Amtsgerichtsdirektorin Helga Gold geht in den Ruhestand

„Jeder hat seine dunklen Seiten“

von Redaktion

Eine weibliche Pionierin zu sein, hat ihr Berufsleben geprägt. Helga Gold war die erste Oberstaatsanwältin in Rosenheim – und die erste Amtsgerichtsdirektorin. Jetzt geht die 65-Jährige in den Ruhestand. Im Gespräch mit der OVB-Redaktion erinnert sie sich an 41 spannende Jahre im Dienste des Rechts.

Rosenheim – „Anfangs musste ich mich schon durchboxen“, erinnert sich Helga Gold an ihren Arbeitsstart als Oberstaatsanwältin im Jahr 1997. Sie war die erste und ist bis heute die einzige Frau in diesem Amt. Die von Männern dominierte Gerichtswelt gewöhnte sich jedoch schnell an die zierliche Rosenheimerin mit der starken Ausstrahlung, die stets den Spagat schaffte: Juristin mit kühlem Kopf und Mensch mit Feingefühl zu sein.

Diese Kombination ist das Erfolgsgeheimnis von Helga Gold, die von sich sagt, „nicht den Menschen, sondern seine Tat“ verurteilt zu haben. Sie hat in ihrer langen Karriere Mörder und Brandstifter verurteilt sowie Betrüger entlarvt. Trotzdem sagt sie: „Ich sehe den Menschen nicht eindimensional, reduziere ihn nicht auf seine Tat, sondern stelle ihn in den Kontext der Konfliktsituation.“ Gut oder böse: So leicht lässt sich der Mensch nach ihren Erfahrungen nicht in Schubladen stecken. „Jeder hat seine dunklen Seiten“, ist Helga Gold sogar überzeugt. „Ich habe hinter so manche schöne Fassade geblickt.“

Kann sie angesichts der Tatsache, dass sie beruflich mit vielen grausamen Verbrechen und schweren Schicksalen konfrontiert wurde, noch unbefangen durch das nun beginnende Rentnerleben schreiten? „Natürlich“, sagt sie lächelnd, „das muss man aushalten können.“ Helga Gold hat sich abgrenzen können, sich trotz Mitgefühl und Emotionalität nicht so hineinziehen lassen in einen Fall, dass er sie aus der Bahn geworfen hat. Auch das ist ein Erfolgsrezept der starken Frau in der Rosenheimer Justiz.

In ihre Zeit als Oberstaatsanwältin und ab 2005 als Rosenheimer Amtsgerichtsdirektorin fielen spektakuläre Kriminalfälle wie der geplante Sado-Maso-Mord von Waldering. Ein Paar hatte sich Anfang der 90er-Jahre einen Folterkeller in seinem Haus eingerichtet und ein Kind im damals noch jungen Medium Internet für Gewaltexzesse angeboten. Der Feuerteufel von Rosenheim, der Mord an einem Kellner und das in der Badewanne ertrunkene Mädchen Nathalie sowie der Unfall von BMW-Chef Bernd Pischetsrieder mit einem McLaren-Boliden auf einer Landstraße am Chiemsee waren weitere aufsehenerregende Fälle. Der traurigste war ein Unfall, erinnert sich Gold: zwei Studenten, die in der Aisingerwies in ihrer Wohnung verbrannten, weil sie eine Plastikschüssel auf der Herdplatte stehen gelassen hatten. Ihren verzweifelten Versuch, dem Erstickungstod zu entkommen, symbolisierten die Handabdrücke im Russ auf den Fensterflächen.

Der lustigste Fall lässt Helga Gold in der Erinnerung noch heute schallend lachen, obwohl er für sie auch eine kleine Niederlage bedeutete: Es ging um einen ledigen Bauern mit viel Land in guter Lage, der seinen Neffen adoptieren wollte. Dieser unterstrich sein angeblich inniges Verhältnis zum Verwandten – wie bei einem Vater und seinem Sohn – mit dem Hinweis, er schneide seinem Onkel regelmäßig die Fußnägel. „Das habe ich nicht durchgehen lassen“, erzählt Helga Gold. Dass das Oberlandesgericht später dem Neffen Glauben schenkte, nimmt sie sportlich.

Adoptionen, Scheidungen, Umgangsregelungen: Diese Fälle aus dem Familienrecht haben die Mutter eines Sohnes, heute auch begeisterte Großmutter von zwei Enkeln, besonders intensiv beschäftigt. Ihr Hauptaugenmerk war stets das Wohl der Kinder.

Gewalt im häuslichen Raum: Dagegen hat die Rosenheimerin jahrzehntelang juristisch gekämpft – schon in Zeiten, als Frauenhäuser und Notrufe sowie Hilfsangebote für betroffene Mädchen und Frauen kaum bekannt waren. Noch in den 80er-Jahren herrschte auch an deutschen Gerichten ein Frauenbild, das bei Gewalt durch Männer eine Mitschuld häufig bei den Frauen sah. Dass die „Dampfdeckeltheorie“, nach der Männer ihre Triebe nicht bremsen können sollen, wenn sie optische Reize aufnehmen, vom Tisch ist, dafür hat sich auch Helga Gold eingesetzt. Sie freut sich darüber, dass die Sensibilität gegenüber Gewalt an Frauen und Kindern gestiegen und der Opferschutz verbessert worden ist.

Die Rente kann sie angesichts dieser Erfolge, die auch ihre Handschrift tragen, genießen. „Ich freue mich vor allem darüber, dass ich keine Termine mehr habe“, berichtet sie. Dafür hat sie jetzt Zeit zum Kochen, für Gymnastik und Zumba beim Sportverein Pang und für ihre Enkelsöhne.

Mit dem Amtsgericht wird sie sich trotzdem noch ein wenig beschäftigen: Helga Gold möchte die Geschichte des Hauses mit seinen 200 Mitarbeitern, eines der größten Amtsgerichte in Bayern, aufarbeiten und dokumentieren. Was sie außerdem freut: Noch in ihrer Amtszeit fielen nach langen Jahren des Wartens die Entscheidungen für das neue Justizzentrum, das 2025 kommen soll.

Ralf Peter wird Nachfolger

Nachfolger von Helga Gold wird Ralf Peter, bisheriger Direktor des Amtsgerichts Mühldorf. Er wechselt zum 1. Mai als neuer Direktor nach Rosenheim. „Nach 13 Jahren in Mühldorf ist es Zeit, noch einmal eine neue Herausforderung zu suchen“, erläutert Peter seine Entscheidung. Er ist auch Richter am Bayerischen Verfassungsgerichtshof.ha

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