OVB-Weihnachtsaktion

„Die letzten Jahre meiner Freundin“

von Redaktion

Die heutige Geschichte in unserer Reportagenreihe zur OVB-Weihnachtsaktion dreht sich um eine besondere Freundschaft. Eine Hospizbegleiterin des Rosenheimer Jakobus-Hospizvereins erinnert sich daran, wie ihre Freundin plötzlich schwer erkrankte.


Rosenheim
– Ich bin Hospizhelferin und habe mit Gerda (Name geändert) zusammen die Ausbildung beim Jakobus-Hospizverein gemacht. Wir lernten uns in der Ausbildung kennen und es entstand eine tragfähige Freundschaft daraus. Leider erkrankte Gerda Anfang August 2013 selbst schwer.

Sie erhielt den Befund nach einer Gewebeentnahme am rechten Oberschenkel. Die Diagnose: Malignes Melanom, schwarzer Hautkrebs! Das wollte und konnte zunächst keiner glauben. Aber der Befund war eindeutig.

Gerda war eine lebendige Frau, Hospizhelferin, kompetente und umsichtige Krankenpflegerin – mit viel Herzblut bei allem, was sie tat. Sie engagierte sich für Flüchtlinge und Menschen, die es schwer in unserer Gesellschaft haben.

Nun änderte sich das Leben für sie und ihre Familie mit einem Schlag. Nun musste sie sich um sich selbst kümmern. Wenige Wochen nach dem Befund, noch im August, kam es zur ersten Operation: eine Lymphknotenentfernung. So versucht man, eine Streuung im Körper zu vermeiden und die Krankheit zu stoppen.

Ich erinnere mich noch gut daran, dass sie kurz vor der OP einen Arzt und Homöopathen aufsuchte, um eine zweite Meinung einzuholen. Danach war sie sehr deprimiert. Sie meinte hoffnungslos: „Ich bleibe bei dir und warte hier auf meinen Tod.“

Dieser Satz berührte mich so sehr, dass es mir die Kehle zuschnürte und meine Stimme versagte. Dann lagen wir uns beide weinend in den Armen. Es war wie ein Hilfeschrei in ihrer Ausweglosigkeit. Ich spürte Machtlosigkeit. Es ist ein Gefühl, wie wenn dir der Boden unter den Füßen wegbricht und du bist im freien Fall. So oder ähnlich muss es für Gerda gewesen sein.

Es war ein großes Glück, dass Gerda in ihrer Familie und den Enkelkindern einen so guten Rückhalt hatte und von einem sehr vertrauten und gewachsenen Freundeskreis aufgefangen wurde. Insbesondere waren es die Enkelkinder, die ihr den Mut und die Kraft gaben, mit ihrer Krankheit zu kämpfen, was ihr auch ein Jahr gelang.

Bis sich im November 2014 herausstellte, dass sich der Krebs doch einen Weg gesucht hatte und sich Metastasen im Gehirn gebildet hatten. Quälende Tage und Wochen folgten. Soll man sich am Kopf operieren lassen, mit vielleicht weitreichenden Folgen für Körper und Persönlichkeit?

Gerda folgte dem Rat der Ärzte. Die OP verlief gut, Gerda tat alles Erdenkliche, um mit der Krankheit einigermaßen gut zu überleben. Sie erholte sich. Es ging ihr ein paar Monate besser. Bis die nächste Hiobsbotschaft kam. Körperliche Ausfälle zeigten ihr, dass sich die Erkrankung nicht aufhalten ließ. Sie musste wieder und wieder ins Krankenhaus. Die Aufenthalte zehrten an ihren Nerven, da in der Klinik die nötige Ruhe fehlt, um wieder zu sich zu finden.

Es folgte eine Bestrahlungstherapie. Gerda verlor ihre Haarpracht, auch die Kräfte schwanden. Sie versuchte, den Lebenswillen nicht zu verlieren. Sie wollte doch ihre Enkelkinder aufwachsen sehen. Mit viel Ruhe, Freude an Natur und Garten fasste sie wieder Mut.

Im Herbst 2015 unternahmen wir wieder gemeinsame Spaziergänge, machten kurze Ausflüge in der Umgebung. Wir gingen ins Kino und besuchten ein paar Konzerte. Die Hoffnung flammte wieder auf, dass doch noch etwas an Lebensqualität für längere Zeit möglich wäre.

Jedoch war bei jedem „Stechen“ und jedem Schmerz, an welchem Körperteil auch immer, der Gedanke präsent, dass sich die Metastasen vielleicht noch woanders im Körper ausbreiten könnten.

So bereitete sie sich aufs Sterben vor. Mit Abschiedsbriefen, Testament, Patientenverfügung und Vollmachten wollte sie alles bei klarem Bewusstsein regeln. Sie legte fest, möglichst zu Hause unter Betreuung des Jakobus-Hospizvereins und SAPV, Spezialisierte Ambulante Palliativ-Versorgung, zu sterben – und wenn dies nicht mehr möglich wäre, zumindest auf einer Palliativstation. Ein stationäres Hospiz wäre ein großer Wunsch gewesen, aber zu dieser Zeit aussichtslos.

Unsere letzten gemeinsamen Ausflüge machten wir im Mai 2016. Gerda war still geworden, beteiligte sich kaum mehr an Gesprächen. Es war mir nicht sofort klar, dass dies ein neuerlicher Angriff der Metastasen im Gehirn war. Die nächsten Monate sollten die letzten ihres Lebens sein. Das Gedächtnis ließ nach, sie wurde immer schwächer. Für kleine Spaziergänge brauchten wir nun einen Rollstuhl.

Alle Familienmitglieder, Verwandten und Freundinnen übernahmen einen Teil der Pflege, wenn Gerdas Ehemann zur Arbeit musste. Es kam der Herbst – und sie sprach kaum noch ein Wort, blätterte zum Beispiel in der Zeitung am Tisch: vor, zurück, vor, zurück. Ihr Blick ging oft ins Leere und doch gab es Augenblicke, in denen sie wahrnahm, wer bei ihr war, wer ihr zu essen und trinken gab. Sie streichelte die Hand ihres Mannes, während er sie mit einer Engelsgeduld fütterte.

Meistens lag sie im Wohnzimmer auf der Couch, dämmerte vor sich hin, betreut vom SAPV. An einem Oktobermorgen schlief Gerda dann sanft ein. Ich denke, es wäre eine große Erleichterung für sie und die Familie gewesen, wenn es in der Umgebung ein stationäres Hospiz gegeben hätte.


Wie berichtet, ist die Weih- nachtsaktion „OVB-Leser zeigen Herz“ unter anderem der Errichtung des Chiemseehospizes in Bernau gewidmet.

Artikel 1 von 11