Schnaitsee/München – Mit Ungläubigkeit und Fassungslosigkeit hatten die Menschen in Schnaitsee im Februar 2017 auf die Festnahme reagiert. Ein Taliban mitten in Oberbayern? Ausgerechnet Omar S., der als Asylbewerber mit Perspektive galt, ein Mörder? Viele wollten das nicht glauben, dachten an eine Verwechslung.
Doch es war kein Versehen. Seit knapp elf Monaten sitzt der 21-jährige Mann nun schon in Untersuchungshaft – und die Vorwürfe haben sich nicht in Luft aufgelöst. Im Gegenteil: Seit Montag wird ihm am Staatsschutzsenat am Oberlandesgericht München der Prozess gemacht.
Nach den Ermittlungen der Bundesanwaltschaft Karlsruhe ist der junge Afghane in seiner Heimat ein Kämpfer in den Reihen der Taliban gewesen. Dabei soll er unter anderem an der Ermordung eines US-amerikanischen Soldaten beteiligt gewesen sein.
Weil Omar S. zumindest einen Teil der angeklagten Taten als Minderjähriger verübt haben könnte, hat sich das Oberlandesgericht dazu entschlossen, den Prozess unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu führen. Das Urteil könnte sich noch eine Weile hinziehen. Angesetzt sind neun Verhandlungstage.
Bis zu seiner Verhaftung am 8. Februar 2017 in einer Unterkunft für Flüchtlinge in Schnaitsee hatte Omar S. als vorbildlicher Flüchtling gegolten. Er galt als guter Sportler, war als Kickboxer erfolgreich. Der Afghane habe sich schnell integriert, hieß es in seinem Umfeld. Der junge Mann mit dem Vollbart wollte bald eine Ausbildung zum Elektriker in Angriff nehmen.
Doch in der Nacht auf den 9. Februar 2017 holte den mutmaßlichen ehemaligen Taliban-Kämpfer die Vergangenheit ein. Um 3 Uhr früh sollen ihn Polizisten aus dem Bett geklingelt haben, wie ein Landsmann, der ebenfalls in der Unterkunft wohnte, unserer Zeitung damals berichtete. Omar S. hatte etwa ein Jahr lang in dem gelb-beigen Haus in der Trostberger Straße gewohnt. Die Pressestelle der Bundesanwaltschaft hatte im Februar im Gespräch mit den OVB-Heimatzeitungen betont, dass bei der Festnahme des Verdächtigen keine Waffen gefunden wurden.
Der Beschuldigte soll sich 2013 im Alter von 16 Jahren den radikal-islamistischen Taliban angeschlossen haben und im Umgang mit Waffen ausgebildet worden sein, unter anderem mit dem Sturmgewehr und Handgranaten. In mindestens zwei Fällen, so die Vorwürfe, hat er 2013 und 2014 gemeinsam mit anderen Taliban gegen afghanische Regierungstruppen und US-Soldaten gekämpft. Dabei habe er in Tötungsabsicht Schüsse auf Soldaten abgefeuert, werfen ihm die Ermittler vor.
Bei den Gefechten soll mindestens ein US-amerikanischer Soldat getötet und zwei weitere verletzt worden sein. „Er erhielt unter anderem ein Sturmgewehr AK 47 Kalaschnikow samt Munition sowie Handgranaten“, teilte der Generalbundesanwalt in einer Pressemitteilung mit. Im Zuge des Asylverfahrens hat sich der 21-Jährige bei Befragungen durch Mitarbeiter des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) wohl selbst belastet.
Nach OVB-Informationen hat Omar S. keine Verwandten in Deutschland. Sein Vater ist Arzt in einem Krankenhaus in Kabul. Auf der Flucht fand er einige Monate Unterschlupf bei einem Verwandten im Iran, ehe er die nötigen Mittel hatte, um im Dezember 2015 über die Türkei nach Deutschland zu kommen. Einige Monate lebte er in einer Sammelunterkunft, ehe er am 25. März 2016 nach Schnaitsee in den westlichen Kreis Traunstein kam. Zweimal in der Woche fuhr er mit seinem Fahrrad zum Kickbox-Training nach Traunreut.