Heute vor zehn Jahren

Als „Emma“ durch die Rathäuser fegte

von Redaktion

Politische Erdbeben hat es schon vor Trump und der AfD gegeben. Heute vor zehn Jahren deckte das Orkantief „Emma“ in der Region nicht nur Häuser- und Hallendächer ab. Die stürmische Dame wehte auch so manchen Platzhirschen von seinem Chefsessel. Bei der Kommunalwahl 2008 blies vor allem der CSU ein eisiger Wind ins Gesicht.

Rosenheim/Landkreis – Rund 235000 Stimmberechtigte in Stadt und Landkreis Rosenheim durften am 2. März 2008 ihre Kreuzerl machen. Die Stimmung im Land war aufgeladen – knapp zwei Monate nach der umstrittenen Einführung des Rauchverbots in Bayern, gegen die Wirte und Raucher Sturm liefen. Dann kam am Wahl-Wochenende auch noch ein echter Orkan – und mit den Ausläufern von „Emma“ wirbelten vor allem die 117000 Wähler (62,7 Prozent) der 46 Kommunen im Landkreis so manche Prognose durcheinander.

Der Kämmerer und

die Zeitungsannonce:

Sensation in Prien

Gleich sechs amtierende Bürgermeister bangten nach dem stürmischen Wahlsonntag um ihren Posten. Sie mussten in die Stichwahl. Abgewählt wurden letztlich vier CSU-Männer: Christian Fichtl in Prien, Rudolf Zehentner in Stephanskirchen, Hans Hofstetter in Bad Endorf und Stefan Beer in Eggstätt. So viele Favoritenstürze hatte es zuvor in der Region noch nie gegeben. Nur Felix Schwaller (CSU) in Bad Aibling und Barbara Reithmeier (UW) in Ramerberg setzten sich in der Stichwahl gegen ihre Herausforderer durch.

Zur wohl größten Wahlsensation kam es in Prien. In der Marktgemeinde war der parteilose Jürgen Seifert, damals noch Stadtkämmerer in Kulmbach, der lachende Dritte des CSU-internen Machtkampfs zwischen Bürgermeister Christian Fichtl und Andreas Neuer.

Mit bemerkenswerten 44,4 Prozent der Stimmen hatte Seifert im ersten Wahlgang die Nase klar vorn. Fichtl kam auf 33,1 Prozent, Andreas Neuer auf 22,5.

Der amtierende Rathaus-Chef war für die „Wählerinitiative Bürgermeister Fichtl“ (WBF) ins Rennen gegangen, weil ihm die Priener CSU einen Gegenkandidaten aus den eigenen Reihen vor die Nase gesetzt hatte. Indessen hatte eine Priener Listenverbindung von drei Gruppierungen ihren Kandidaten per Zeitungsannonce gesucht und war weit weg vom Chiemsee in Kulmbach fündig geworden.

Als der Kämmerer aus Oberfranken tatsächlich mit einem klaren Stichwahlsieg (62,7 Prozent) ins Rathaus einzog, sorgte das bayernweit für Schlagzeilen. Fichtl (37,3) war geschlagen. Ähnlich klare Triumphe fuhren Gudrun Unverdorben (UWG), Rainer Auer (SPD) und Johannes Schartner (ÜWG) in Bad Endorf, Stephanskirchen und Eggstätt gegen Hofstetter, Zehentner und Beer ein.

Nachhaltige Machtwechsel

Wie sich zeigte, waren drei der vier Überraschungssiege nachhaltige Machtwechsel: Seifert, Auer und Schartner sind auch zehn Jahre danach noch im Amt, nur Unverdorben trat bei der Kommunalwahl 2014 nicht mehr an.

Unterm Strich waren am 2. März 2008 auch im Raum Rosenheim CSU und SPD die großen Verlierer, Freie Wähler und Parteifreie sowie Grüne die Gewinner. Das spiegelte sich auch im neuen Kreistag wider. Dort verlor die CSU (47,5 Prozent) die absolute Mehrheit, Freie Wähler und Parteifreie (13,0) und Grüne (11,2) befanden sich nun fast auf Augenhöhe mit der SPD (14,2). Immerhin durften sich die Christsozialen über den Triumph des neuen Landrats Josef Neiderhell (56,6 Prozent) und das Traumergebnis von Rosenheims Oberbürgermeisterin Gabriele Bauer (69,2 Prozent) freuen.

Eine gute Nachricht kam auch von der „Emma“-Front: Obwohl die Sachschäden enorm waren, auf den Autobahnen zeitweise Chaos herrschte und es viele brenzlige Situationen zu überstehen gab, waren keine Toten oder Schwerverletzten zu beklagen. Einige Häuserdächer wehte der Wind auf den Boden, Bäume und Strommasten stürzten serienweise auf Autobahnen und Straßen. Die Feuerwehren kamen auf 174 Einsätze im Landkreis und 44 in der Stadt Rosenheim, im Kreis Traunstein waren es sogar über 300.

Die meisten Schäden waren rasch behoben, manche Wahlschlappen dagegen irreparabel. Für einige Kandidaten markierte der März 2008 das Ende der kommunalpolitischen Karriere.

Artikel 7 von 11