normalen Welt“. Wenn es nach Verena Bentele geht, muss damit endlich Schluss sein. Besonders ärgerlich findet sie es, dass in Deutschland rund 80000 Menschen, die aufgrund ihrer psychischen Behinderung oder psychischer Probleme Betreuung brauchen, nicht wahlberechtigt sind. Aktuell setze zwar, beispielsweise in Berlin, ein Umdenken ein. Dieser Hoffnungsschimmer reiche ihr aber nicht: „Jetzt sitze ich hier in Bayern, und da tut sich in diesem Punkt noch gar nichts, obwohl im kommenden Jahr Landtagswahl ist. Da gehört Bayern eindeutig nicht zu den Frühaufstehern.“ Statt Menschen mit Behinderung nicht zuzutrauen, eine Wahl treffen zu können, sollten sich Politiker trauen, diese Menschen so zu informieren, dass diese eine Wahl treffen könnten.

Letztlich braucht es für die Teilhabe am Leben auch die finanziellen Mittel. In diesem Punkt habe sie in der Vergangenheit schon so manchen harten Kampf mit dem Finanzminister ausgefochten und das aus gutem Grund: „Inklusion darf kein Experiment sein, sie muss gelingen.“ Damit dieses Ziel erreicht wird, würden Gesetze allein aber nicht reichen: „Gegen Barrieren in den Köpfen gibt es kein Gesetz.“

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