Rosenheim – Im Mittelalter gab der braune Geselle den damaligen Menschen ein Rätsel auf: Selbst bei erbeuteten Tieren konnten sie keine Geschlechtsmerkmale feststellen. Außer, das Weibchen war trächtig. Man ging beim Männchen davon aus, dass es keine Geschlechtsorgane besaß und gab ihm den lateinischen Namen „Castor“, weil alle Merkmale eines Kastrierten zutrafen.
Was man nicht wusste: Die entsprechenden Organe sind in einer Kloake versteckt, die durch einen Ringmuskel geschlossen wird. Dieses Geheimnis wurde später gelüftet, der Name „Castor“ blieb.
Der Biber (Castor fiber) hat einen gedrungenen Körper mit kurzen Beinen und braunes, dichtes Fell (23000 Haare auf den Quadratzentimeter). Gut eingefettet mit einem Sekret aus einem Drüsenpaar im Afterbereich hat er im kalten Wasser einen wärmenden „Pelzmantel“.
Unverkennbar ist der Biber mit seinem flachen, unbehaarten, beschuppten Schwanz, der Kelle. Sie verleiht ihm einen guten Antrieb, dient zugleich als Steuer und als Körpertemperaturregler.
Biber werden bis zu 120 Zentimeter lang, einschließlich Schwanz. Bis knapp über 30 Kilogramm können sie auf die Waage bringen. In freier Natur werden sie bis zu zwölf Jahre alt.
Hervorragend an das Wasserleben angepasst, hat der Biber an den Hinterpfoten Schwimmhäute. Er kann seine Nasen und Ohren beim Tauchen verschließen. Die Augen sind mit einem zusätzlichen durchsichtigen Augenlid ausgerüstet, mit ähnlichem Effekt wie bei einer Taucherbrille. Bei bis zu erstaunlichen 20 Minuten pro Tauchgang legt er erhebliche Strecken zurück.
Er ist ausgestattet mit kräftigen 3,5 Zentimeter langen orangeroten Nagezähnen, die ein Zentimeter pro Monat wachsen. Ober- und Unterzähne passen perfekt zueinander und schleifen sich gegenseitig ab. Daher hat er immer scharfe Zähne. Seine Bäume fällt der Biber möglichst gezielt ins Wasser, um an die saftigsten und zartesten Äste aus der Krone zu kommen. Der Biber schreckt dabei vor keiner Stammdicke und Baumart zurück und er ist ein pflanzlicher Allesfresser. Im Frühjahr stehen auf seinem Speiseplan neben Baumrinde, Knospen und jungen Trieben auch frisch sprießendes Schilf, Gräser und Wurzelknollen der Seerose sowie im Herbst auch Feldfrüchte wie Mais und Rüben. Um für den Winter gut gerüstet zu sein, hält der Biber keinen Winterschlaf. Er schafft viele Äste zu seiner Biberburg, die unter Wasser frisch gehalten wird. Trotz oberflächlicher Vereisung kann er über seinen Unterwasser-Eingang an die Rinde der gelagerten Äste gelangen. Sein Nahrungsbedarf macht rund ein Fünftel seines Körpergewichts aus.
Im Januar/Februar findet bei den monogam lebenden Bibern die Paarung statt. Dreieinhalb Monate später bringt das Weibchen zwei bis vier Junge zur Welt.
Die Jungen sind anfangs wasserscheu. Deshalb nimmt das Weibchen die Jungen mit den Vorderpfoten und taucht mit ihnen ins freie Wasser, um sie rigoros und mit Nachdruck dem Element Wasser alleine zu überlassen.
Fünf bis acht Tiere besetzen so ein Biberrevier, weil die vorjährigen Tiere den Bau erst mit circa zweieinhalb Jahren verlassen, um ein eigenes Revier zu gründen. Diese Suche kann sich bis zu 100 Kilometer, im Schnitt aber 25 Kilometer, ausdehnen. Ein Biberrevier beansprucht 400 Meter bis drei Kilometer Uferlänge.
Das heutige Problem des Bibers ist: Er konkurriert mit den Menschen um die gleichen Biotope, um die sich früher niemand gekümmert hat. Obwohl der Biber im Naturschutzrecht als besonders geschützte Art aufgeführt wird, geht der Konflikt für ihn zwischenzeitlich – trotz hohen Schutzstatues – nicht immer gut aus.
Der Biber, vor allem bekannt geworden durch seine Dämme, die schon mal in unserer Gegend zehn bis 15 Meter Breite erreichen können (in Alaska habe ich sie bis zu 80 Meter Breite gesehen), gestaltet seinen Lebensraum aktiv.
Sie stauen das Wasser, um im oberen Teil ihre Burg zu bauen, deren Eingang unter Wasser sein muss. Dazu ist ein bestimmter Wasserpegel notwendig. Da aber beginnt für den fleißigen Nager das Schlamassel. Für große Flächen kann das erhöhte Wasserstände bedeuten, mit denen die Landwirte verständlicherweise nicht einverstanden sind.
Die Bayerische Staatsregierung erließ 2008 eine Artenschutzrechtliche Ausnahmeverordnung (AAV), in der geregelt wurde, dass nur Biberbeauftragte den Biber der Natur – nach strengen Regeln – entnehmen dürfen. Heute bedeutet der Begriff „Entnahme“ meist das Todesurteil. Wurden sie früher noch gefangen und andernorts freigelassen, werden die Biber heute dankend abgelehnt. Tatsache ist, dass der Biber wieder heimisch ist und sich im Landkreis weiter ausbreitet. Bei amtlich gezählten 170 Biberrevieren im Landkreis Rosenheim kann man den Bestand in etwa hochrechnen und kommt dabei auf 700 bis 750 Tiere.
Natürliche Feinde hat der erwachsene Biber kaum. Ältere Biber können bei Revierstreitigkeiten an Biss-Infektionen eingehen und wandernde Biber, die ein neues Revier suchen, dem Straßenverkehr zum Opfer fallen. Das alles hat offenbar keinen großen Einfluss auf die weitere Ausbreitung des Bibers, was die Zahlen der vergangenen Jahre beweisen.