Rosenheim – Es sind schlimme Bilder, die abends bundesweit über den Fernsehbildschirm flimmern: Vermummte sind mit Raketenböllern bewaffnet und schießen auf Einsatzkräfte. Sei es auf Sanitäter, Polizisten oder Feuerwehrmänner – ähnlich wie Gaffer behindern sie die wertvolle Arbeit der Helfer, die vor Ort sind, um Leben zu retten.
Die gute Nachricht vorweg: Im Landkreis Rosenheim geht es deutlich ruhiger zu – eine unverhältnismäßige Zunahme an tätlichen Übergriffen spüren die Einsatzkräfte hier nicht. Anton Huber ist Kriminaloberkommissar der Polizeiinspektion Rosenheim. „Diese Vorkommnisse haben in den vergangenen Jahren nicht merklich zugenommen“, sagt er. Gerade die Polizei ist in Sachen Respektlosigkeit gegenüber Beamten vor allem mit Beleidigungen konfrontiert. „Die hat es aber immer schon vereinzelt gegeben“, spricht Huber aus jahrelanger Berufserfahrung. Oft sei hier Alkohol im Spiel. „Da sinkt leider die Hemmschwelle.“ Auch Widerstände bei Festnahmen kommen hin und wieder vor – das sei ebenfalls nichts Neues.
Oft sind es Einsätze, die beim ersten Anschein harmlos wirken. „Wir werden beispielsweise wegen einer Ruhestörung gerufen oder auch wegen einem häuslichen Streit“, berichtet der Kriminaloberkommissar. Gerade hier könne eine Situation leicht eskalieren. „Ich erinnere mich zum Beispiel an einen Fall, wo wir zu einem Familienstreit hinzugerufen worden sind. Dabei stellte sich heraus, dass der Mann die Frau geschlagen hatte. Die Emotionen der Familie kochten schnell hoch, und dann wurde der Mann auch plötzlich gegenüber uns Beamten aggressiv.“ Vorbereitet sind die Polizisten auf solche Situationen. „Wir haben spezielles Einsatztraining, bei dem wir lernen, mit solchen Eskalationen korrekt umzugehen.“ Vieles mache aber auch jahrelange Berufserfahrung aus.
Dass die öffentliche Wahrnehmung sich in den vergangenen Jahren verändert habe, sieht Huber nicht. Zumindest nicht in der Region. Ganz im Gegenteil: „Die Bürger reagieren meist sehr positiv auf die Polizei. Das merkt man vor allem auf dem Christkindlmarkt und der Wiesn. Hier kriegen wir viel gutes Feedback.“
Kreisbrandrat Richard Schrank berichtet Ähnliches. Die Feuerwehr hat weniger mit Pöbeleien und Aggression zu tun. Selten käme es bei Straßensperren schon einmal zu Beschimpfungen und Anremplern. Hier appelliert Schrank an die Vernunft der Bürger. „Wir riegeln die Straßen ja nicht aus Spaß ab.“ Vernunft sei allerdings so eine Sache – vor allem bei Unfällen auf der Autobahn. „Hier nehmen die Gaffer massiv zu“, bedauert Schrank. Sie filmen dann voyeuristisch mit ihrem Handy. „Und gefährden durch ihr langsames Fahren obendrein noch andere.“ Da müssen die Einsatzkräfte nur mit dem Kopf schütteln. „So etwas verstehe ich allein schon aus Pietätsgründen nicht.“
„Wir leben hier auf einer Insel der Glückseligkeit“, beschreibt Thomas Neugebauer für den hiesigen Rettungsdienst die Situation. Er ist stellvertretender Geschäftsführer und Bereichsleiter im Rettungsdienst des Roten Kreuzes, Kreisverband Rosenheim. Für ihn ist Gewalt ein sehr weitgefasster Begriff, der von Beleidigung über Anspucken bis hin zu Handgreiflichkeiten reicht.
Im Gegensatz zu Städten mit über einer halben Million Einwohner spürt das BRK im Landkreis Rosenheim keine deutliche Zunahme an Übergriffen. Auch hier gab es immer schon Patienten, die vor allem unter Drogen- und Alkoholeinfluss Sanitäter anspuckten oder im Rettungswagen um sich schlugen.
Was die heimischen Einsatzkräfte aber durchaus spüren: „Ein gesteigertes Anspruchsdenken.“ Der Rettungsdienst werde auf der einen Seite schneller gerufen als früher, auf der anderen Seite würden die Menschen mehr erwarten: „Am liebsten wäre es ihnen, wir wären in einer Sekunde vor Ort.“ Überwiegend hätten die Sanitäter es mit Beleidigungen zu tun, „das sind gut 98 Prozent etwaiger Vorfälle“. Doch auch das käme eher selten vor.
Gaffer behindern Einsatzkräfte
Problematisch seien auch für den Rettungsdienst die Gaffer. „Hier spüren wir durchaus eine Aggressivität. Wenn wir einen Unfallort freigeben, müssen wir teilweise aufpassen, dass uns unverschämte Autofahrer nicht über die Zehen fahren.“
Erleichtert hat der Digitalfunk die Arbeit der Einsatzkräfte. „Das Gerät tragen unsere Leute am Körper. Im Zweifel können sie direkt eine Notruftaste drücken. Das hat die Sicherheit unserer Mitarbeiter erheblich verbessert.“