Zwangsprostitution in Rosenheim

Skrupelloser Menschenhandel

von Redaktion

Stefka G. (Name geändert) aus Bulgarien wollte in Deutschland als Zimmermädchen Geld verdienen. Stattdessen wurde sie zur Prostitution gezwungen. Erst in München, dann in Rosenheim. Ein Fall, der die abscheulichen Methoden skrupelloser Menschenhändler exemplarisch aufzeigt.

Rosenheim/Varna – Schwerer Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung – so lautet der Vorwurf in einem Prozess, der am kommenden Donnerstag am Traunsteiner Landgericht beginnt. Auf der Anklagebank sitzen eine 23-jährige Prostituierte und ein 27-jähriger Pizzalieferant aus Bulgarien. Das Duo soll eine alleinerziehende Mutter aus Varna im Juni 2016 nach Bayern gebracht und zur Prostitution gezwungen haben.

Als Druckmittel, so das Ergebnis der Ermittlungen, setzten sie den achtjährigen Sohn des Opfers ein, den sie in ihrer Gewalt hatten. Bulgarische Einsatzkräfte befreiten den Buben im August 2016 in Dobritsch, knapp 50 Kilometer nördlich von Varna. Im Mai 2017 wurden die beiden Angeklagten dann von der bulgarischen Justiz ausgeliefert. Seither sitzen sie in Traunstein und München-Stadelheim in Untersuchungshaft.

Bulgarien gilt als das ärmste Land Europas. Laut Eurostat, dem Statistisches Amt der Europäischen Union, waren dort 2015 mehr als 41 Prozent von Armut bedroht. Zu diesen 41 Prozent gehörte auch Stefka G., die in Varna jeden Lew zweimal umdrehen musste, um sich und ihren Sohn irgendwie durchzubringen.

Das sollen die beiden Angeklagten ausgenutzt haben. Laut Anklage brachten sie die junge Mutter im Juni 2016 nach München. Sie könne dort einige Monate gutes Geld als Zimmermädchen in einem Hotel verdienen, so das Versprechen. Einstweilen werde sich der Vater des 27-jährigen Pizzafahrers um ihren Sohn kümmern, hieß es weiter. Dort sei der Bub in besten Händen.

Doch es war ganz anders – und in München angekommen, landete Stefka nicht in einem Hotel, sondern in einem Bordell. Gleich am ersten Abend soll sie ihr 27-jähriger Landsmann zum ungeschützten Sex genötigt und vergewaltigt haben. Dann musste sie ihren Körper verkaufen. Wenn sie das nicht tat, werde ihrem Sohn etwas zustoßen, hatten die Angeklagten laut Aussage von Stefka gedroht. Mitte Juli wurde sie von München nach Rosenheim gebracht und musste dort in einem weiteren Bordell einen Monat lang anschaffen gehen.

Stefkas Schicksal ähnelt dem vieler Frauen, die in Deutschland auf den Strich gehen müssen, sagen Experten. Laut Bundeskriminalamt gab es 2015 offiziell 416 Opfer von Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung, darunter vor allem rumänische und bulgarische Frauen. Die Dunkelziffer dürfte sehr hoch sein. Denn die meisten Frauen machen nie eine Aussage – aus Angst vor den Tätern und weil der Ausstieg aus der Zwangsprostitution schwer und risikoreich ist.

Immerhin können manche Zwangsprostituierte Geld nach Hause schicken. Doch bei Stefka war nicht einmal das der Fall. Die 23-jährige Angeklagte soll sie mit Argusaugen bewacht und ihr fast das ganze Geld abgenommen haben, das sie von den Freiern bekam. In Rosenheim waren das laut Anklage rund 7000 Euro. Mehr als ein Zigarettengeld durfte Stefka nicht behalten. Zeitweise, so das Ergebnis der Ermittlungen, kehrte die Angeklagte auch nach Bulgarien zurück, wo sie den Sohn des Opfers festhielt und ihre Anweisungen per Telefon an die Mutter übermittelte.

Dem Martyrium für Mutter und Sohn setzte am 16. August ein Polizeieinsatz in Dobritsch ein Ende. Seither ist der Achtjährige wieder bei seiner Mama. Bei dem Prozess sind drei Verhandlungstage angesetzt. Verhandelt wird am 23. und 30. November sowie 11. Dezember.

Artikel 3 von 11