Rosenheim – Organisiert hatte die Tagung zum Thema „Partizipation“ der Fachbereich Kindertagesbetreuung im Kreisjugendamt Rosenheim. Landrat Wolfgang Berthaler eröffnete die Veranstaltung mit den Worten: „Mütter und Väter vertrauen Ihnen ihre Kinder an in der Hoffnung, dass sie mithelfen, dass aus ihnen einmal gestandene Persönlichkeiten werden.“
Der Leiter des Kreisjugendamtes Rosenheim, Johannes Fischer, verwies auf den quantitativen Ausbau der Kindertagesbetreuung in den vergangenen Jahren, „dem ein qualitativer Ausbau folgen muss“. Fischer warb für Partizipation: „Wenn es uns gelingt, Kinder zu beteiligen, dann werden sie sich in ihrem Umfeld besser einbringen. “
Der Kinder- und Jugendpsychiater Dr. Michael Winterhoff aus Bonn sagte in seinem Vortrag: „Was mich umtreibt, sind die vielen Auffälligen in unserer Gesellschaft.“ Winterhoff zeichnete ein düsteres Bild der jungen Generationen und vertrat die These, dass die Zeiten nahezu vorbei seien, in denen Dreijährige kindergartenreif, Sechsjährige schulreif und 16-Jährige ausbildungsreif seien. „Die Hälfte aller Heranwachsenden hat nach dem Schulabschluss keine Arbeitshaltung. Die Jugendlichen haben keinen Sinn für Pünktlichkeit und das Handy ist ihnen wichtiger als der Kunde, der vor ihnen steht.“
Die Schuld für diese Entwicklung gab Winterhoff den Eltern. Mitte der 1990er-Jahre hätten sich Erwachsene erstmals mit der Digitalisierung beschäftigen müssen. Sie investierten laut dem Psychiater darin viel Zeit und stellten die Kindererziehung ein.
Die Konfrontation mit dem Internet um das Jahr 2000 und der Siegeszug des Smartphones hätten nicht zu einer Verbesserung der Lage beigetragen. Die Kinder wären zu Partnern gemacht worden und damit hätten die Eltern viel Zeit eingespart.
„Partizipation kann nur funktionieren, wenn sich Kinder entwickeln und sie Kinder bleiben können – und nicht Partner sind.“ Winterhoff forderte ein kindbezogenes Arbeiten in den Kindertagesstätten. Für seine Aussage, „Wir brauchen dazu kleinere Gruppen und wir brauchen mehr Personal“, gab es großen Applaus.
Eltern, die in sich ruhen, übertragen dies auf die Kinder, meinte Winterhoff. Kinder sollten angeleitet werden und Eltern sollten ihr Tempo verzögern, wenn ihr Nachwuchs etwas will.
Ab wann und wie können Kinder ernst gemeint mitwirken? Professor Dr. Susanne Viernickl von der Universität Leipzig beschäftigte sich in ihrem Vortrag mit der Alltagstauglichkeit von Partizipation. „Kinder treffen sehr früh Entscheidungen. Ab dem dritten Lebensjahr können sie sich in andere hinein versetzen“, sagte die Professorin. Aus ihrer Sicht lautet die Frage nicht ob, sondern wie die Jüngsten partizipieren. Die Fachfrau stellte die Voraussetzungen für eine Einbindung der Kinder vor. „Kinder müssen wissen, worum es geht. Sie müssen lernen, wie sie ihre Meinung äußern können und sie müssen wissen, dass kein Zwang zur Partizipation besteht.“
Mitwirken bedeutet, Macht abgeben
Für Professorin Viernickl ist damit auch klar, dass ein ernst gemeintes Mitwirken der Kinder bedeutet, dass die Verantwortlichen einer Kindertagesstätte Entscheidungsmacht abgeben müssen. Viernickel schränkte ein, „das bedeutet nicht, Kinder an die Macht zu lassen.“
Die rund 400 Teilnehmer aus den Kindertagesstätten im Landkreis Rosenheim hatten bei dem Fachkongress die Möglichkeit, sich in einem knappen Dutzend Vorträgen und Gesprächsforen zu unterschiedlichen Aspekten von Partizipation wie Bildungspartnerschaft mit Eltern oder Inklusion zu informieren.
Im Landkreis Rosenheim gibt es aktuell 163 Kindertagesstätten. Dort werden 1700 Kinder unter drei Jahren, 7500 Kindergartenkinder und 1000 Hortkinder betreut. Insgesamt mehr als 10000 Kinder. 2020 soll es den nächsten Fachkongress für Mitarbeitende in Kindertageseinrichtungen geben.re