Rosenheim – Knapp 25 Jahre ist es her, als der Jakobus-Hospizverein für Stadt und Landkreis Rosenheim entstand. Spies gehörte zu den Gründungsmitgliedern.
Ende 2016, als der Förderverein Chiemseehospiz gegründet wurde, der den Bau des Hospizes in Bernau vorantreibt, war auf sie erneut Verlass. Sie übernahm auch noch das Amt der Zweiten Vorsitzenden des Fördervereins. Nun ist sie noch mehr für die Hospizbewegung unterwegs. Die OVB-Heimatzeitungen trafen sich mit Spies auf der Palliativstation im Romed-Klinikum Rosenheim zum Interview.
Frau Spies, was versteht man unter „Hospizkultur“ heute?
Spies: Schwerstkranke und sterbende Menschen so lange wie möglich zu begleiten, damit sie zusammen mit ihren Angehörigen und den verschiedensten ambulanten Diensten in ihrer vertrauten Umgebung bleiben können.
Wie sieht dieses ambulante Netzwerk aus?
In der Hospizarbeit ist Vernetzung elementar, keine Einrichtung kann für sich allein arbeiten. Die einzelnen Fachkompetenzen kennen sich, arbeiten zusammen und können so die bestmögliche Behandlungs- und Betreuungsform anbieten. Es gibt eine allgemeine ambulante Palliativversorgung durch Hausarzt und Pflegedienste. Es gibt die SAPV, die spezialisierte Palliativversorgung mit Medizinern, Palliativ-Care-Krankenschwestern und sozialmedizinischen Fachkräften. Hospizhelfer und Hospizhelferinnen sind dabei stets eingebunden.
Warum braucht die Region dann ein stationäres Hospiz?
Wenn die Versorgung zu Hause nicht mehr gewährleistet werden kann, kommt in bestimmten Fällen ein stationäres Hospiz in Betracht, so wie es in Bernau entstehen soll. Derzeit werden auch „Hospizinseln“ diskutiert, so wie es in Waldkraiburg kommen soll.
Was machte das Sterben vor 50 Jahren aus?
Das Sterben war damals etwas, was vor allem in der Familie stattfand. Der sterbende Mensch war in den meisten Fällen eingebunden in seine Familie und konnte dort Hilfe, Trost und Zuspruch erwarten.
Was ist heute anders?
Das Sterben hat sich in Kliniken, Krankenhäuser und Altenheime verlagert. Familienbande sind oft den „Single-Haushalten“ gewichen. Die Familien sind kleiner geworden. Es gibt nicht mehr so viele Angehörige, die sich um ihr schwerstkrankes oder sterbendes Familienmitglied kümmern können. Der Anteil an sehr alten Menschen in unserer Gesellschaft wird immer größer – und die Angehörigen wohnen nicht immer in der Nähe.
Wie hat sich die Hospizbewegung entwickelt?
Vor etwa 30 Jahren haben sich die ersten Hospizvereine gegründet. Das erste stationäre Hospiz entstand in London. Von dort aus kamen die stationären Hospize aufs europäische Festland. Dr. Cicely Saunders, eine englische Krankenschwester, Sozialarbeiterin und Ärztin, die nach einem langen, erfüllten Leben 2005 im Alter von 87 Jahren gestorben ist, war die erste „große Dame“ des Hospizgedankens. Sie gilt als Begründerin der modernen Hospizbewegung und Palliativmedizin, sie ist unser großes Vorbild.
Beseelt von Saunders‘ Pionierarbeit scheinen es die vielen Ehrenamtlichen geschafft zu haben, die Einstellung der Menschen in der Region zum Tabuthema Sterben zu verändern. Eine so große Resonanz auf die OVB-Aktion war nicht zu erwarten.
Genau so ist es. Und das freut uns sehr. Aber ohne eine gute medizinische Versorgung kann es kein Hospiz geben. In den letzten Jahren haben sich in den Krankenhäusern Palliativstationen etabliert. Dazu kam in der ambulanten Betreuung die Versorgung durch ein speziell ausgebildetes Team hinzu. Das waren große Schritte in nur wenigen Jahren.
Und damit ist die Region jetzt reif für das Chiemseehospiz?
Ja. Wir werden ein Haus bauen, in dem schwerstkranke und sterbende Menschen ihren letzten Lebensabschnitt in Ruhe, Würde und mit einer tiefen menschlichen Begleitung verbringen können. Das ist großartig – und überfällig. Südostbayern ein „weißer Fleck“ in der Hospizlandschaft. Im Raum Rosenheim, Traunstein und Mühldorf gibt es über 600000 Menschen, aber kein einziges Hospizbett. Viele warten sehnlichst darauf. Wir sind sehr dankbar dafür, dass sich das jetzt ändert.
Welche Rolle spielen die Angehörigen im stationären Hospiz?
Sie sind die wichtigsten Menschen in der Begleitung von sterbenden Menschen. Unter Angehörigen verstehen wir nicht nur Verwandte, sondern alle, die für den Patienten wichtig sind. Sie können durch ihr Dasein wesentlich zur Entlastung der Situation beitragen.
Wie sind ehrenamtliche Mitarbeiter ins Hospiz eingebunden?
Sie verkörpern im stationären Hospiz die „Alltagskompetenz“. Sie behandeln nicht, ihre Aufgabe ist es, da zu sein. Sie bringen ein Stück Normalität, etwas Zeit und einen oft hoch willkommenen Alltag mit.
Was bedeutet das Hospiz für Sie persönlich?
Für mich ist es die Erfüllung eines langen Traumes. Ich möchte mich an dieser Stelle bedanken – bei den OVB-Lesern, bei allen haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern, vor allem bei Alois Glück, der unermüdlich für ein stationäres Hospiz gekämpft hat, und bei Günther Pfaffeneder, der sich nach seiner beruflichen Laufbahn in den Romed-Kliniken bereit erklärt hat, das Hospiz als Leiter der kommunalen Betreibergesellschaft aufzubauen.
SPENDERLISTE, SEITE 33