Rosenheim – Maria Fritzsche ist ein Sonnenschein. Das spürt man sofort und das sieht man sofort: Ihr Lachen steckt an. Ihren 108. Geburtstag still daheim genießen, das kam für Maria Fritzsche nicht infrage. Im Gegenteil. Sie mag es lebendig um sich herum, liebt den Wirbel. So verbrachte Rosenheims älteste Bürgerin den gestrigen Tag in einer Rosenheimer Buchhandlung – mit einer Signierstunde.
Denn: Anja Fritzsche (40), die Enkeltochter, hat nicht nur eine Facebook-Seite im Netz für ihre Oma eingerichtet, sie hat auch ihre Geschichten und Anekdoten zu Papier gebracht. „Oma, die Nachtcreme ist für 30-Jährige“, heißt der Roman, der die unglaublichen Geschichten einer seit gestern 108-jährigen Frau erzählt.
Dass sich einmal so viele Menschen für ihr Leben interessieren, das hätte Maria Fritzsche nicht gedacht. „Das mag doch keiner sehen“, hatte sie zur Enkeltochter gesagt, als Anja Fritzsche auf die Idee kam, ihre Oma zum Facebook-Star zu machen. „Ich hatte auf meinem Profil immer wieder von meiner Oma berichtet“, erinnert sich Anja Fritzsche. „Durch die positive Resonanz kam mir die Idee, ihr eine eigene Seite einzurichten. Wenn ich 100 Gefällt-mir-Klicks habe, mache ich weiter, habe ich mir damals als Ziel auferlegt.“ Heute hat die Seite im sozialen Netzwerk mittlerweile über 5500 Fans.
Aber was macht das Leben einer über 100-Jährigen so interessant für die Internetnutzer? Ist es die Geschichte, die eine 108-Jährige, 1909 geboren, erlebt hat – von zwei Weltkriegen über den Kalten Krieg bis hin zu zahlreichen technischen Innovationen? Oder ist es die Faszination über ein so hohes Alter und die Frage nach dem Geheimrezept dafür?
Sicher spielen all diese Komponenten eine Rolle. Eins ist aber sicher: Maria Fritzsches Humor, ihre Lebensfreude und ihre ironische Schlagfertigkeit tun ihr Übriges dazu. Wer im Buch liest oder auf der Facebook-Seite stöbert, wird so einige lustige Geschichten aus dem Zusammenleben der Familie erfahren. Auch wie es ist, mit 80 noch einen Liebhaber gehabt zu haben.
Was der schönste Tag in ihrem Leben war? Auf diese Frage weiß Maria Fritzsche keine Antwort. Die Hochzeit? „Nein, das war 1936 kurz vor dem Krieg. Das waren schwierige Zeiten.“ Zurückblicken ist nicht ihr Ding – vielleicht auch ein Geheimnis, warum Maria Fritzsche stets positiv durchs Leben ging und so ein stolzes Alter erreicht hat. „Immer vorwärtsgehen, niemals stehen bleiben“, so ihr Tipp.
Fasziniert schauen viele ihrer Fans auch in der Thalia-Buchhandlung vorbei – gerne halten sie dabei einen Plausch mit der Frau, die sie überwiegend aus Facebook oder der Zeitung kennen. Denn Fritzsche sorgte schon für einige Schlagzeilen: Mit 102 überstand sie eine Herz-OP, mit 106 besuchte sie als FC Bayern-Fan zum ersten Mal die Allianz-Arena und lernte Torhüter Manuel Neuer persönlich kennen. Mit 103 überstand sie einen Oberschenkelhalsbruch.
Maria Fritzsche unterhält sich gerne mit jedem, der vor ihren Rollstuhl an ihrem Geburtstag tritt. Eingehüllt in ihren beigen Wintermantel, stellt sie sich offen den vielen Fragen. Was sie sich mit 108 noch wünscht? Ihr Blick schweift kurz ins Leere. „Da muss ich überlegen.“ Gesundheit stünde definitiv an erster Stelle. „Aber ich würde gerne auch noch ein wenig reisen“, fügt sie hinzu. Maria Fritzsche erinnert sich gerne an ihre Jugend zurück – besonders an die 30er/40er-Jahre. „Ich war so gerne in Marbella. Ich liebe die Herzlichkeit der Menschen dort“, erzählt sie klar.
Apropos Spanien: Mallorca ist auch ein Lieblingsziel der zweifachen Mutter, fünffachen Oma und zweifachen Uroma. Die Insel besuchte sie als Ü100-Jährige schon mehrfach – mit Enkeltochter Anja und Sohn Jochen (76), durch dessen Umzug von Essen nach Rosenheim sie überhaupt erst in den 80er-Jahren nach Bayern kam.
Neben Maria Fritzsche spielt im Leben der Enkeltochter Anja noch eine andere Oma eine wichtige Rolle. Auch die zweite Oma heißt mit Vornamen Maria und ist heuer 100 geworden. „Gerne prahlen die beiden gegenseitig mit ihrem Alter“, verrät Anja Fritzsche. Auch die 100-Jährige schaut zum 108. Geburtstag ihrer Freundin vorbei – mit ein wenig Verspätung, ist ihr und ihrer Tochter doch bei der Anfahrt das Benzin ausgegangen.
Ob die Facebook-Seite künftig „Was macht eine 108-Jährige heute“ heißen wird, weiß Anja Fritzsche noch nicht. Das hänge von technischen Details ab. Weiter posten will sie aber auf alle Fälle.